Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auf dem Weg zu einer Impfung bei schwerer Virusinfektion des Gehirns

24.09.2015

Forschende der Universität Zürich und des Universitätsspitals zeigen erstmals neue mögliche Behandlungsmethoden für eine seltene, meist tödlich verlaufende Gehirnerkrankung auf. Aus der Erkenntnis, dass spezifische Antikörper eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung der Virusinfektion spielen, könnte ein Impfstoff gegen die Krankheit «progressive multifokale Leukoenzephalopathie» gewonnen werden.

Der Mensch trägt im Darm, auf der Haut und in anderen Organen eine Vielzahl von Viren und Bakterien, die zum Teil an wichtigen Körperfunktionen beteiligt sind. Unter bestimmten Bedingungen können manche davon jedoch zu Krankheiten führen. So auch ein Virus aus der Familie der Polyoma-Tumorviren, das sogenannte JC-Virus.


Entzündungsherde (helle Zonen) im Gehirn von Multiple-Sklerose-Patienten, die an einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie (PML) erkrankt sind.

(Bild Neuroradiologie, USZ)

Dieser Erreger konnte 1971 erstmals im Gehirn eines Patienten isoliert werden, der an einer seltenen Gehirnerkrankung, der «progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie» (PML), litt. Normalerweise kommt dieses Virus, das mehr als 60% der Weltbevölkerung in sich trägt, in der Niere und einigen anderen Organen vor. Es wurde vermutet, dass das JC-Virus die Infektion des Gehirns ausgelöst hat, die in den meisten Fällen zum Tode führt.

Schwaches Immunsystem begünstigt Infektion des Gehirns

Ein internationales Team von Forschenden der Universität Zürich, des Universitätsspitals Zürich, des National Institutes of Health in den USA, des San Raffaele Hospitals in Mailand, der Universität Tübingen sowie der UZH-Spin-Off Firma «Neurimmune» hat nun in zwei Studien gezeigt, dass die Antikörper von PML-Patienten häufig das JC-Virus, mit dem sie infiziert sind, nicht erkennen.

«Im gesunden Menschen führt es nie zu Krankheitserscheinungen, da es durch das Immunsystem gut kontrolliert wird. Sobald aber bei schweren Krankheiten wie etwa Tumoren, Leukämien, AIDS oder bei Autoimmunerkrankungen das Abwehrsystem beeinträchtigt ist, kann das JC-Virus seine genetische Information verändern und das Gehirn infizieren», erklärt Roland Martin, Professor für Neurologie an der Universität Zürich.

Bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) beispielsweise führt die Behandlung mit einem bestimmten Antikörper im Medikament TysabriTM dazu, dass Immunzellen nicht mehr ins Gehirn gelangen – gleichzeitig aber auch die Immunüberwachung des Gehirns verhindert wird. Wenn unter dieser Therapie JC-Viren ins Gehirn eindringen, bleiben sie dort unerkannt und es kann zur «progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie» führen, der gravierendsten Nebenwirkung des sehr gut wirksamen Medikaments.

Über 560 MS-Patienten weltweit haben bereits die Gehirninfektion PML entwickelt. Mehr als 20 Prozent der Erkrankten sind daran verstorben, weil es bislang keine wirksame Behandlung gibt. Erst wenn die Funktion des Immunsystems wieder vollständig hergestellt ist, kann es das JC-Virus aus dem Gehirn entfernen.

Aktives Impfverfahren und therapeutische Antikörper in Zürich entwickelt

Die Forschenden zeigen nun Wege auf, wie man möglicherweise prophylaktisch gegen die PML impfen oder diese durch virusspezifische menschliche Antikörper behandeln kann, wenn das Gehirn bereits infiziert ist. Durch Impfung mit dem Hüllprotein des Virus konnten die internationalen Gruppen sowohl in Mäusen als auch an einer PML-Patientin zeigen, dass sich die Antikörperantwort so verstärkte, dass die Patientin das JC-Virus rasch eliminieren konnte.

Das sogenannte aktive Impfverfahren war zuvor an der Universität Zürich und am Universitätsspital entwickelt und bereits erfolgreich an zwei weiteren Patienten eingesetzt worden. Die für die Therapie der vorliegenden Hirninfektion interessanten JC-virusspezifischen Antikörper wurden von der Arbeitsgruppe an der Universität Zürich und Universitätsspital gemeinsam mit Forschern der Universität Tübingen und der Biotechnologiefirma «Neurimmune» in Schlieren entwickelt.

«Uns ist ein wichtiger Durchbruch gelungen», erklärt Prof. Roland Martin. «Wir konnten aus einer Patientin, die die PML überlebt hat, antikörperproduzierende Zellen isolieren und daraus neutralisierende Antikörper gegen das JC-Virus herstellen. Diese menschlichen Antikörper haben den Vorteil, dass sie die wichtigsten Mutanten des JC-Virus, die zur PML führen, erkennen. Sie stehen jetzt als vielversprechende Kandidaten für die Entwicklung einer Behandlung der PML zur Verfügung.»

Literatur:
Ray U, Cinque P, Gerevini S, Longo V, Lazzarin A, Schippling S, Martin R, Buck CB, and Pastrana DV. JC Polyomavirus Mutants Escape Antibody-Mediated Neutralization. Sci Transl Med. September 23, 2015. Doi:10.1126/scitranslmed.aab1720

Jelcic I, Combaluzier B Jelcic I, Faigle W, Senn L, Reinhart BJ, Ströh L, Nitsch RM, Stehle T, Sospedra M, Grimm J, Martin R. Broadly neutralizing human monoclonal JC polyomavirus VP1-specifc antibodies as candidate therapeutics for progressive multifocal leukoencephalopathy. Sci Transl Med. September 23, 2015. Doi: 10.1126/scitranslmed.aac8691

Weitere Informationen:

http://www.mediadesk.uzh.ch/articles/2015/auf-dem-weg-zu-einer-impfung-bei-schwe...

Melanie Nyfeler | Universität Zürich

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Eine Teleskopschiene für Nanomaschinen
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Standort Stuttgart, Stuttgart

nachricht Künstlicher Leberfleck als Frühwarnsystem
19.04.2018 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics