Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Angina pectoris - hilft zusätzliche Gefäßerweiterung?

07.11.2011
Die Angina pectoris (AP) ist ein Zeichen chronisch verengter Herzkranzgefäße. Sie äußert sich meistens durch Schmerzen im Brustkorb.

Bei der stabilen AP verschwinden diese Schmerzen in Ruhe oder durch Medikamente wie Nitroglycerin. Wissenschaftler haben jetzt die Wirksamkeit von Erweiterungen der Herzkranzgefäße durch sogenannte perkutane Koronarinterventionen (PKI) als Ergänzung zur optimalen Medikamentengabe untersucht: PKI verringern demnach bis zu drei Jahre lang den Anteil von Patienten mit AP-Anfällen. Allerdings sei die Aussagekraft der den Ergebnissen zugrundeliegenden Studien eingeschränkt. Der Empfehlungsgrad für ergänzende PKI könne demnach nur schwach sein.

PKI zählen neben Medikamenten zu den wichtigsten Behandlungsmethoden der AP: Dabei werden die Herzkranzgefäße durch spezielle Ballons erweitert, mit oder ohne Einsatz von Gefäßstützen (Stents). Jetzt wurde der Zusatznutzen der PKI gegenüber alleiniger optimaler medikamentöser Therapie auf Basis einer systematischen Literatursuche untersucht. Ihre Ergebnisse fassen die Autoren in einem HTA-Bericht zusammen (Health Technology Assessment, systematische Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien). Den vollständigen Bericht finden Sie kostenfrei beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI).

Ergebnisse des HTA-Berichts
Der Fokus des Berichts liegt auf der klinischen Wirksamkeit und der Kostenwirksamkeit der zusätzlichen PKI gegenüber alleiniger optimaler medikamentöser Therapie bei Patienten mit stabiler AP. Über eine systematische Literatursuche identifizieren die Autoren wichtige Publikationen, die je nach Aktualität und Qualität in ihre Bewertung eingehen. Für die gesundheitsökonomische Bewertung führen sie zudem eigene Berechnungen durch.

Die für den Bericht herangezogenen Studien zeigen laut Autoren methodische Schwächen, wodurch die Aussagekraft der Ergebnisse eingeschränkt ist. Ein Problem sei beispielsweise das Wissen der Patienten um die Behandlungsform, was ihre Schmerzwahrnehmung beeinflusst. Auch fehlten Daten für mehrere Patienten in der Nachuntersuchungszeit. Zudem kamen in den Studien Medikamente-freisetzende Stents zu selten zum Einsatz, um aussagekräftige Daten zu erhalten. Dennoch können die Autoren aus medizinischer Sicht die routinemäßige zusätzliche PKI mit schwachem Empfehlungsgrad befürworten: Im Vergleich zur alleinigen optimalen medikamentösen Therapie zeigen sich bis zu drei Jahre lang weniger Patienten mit AP-Anfällen, lautet ihr Fazit. Dieser Effekt sei jedoch nach fünf Jahren nicht mehr sichtbar. Auch finden die Autoren in Bezug auf Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall nach 4 bis 5 Jahren keinen Unterschied zwischen den beiden Behandlungsmethoden.

Unter Einbeziehung der Kostenaspekte können die Autoren die routinemäßige zusätzliche PKI allerdings nicht empfehlen. Die ermittelten zusätzlichen Kosten pro Lebensjahr eines Patienten mit vermiedenen AP-Anfällen sind anhand der publizierten Schätzungsgrößen zu hoch.

Angina pectoris: Hintergrund
Sind die Herzkranzgefäße so stark verengt, dass der Herzmuskel bei Belastung zu wenig Sauerstoff erhält, führt dies oft zu Schmerzen und Engegefühl im Brustkorb (Angina pectoris). Die AP wird als stabil bezeichnet, wenn der Schmerz immer weitgehend gleich ist und Sofortmaßnahmen wie körperliche Ruhe oder Medikamente helfen. Das Auftreten einer AP hängt von mehreren Faktoren wie Länge und Anzahl der Stenosen ab. Die AP gilt als typisches Zeichen der chronischen koronaren Herzkrankheit (KHK): Der Verschluss der Herzkranzgefäße mit Absterben von Herzmuskelzellen (Herzinfarkt) bei KHK ist eine der häufigsten Todesursachen in Industrienationen und verursacht dem Gesundheitssystem hohe Kosten.

Perkutane Koronarintervention zusätzlich zur optimalen medikamentösen Therapie bei stabiler Angina Pectoris (Vitali Gorenoi, Matthias P. Schönermark, Anja Hagen HTA-Berichte bei DAHTA)

Die HTA-Berichte sind in der DAHTA-Datenbank beim DIMDI bzw. im HTA-Journal bei German Medical Science (GMS) kostenfrei als Volltext abrufbar. Für die Inhalte der HTA-Berichte sind die genannten Autoren verantwortlich. Alle durch die DAHTA beauftragten Berichte werden in einem standardisierten, anonymisierten Verfahren erstellt, um die Unabhängigkeit der Autoren zu gewährleisten.

Das DIMDI stellt über das Internet hochwertige Informationen für alle Bereiche des Gesundheitswesens zur Verfügung. Es entwickelt und betreibt datenbankgestützte Informationssysteme für Arzneimittel und Medizinprodukte und verantwortet ein Programm zur Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien (Health Technology Assessment, HTA). Das DIMDI ist Herausgeber amtlicher medizinischer Klassifikationen wie ICD-10-GM und OPS und pflegt medizinische Terminologien, Thesauri, Nomenklaturen und Kataloge (z. B. MeSH, UMDNS, Alpha-ID, LOINC, OID), die für die Gesundheitstelematik von Bedeutung sind. Das DIMDI ermöglicht den Online-Zugriff auf seine Informationssysteme und über 60 Datenbanken aus der gesamten Medizin. Dafür entwickelt und pflegt es moderne Software-Anwendungen und betreibt ein eigenes Rechenzentrum.

Sven Borowski | idw
Weitere Informationen:
http://www.dimdi.de/de/linkgalerie/hta-bericht-297.elnk

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf
06.12.2016 | Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie