Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stigmatisierung von Übergewicht ist ein unterschätztes Problem

11.01.2008
Eine repräsentative Untersuchung in der deutschen Bevölkerung zeigt, dass Vorurteile gegen übergewichtige und adipöse Menschen stark verbreitet sind. Eine Nachwuchsforschergruppe aus Marburg sucht nach Möglichkeiten, stigmatisierende Einstellungen zu reduzieren.

Die Adipositas (schweres Übergewicht) ist eines der gegenwärtig drängendsten weltweiten Gesundheitsprobleme. Nach den aktuellsten Zahlen des Robert-Koch-Institutes sind in der Bundesrepublik 18,1% der Erwachsenen und 6,3% der Kinder und Jugendlichen adipös, zusätzlich sind 15% der Minderjährigen und mehr als 40% der Volljährigen übergewichtig. Die medizinischen Folgen sind gravierend: Adipositas erhöht sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen das Risiko für eine Vielzahl an Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

"Über die möglichen medizinischen Risiken des Übergewichtes wissen wir mittlerweile recht viel", führt PD Dr. Anja Hilbert, Leiterin einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten und an der Philipps-Universität Marburg angesiedelten Nachwuchsforschergruppe zur Adipositas aus. "Adipöse Menschen sind aber auch Stigmatisierungen und Diskriminierungen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen ausgesetzt - z.B. im Bildungswesen, am Arbeitsplatz, aber auch im Gesundheitswesen. Wie Untersuchungen aus den USA zeigen, werden stark übergewichtige Personen als willensschwach, faul und weniger intelligent eingestuft. Bislang wissen wir so gut wie nichts darüber, ob sich das in Europa und besonders in Deutschland ähnlich verhält."

Um diese Lücke zu schließen haben die Marburger Wissenschaftler in Kooperation mit Prof. Dr. Elmar Brähler von der Universität Leipzig eine repräsentative Untersuchung in der deutschen Bevölkerung durchgeführt. "Das Ergebnis hat uns schon etwas überrascht", kommentiert Prof. Dr. Winfried Rief vom Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität. "Fast ein Viertel der Befragten haben eindeutig stigmatisierende Einstellungen geäußert; nur knapp über 20% lehnen eine pauschale negative Beurteilung von adipösen Personen ausdrücklich ab. Besonders bemerkenswert ist allerdings, dass 55% unentschieden sind."

... mehr zu:
»Adipositas »Übergewicht

Dieses Resultat weist wohl auf ein hohes Maß an latenter Stigmatisierung hin. "Es scheint so zu sein, dass die Mehrheit sich nicht sicher ist, ob die Vorurteile über adipöse Menschen zutreffen oder nicht. Das heißt aber möglicherweise, dass viele grundsätzlich auch bereit wären, diese Stereotypen zu bestätigen. Von welchen Faktoren das abhängt, wissen wir allerdings noch nicht sicher", resümiert Anja Hilbert.

Einen Hinweis hat die Studie aber doch ergeben: 85% der Befragten gaben an, Adipöse seien im Wesentlichen selbst für ihr starkes Übergewicht verantwortlich, da sie sich einfach zu wenig bewegen und zu viel essen. "Die neuesten Forschungsergebnisse zeigen zwar ganz klar, dass Adipositas durch eine Vielzahl an Faktoren wie genetische Prädisposition, das Lebensumfeld, der jeweilige Lebensstil etc. bedingt wird. Aber in der Öffentlichkeit ist bislang zu wenig bekannt, wie komplex das Übergewichtsproblem eigentlich ist. Wer die Ursachen einer Adipositas vor allem im individuellen Verhalten sucht, neigt auch eher zu Vorurteilen", erläutert Dipl.-Theol. Jens Ried, Mitglied der Nachwuchsforschergruppe.

Die Nachwuchswissenschaftler sehen genau darin aber auch eine Möglichkeit, stigmatisierende Einstellungen zu reduzieren. In einem kürzlich abgeschlossenen Experiment der Nachwuchsforschergruppe mit insgesamt 130 Studenten wurde durch ein computergestütztes Lernmodul über die Entstehung der Adipositas und Stigmatisierung informiert. "Wir konnten feststellen, dass stigmatisierende Einstellungen sich verringern, wenn mehr Wissen über die Adipositas und die verbreiteten Vorurteile vorhanden ist", berichtet Anja Hilbert. "Wir werden diesen Ansatz weiter verfolgen und verschiedene Strategien zur Reduktion des Adipositasstigmas entwickeln und testen."

Die bisherige Arbeit und die geplanten Projekte der Nachwuchsforschergruppe haben auch den Geldgeber überzeugt. Das BMBF hat die bisherige Tätigkeit der Nachwuchsforschergruppe vor kurzem begutachtet und wird das erfolgreiche Projekt für weitere zwei Jahre fördern. Die Philipps-Universität finanziert anschließend für drei weitere Jahre die aussichtsreiche Arbeit der jungen Wissenschaftler.

Kontakt:
ELSA-Nachwuchsforschergruppe "Psychosoziale, ethische und rechtliche Konsequenzen genetischer Befunde bei Adipositas"
Fachbereich Psychologie, Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie,
Gutenbergstraße 18, 35032 Marburg
Tel.: 06421/2823657 (Sekretariat), Fax: 06421/2828904
www.uni-marburg.de/nfg-adipositas
PD Dr. Anja Hilbert, Tel.: 0 64 21 / 282 37 87, hilbert@staff.uni-marburg.de
Dipl.-Theol. Jens Ried, Tel.: 0 64 21 / 282 37 88, ried@staff.uni.marburg.de

Dr. Viola Düwert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-marburg.de

Weitere Berichte zu: Adipositas Übergewicht

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Im Focus: LZH showcases laser material processing of tomorrow at the LASYS 2018

At the LASYS 2018, from June 5th to 7th, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) will be showcasing processes for the laser material processing of tomorrow in hall 4 at stand 4E75. With blown bomb shells the LZH will present first results of a research project on civil security.

At this year's LASYS, the LZH will exhibit light-based processes such as cutting, welding, ablation and structuring as well as additive manufacturing for...

Im Focus: Kosmische Ravioli und Spätzle

Die inneren Monde des Saturns sehen aus wie riesige Ravioli und Spätzle. Das enthüllten Bilder der Raumsonde Cassini. Nun konnten Forscher der Universität Bern erstmals zeigen, wie diese Monde entstanden sind. Die eigenartigen Formen sind eine natürliche Folge von Zusammenstössen zwischen kleinen Monden ähnlicher Grösse, wie Computersimulationen demonstrieren.

Als Martin Rubin, Astrophysiker an der Universität Bern, die Bilder der Saturnmonde Pan und Atlas im Internet sah, war er verblüfft. Die Nahaufnahmen der...

Im Focus: Self-illuminating pixels for a new display generation

There are videos on the internet that can make one marvel at technology. For example, a smartphone is casually bent around the arm or a thin-film display is rolled in all directions and with almost every diameter. From the user's point of view, this looks fantastic. From a professional point of view, however, the question arises: Is that already possible?

At Display Week 2018, scientists from the Fraunhofer Institute for Applied Polymer Research IAP will be demonstrating today’s technological possibilities and...

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Mikroskopie der Zukunft

22.05.2018 | Medizintechnik

Designerzellen: Künstliches Enzym kann Genschalter betätigen

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics