Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Amputationen lösen die Probleme nicht

21.08.2008
Leitender Oberarzt Dr. Wolfram Wenz von der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg warnt vor vorschnellen Amputationen bei Diabetikern

Nach Meinung von Dr. Wolfram Wenz, Leitender Oberarzt des Bereiches Infantile Cerebralparese und Fußdeformitäten an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, löst die Amputation von Gliedmaßnahmen das Fuß-Problem von Diabetikern und auch bei älteren Menschen nicht. Im Gegenteil sei die erste Amputation eines Gliedes oft der Anfang vom Ende.

Diese These hat er in einem Vortrag vor Fachkollegen der Klinik mit eindrucksvollen Zahlen belegt: Ca. 36 Prozent der Diabetiker sterben ein Jahr nach der Amputation, rund die Hälfte innerhalb von drei Jahren und ca. 66 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Bei 50 Prozent der Beinamputierten musste innerhalb der nächsten vier Jahre auch am anderen Bein amputiert werden. Außerdem landen nach Oberschenkelamputationen 50 Prozent dieser Patienten in einem Pflegeheim, bei Unterschenkel-Amputierten sind danach 30 Prozent nicht mehr gehfähig. Von einer Verbesserung oder Erleichterung der Situation dieser Patienten könne man vor diesem Hintergrund also guten Gewissens nicht sprechen. Deshalb müsse man weniger amputieren.

Plädoyer für verstärkte Therapie und für Gliedmaßen erhaltende Operationen

Dr. Wenz warnte vor allem vor den schon beinahe routinemäßigen Entscheidungen zur Amputation bei Diabetikern. Stattdessen plädierte er für eine verstärkte Therapie des Diabetes mellitus und für Gliedmaßen erhaltende Operationen, wenn schon die Ursachen nicht behoben werden können. Seiner Meinung nach ist die Anzahl von jährlich 62.000 Amputationen in Deutschland, sowohl absolut als auch im Vergleich mit anderen Ländern, viel zu hoch.

Hauptverantwortlich für die hohe Amputationsrate ist der Diabetes mellitus, und das mit steigender Tendenz: Im Jahr 2001 wurden in Deutschland 29.000 Diabetiker amputiert, 2003 waren es bereits 40.000. Dr. Wenz: "Das bedeutet, dass alle 13 Minuten ein Diabetiker amputiert wird. 50 Prozent dieser Amputationen halte ich für vermeidbar!" Die neuesten Zahlen dürften der steigenden Tendenz der letzten Jahre entsprechend sicherlich noch höher liegen.

"Amputation verringert nicht die Kosten"

Die Anzahl der in Deutschland lebenden Diabetiker wird auf sieben bis acht Millionen geschätzt. Davon leidet jeder Dritte an schlecht durchbluteten Beinen. Etwa eine Million Diabetiker haben ein erhöhtes Risiko für offene Wunden, und ca. 250.000 haben bereits eine offene Fußverletzung. Schwindelerregende Höhen haben inzwischen auch die Behandlungskosten von Diabetikern erreicht, übrigens nicht nur in Deutschland: In den USA verschlang die Behandlung allein des diabetischen Fuß-Syndroms rund zehn Milliarden Dollar.

In Deutschland herrscht Dr. Wenz zufolge "aus reiner Unkenntnis" vielfach die Meinung vor, dass mit einer Amputation auch die Kosten, die ja im Gesundheitswesen eine entscheidende Rolle spielen, minimiert würden. Das jedoch sei ein grundlegender Irrtum. Gerade bei Diabetikern, deren Wunden schlecht verheilten, sei die Anpassung einer Prothese ein steter Vorgang, der natürlich nicht zum Nulltarif erfolgen könne. Und die Kosten für Prothesen sowie deren Wartung gingen ebenfalls in die Tausende. "Mir kommt es deshalb darauf an", so Dr. Wenz, "alle Verantwortlichen und Entscheider zum Thema Amputationen zu sensibilisieren." Dann würden vielleicht auch andere Ärzte bald häufiger solch schöne Sätze hören wie den der Ehefrau eines Patienten, die ihm nach der fußerhaltenden Operation ihres Mannes sagte: "Der lacht jetzt wieder."

Ansprechpartner:
Leitender Oberarzt Dr. med. Wolfram Wenz
Leiter des Bereichs Infantile Cerebralparese und Fußdeformitäten
Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Schlierbacher Landstraße 200a, 69118 Heidelberg
Tel.: 0 62 21/96-5 oder 969215, Fax: 0 62 21/ 966119
E-Mail: Wolfram.Wenz@ok.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Vitamin-Mangel, der Kampf gegen die Antriebslosigkeit und Nahrung für die Nerven
08.12.2016 | PhytoDoc Ltd.

nachricht Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs
06.12.2016 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie