Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Akut oder chronisch?

25.10.2011
Langzeitverlauf von Antikörpern gegen Myelin-Protein gibt Auskunft über Art demyelinisierender Erkrankungen

Forscher des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS) haben den Nachweis erbracht, dass Multiple Sklerose (MS) und akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) auf unterschiedlichen immunologischen Profilen basieren. Dazu haben die Wissenschaftler das Blut von Kindern mit ADEM und MS in regelmäßigen Abständen über durchschnittlich 44 Monate hinweg auf Antikörper gegen das sogenannte MOG-Protein untersucht.

„Dabei haben wir festgestellt, dass Antikörper gegen MOG im Blut von Kindern mit ADEM sehr schnell abfielen und vielfach nach ca. zwölf Monaten nicht mehr nachweisbar waren. Bei MS-Kindern hingegen waren sie kontinuierlich vorhanden und stiegen im Krankheitsverlauf teilweise sogar wieder an“, erklärt Prof. Dr. Edgar Meinl vom Institut für Klinische Neuroimmunologie der LMU München und Mitglied im KKNMS, der die Studie geleitet hat.

Das Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG) sitzt am äußeren Rand der Myelinhülle der Nervenfasern im Zentralen Nervensystem (ZNS) und ist daher idealer Kandidat für Autoantikörperangriffe wie sie sich bei MS abspielen. In verschiedenen Tiermodellen konnte bereits nachgewiesen werden, dass Antikörper gegen MOG die Myelinhülle zerstören können. Beim Menschen ist die Präsenz von diesen Antikörpern bisher noch nicht genau verstanden.

MOG-Antikörper als Prognosefaktor?

Eine akut auftretende Entmarkungskrankheit bei Kindern kann der erste Schub einer Multiplen Sklerose sein oder es kann sich um eine ADEM handeln, zu der in der Regel keine weiteren Schübe gehören.

Ziel der aktuellen Untersuchung war es nun, den Langzeitverlauf von MOG-Antikörpern zu untersuchen und zu überprüfen, ob Kinder mit ADEM sich in dieser Hinsicht von Kindern mit MS unterscheiden.

Die KKNMS-Forscher fanden heraus, dass MOG-Antikörper bei etwa einem Viertel der Kinder mit akuter Demyelinisierung nachweisbar waren, besonders häufig bei unter 10-Jährigen. Dabei scheint sich die Immunantwort auf MOG bei vorübergehenden demyelinisierenden Erkrankungen wie ADEM gravierend von jener mit chronischem Verlauf (MS) zu unterscheiden: Bei ADEM-Kindern waren innerhalb eines Jahres keine MOG-Antikörper mehr nachweisbar. Anders bei kindlicher MS: hier blieben die Antikörper über Jahre nachweisbar und stiegen in drei Viertel der Fälle sogar wieder an. „Wir glauben daher, dass der zeitliche Verlauf von MOG-Antikörpern bei Kindern ein geeigneter Prognosefaktor ist, ob sich eine chronische Demyelinisierung des ZNS manifestiert“, sagt Meinl.

Großer Unterschied zwischen MS bei Kindern und Erwachsenen

Zu Vergleichszwecken haben die Forscher auch Blutproben von erwachsenen MS-Patienten untersucht. Nur bei 6% der Probanden waren MOG-Antikörper in sehr niedriger Konzentration nachweisbar (bei Kindern: 25%). „Es stellt sich nun die Frage, was passiert, wenn unsere MOG-Antikörper positiven MS-Kinder erwachsen werden. Bleiben die Antikörper weiterhin erhalten, hat das eventuell Konsequenzen für die MS-Therapie. Diese müsste dann bei diesen Patienten eher auf B-Zellen ausgerichtet sein“, vermutet Meinl.

Die Langzeit-Blutproben stammen aus einer kanadischen, prospektiven, pädiatrischen Kohortenstudie zu demyelinisierenden Erkrankungen. Weitere Blutproben, die in dieser Studie untersucht wurden, steuerten die Kinderklinik der LMU sowie die KKNMS-Zentren in Göttingen (Kinderklinik der Universitätsmedizin) und München (MPI für Psychiatrie) bei. Die Studie wurde im Rahmen des KKNMS (Forschungsverbund UNDERSTANDMS) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Der vollständige Forschungsbericht ist kürzlich in „Neurology“ unter dem Titel „Antibodies to MOG are transient in childhood acute disseminated encephalomyelitis“ erschienen (DOI 10.1212/WNL.0b013e318228c0b1).

Constanze Steinhauser | idw
Weitere Informationen:
http://www.kompetenznetz-multiplesklerose.de/
http://www.neurology.org/content/77/6/580.abstract?sid=392f5d43-27f5-4272-a928-9efe12323d8e

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
21.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

Tagung »Anlagenbau und -betrieb der Zukunft«

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Wie Immunzellen Bakterien mit Säure töten

18.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics