Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alzheimer: Stau im Lipidtransport des Gehirns?

19.11.2008
An Alzheimer-Demenz erkranken vor allem ältere Menschen. Es gibt jedoch Varianten, die sich bereits bei 20-Jährigen ausprägen.

Ursache sind Mutationen der so genannten Präsenilin-Gene. Wissenschaftler aus Deutschland, Belgien, Kanada und den USA haben nun herausgefunden, wie sie wirken. Ihre Ergebnisse könnten auch erklären, warum bestimmte Therapieansätze nicht fruchten. Die Studie stand unter Federführung der Universität Bonn; ihre Ergebnisse sind jetzt im Journal of Neuroscience nachzulesen.

Im Gehirn gibt es eine Art molekulares Taxi, das Cholesterin zwischen verschiedenen Zellen transportiert - das so genannte Apolipoprotein. Eine Mutation der Präsenilin-Gene hat für dieses Taxi vergleichbare Folgen wie ein Verkehrsstau: Die Beförderung des Cholesterins in die Nervenzellen wird empfindlich gestört. "Das scheint die Funktion dieser Zellen so zu behindern, dass sie letztendlich absterben", erläutert Professor Dr. Jochen Walter.

Der Bonner Neurobiologe hat ein internationales Forscherteam geleitet, das diesen Mechanismus aufgeklärt hat. Präseniline kommen in der Membran vor, die die Nervenzellen umhüllt. Zusammen mit anderen Molekülen bilden sie dort eine Art Schere, die Proteine in der Membran zerschneidet. Funktioniert die Schere nicht, häufen sich Proteine in der Membran an und verstopfen diese. Die Forscher konnten zeigen, dass dann auch weniger Cholesterin in die Zelle gelangen kann.

Die Präsenilin-Schere steht schon längere Zeit im Focus der Alzheimer-Forscher. Allerdings aus einem ganz anderen Grund: Sie zerschneidet nämlich unter anderem ein Protein namens APP. Eines der Fragmente, die dabei entstehen, ist das so genannte beta-Amyloid. Es wird in den Raum zwischen den Hirnzellen abgegeben und bildet dort große Ablagerungen, die Alzheimer-typischen Amyloid-Plaques. Viele Wissenschaftler vermuteten bislang, dass diese Plaques den Nervenzellen in ihrer Umgebung den Todesstoß versetzen.

"Man hat daher unter anderem versucht, die Präsenilin-Schere in ihrer Funktion zu stören", erklärt Walters Kollege Professor Dr. Dr. Dieter Lütjohann. So wollte man die Bildung von beta-Amyloid und damit auch der gefährlichen Ablagerungen verhindern. Erstaunlicherweise ging der Schuss aber nach hinten los: Wenn man die Präseniline ausschaltete, führte das zu erheblichen Hirndefekten. "Wir liefern nun eine Erklärung für dieses Phänomen", erläutert der Lipidexperte vom Institut für Klinische Chemie und Pharmakologie: "Die Präsenilin-Schere ist einfach zu wichtig für die Nervenzell-Funktion."

Entsorgung von Eiweiß-Belägen

Vielleicht bilden sich Alzheimer-Plaques sogar gerade dann, wenn die Präsenilin-Schere nicht scharf genug ist. Dasselbe "Taxi", das für den Cholesterin-Transport verantwortlich ist, befördert nämlich auch beta-Amyloid in Gehirnzellen hinein. Wenn die Präsenilin-Schere nicht richtig funktioniert, entsteht zwar weniger beta-Amyloid. Da aber gleichzeitig die Zellmembran verstopft, wird es nun auch nicht mehr "weggeräumt". "Vielleicht zeigen die Plaques nur, dass bei Alzheimer-Patienten im Alter die Präsenilin-Schere nicht richtig arbeitet", sagt Walter. "Zum Untergang von Nervenzellen könnten dann auch die festgestellten Störungen im Cholesterin-Stoffwechsel beitragen."

Kontakt:
Professor Dr. Jochen Walter
Abteilung für Neurologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/287-19782
E-Mail: Jochen.Walter@ukb.uni-bonn.de
Professor Dr. Dr. Dieter Lütjohann
Institut für Klinische Chemie und Pharmakologie, Universität Bonn
Telefon: 0228/287-15272
E-Mail: dieter.luetjohann@ukb.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

nachricht Künftige Therapie gegen Frühgeburten?
19.07.2017 | Universitätsspital Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten