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Arterielle Verschlusskrankheit: 5-Jahresergebnisse von getABI in "The Lancet"

05.11.2008
Höheres Sterberisiko als Diabetes oder Metabolisches Syndrom
Forscher fordern systematisches Screening älterer Patienten

Eine Verkalkung der Beinarterien, die meist ohne Beschwerden auftritt, erhöht die Sterberate der Betroffenen dramatisch: Fünf Jahre nach Beginn der getABI-Studie ist jeder fünfte davon betroffene Patient verstorben - etwa doppelt so viele wie unter den Patienten mit normaler Durchblutung.

Das Sterberisiko bei arterieller Verschlusskrankheit ist damit deutlich höher als das von Diabetes bzw. Metabolischem Syndrom. Darüber berichten die Forscher der getABI-Gruppe in zwei aktuellen Publikationen in "The Lancet" und der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift".

Angesichts ihrer alarmierenden Befunde fordern sie systematische Screeninguntersuchungen für ältere Patienten in Hausarztpraxen.

Methoden zur Identifikation von Hochrisikopatienten

Die Arterienverkalkung (Atherosklerose) mit ihren Folgen Herzinfarkt und Schlaganfall ist nach wie vor die häufigste Todesursache in den Industrienationen: Über die Hälfte aller Deutschen stirbt an einem dieser Ereignisse. Durch frühzeitige Behandlung der Risikofaktoren kann die Häufigkeit von kardiovaskulären Erkrankungen deutlich vermin-dert werden. Entsprechend wird seit Jahren eine lebhafte wissenschaftliche Diskussion um die "optimale" Methode zur Identifikation von Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko geführt. In der hausärztlichen Praxis werden beispielsweise Scores verwendet (auf der Grundlage von Patienteneigenschaften beziehungsweise Messwerten wird das zukünftige individuelle Sterbe- oder Krankheitsrisiko berechnet). Alternativ werden Patienten mit einem diagnostizierten Diabetes mellitus konsequent der Hochrisikogruppe zugeordnet: Sie haben nach gängiger Einschätzung ein "koronares Äquivalent", das heißt, ihr Sterberisiko ist so hoch wie das von Patienten, die schon einen Herzinfarkt überlebt haben. Auch das so genannte metabolische Syndrom, eine Kombination aus erhöhtem Blutdruck, Störungen des Fettstoffwechsels, Insulinresistenz mit und ohne manifestem Diabetes, oder Fettleibigkeit, wird oftmals als "tödliches Quartett" bezeichnet und kennzeichnet Hochrisikopatienten.

Erniedrigter Blutdruck in den Beinen als Alarmzeichen

Eine andere Methode untersuchen seit 2001 Wissenschaftler unter Koordination von Prof. Hans Joachim Trampisch (Abteilung für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie der Ruhr-Universität Bochum) in der Studie getABI (= German epidemiological trial on ankle brachial index). Dabei wird neben dem arteriellen Blutdruck am Arm - eine Standarduntersuchung in der Hausarztpraxis - auch der Blutdruck der Knöchelarterien gemessen. Ist dieser beim liegenden Patienten niedriger als der Druck der Armarterien (Knöchel-Arm-Index

Volkskrankheit PAVK

Für getABI wurden im Oktober 2001 insgesamt 6880 Patienten über 65 Jahre in 344 Hausarztpraxen untersucht und werden seitdem nachbeobachtet. Mehr als jeder fünfte ältere Patient (21,0%) in der hausärztlichen Praxis ist von PAVK betroffen, oft ohne es zu wissen. Damit ist die Erkrankung fast so häufig wie ein manifester Diabetes mellitus in dieser Altersgruppe (25,4%). Die Kombination beider Krankheiten kommt immerhin bei 7,5 % vor.

Höheres Sterberisiko bei PAVK im Vergleich zu Diabetes und Metabolischem Syndrom

Nach fünfjähriger Beobachtungszeit waren in der Patientengruppe mit PAVK (ohne Diabetes) 17,5 %, in der mit Diabetes (ohne PAVK) 12,9 %, und in der Gruppe mit beiden Erkrankungen 28,2 % der Patienten verstorben (Ergebnisse in "Deutsche Medizinische Wochenschrift"). Ein Metabolisches Syndrom wurde bei 43,3 % aller Patienten festgestellt. Bei diesen Patienten waren 13,4 % nach fünf Jahren verstorben (Ergebnisse in "The Lancet"). "Auch nach statistischer Korrektur für andere Risikofaktoren hat die PAVK im Vergleich zum Diabetes mellitus wie auch zum metabolischen Syndrom einen besseren Vorhersagewert", fasst Prof. Trampisch zusammen. Dies gelte auch für bislang beschwerdefreie Patienten, die viel häufiger seien als Patienten mit Beinschmerzen beim Gehen. Der ABI erlaubt zudem, den Schweregrad der PAVK abzuschätzen: Je niedriger der Wert, um so höher das Sterberisiko.

Forderung nach Etablierung des ABI als Screeninginstrument

"Es ist höchste Zeit, dass der ABI routinemäßig in der hausärztlichen Versorgung durchgeführt wird", fordert Prof. Dr. Curt Diehm (Karlsbad-Langensteinbach). "In den Händen des Hausarztes oder der Sprechstundenhilfe ist er ebenso verlässlich durchführbar wie vom Angiologen, wie unsere Methodenuntersuchung vom vergangenen Jahr gezeigt hat." GetABI ist eine der größten Hausarztstudien weltweit, mit einer nach objektiven Kriterien vorbildlichen Datenqualität. Die Studie belegt, dass in Deutschland hochwertige Studien im hausärztlichen Bereich möglich sind. "Die Daten sind von hohem Nutzen für die Analyse des Status Quo in der Versorgung der Patienten mit PAVK bzw. Atherosklerose und für die Ableitung von Verbesserungsmaßnahmen", zieht Prof. Trampisch Bilanz. Die Versorgungsqualität dieser Patientengruppe lasse sich mit einfachen Maßnahmen rasch und effizient verbessern.

Förderung durch das Bundeswissenschaftsministerium und Industriepartner

Die Durchführung der getABI-Studie wird durch Forschungsmittel (Unrestricted Educational Grant) von Sanofi-Aventis Pharma, Berlin, und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt.

Titelaufnahmen

1. Darius H, Trampisch HJ, Pittrow D, Allenberg JR, Haberl RL, Mahn M, Tepohl HG, Burghaus I, Diehm C. [Comparison of two coronary risk equivalents: diabetes mellitus and peripheral arterial disease]. Dtsch Med Wochenschr 2008;133(45):2317-22. (1. November 2008)

2. Diehm C, Darius H, Burghaus I, Mahn M, Pittrow D, for the getABI Study Group. Ankle brachial index vs metabolic syndrome for risk prediction. Lancet 2008;372:1221. (24. Oktober 2008)

3. Holland-Letz T, Endres HG, Biedermann S, Mahn M, Kunert J, Groh S, Pittrow D, von Bilderling P, Sternitzky R, Diehm C. Reproducibility and reliability of the ankle-brachial index as assessed by vascular experts, family physicians and nurses. Vasc Med 2007;12(2):105-12.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Hans-Joachim Trampisch, Abteilung für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Tel. 0234/32-27790, Fax: 0234/32-14325, E-Mail: hans.j.trampisch@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

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