Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zehn Jahre Forschung an Nanomaterialien zu Nanorisiken

29.11.2011
In den vergangenen zehn Jahren wurden zahlreiche Projekte zu Risiken von Nanomaterialien durchgeführt bzw. begonnen. Sie beschäftigten sich damit, wie Nanomaterialien ohne Gefährdung von Umwelt und Gesundheit genutzt werden können.

Um weitere, dringend benötigte Studien im Bereich Nano(öko)toxikologie durchzuführen, mangelt es allerdings an ExpertInnen. Zudem bestehen noch etliche, teils erhebliche Wissenslücken. So lautet das Fazit zweier Berichte, die kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurden und an deren Erstellung der Empa-Nanotoxikologe Harald Krug massgeblich beteiligt war.

Hunderte Produkte, die auf nanotechnologischen Verfahren beruhen, sind mittlerweile auf dem Markt, von der Sonnencreme über Farben bis hin zu Kleidern. Begleitet wurde diese Entwicklung von Beginn an von Forschung, die sich mit den Sicherheitsaspekten der Nanoprodukte beschäftigte. Harald Krug, Toxikologe an der Empa, kommt nach zehn Jahren Nanosicherheitsforschung zum (vorläufigen) Schluss: «Bislang sind keine aussergewöhnlichen Risiken beim Einsatz von Nanoprodukten – oder besser gesagt: bei freien Nanopartikeln – bekannt.» Doch auch wenn es keine Hinweise gibt, die auf ernsthafte Probleme mit synthetischen Nanopartikeln hindeuten, sagt er: «Eine allgemeine Entwarnung gibt es allerdings auch nicht.» Unternehmen, die ein neues Nanoprodukt vermarkten wollen, sollten dessen gesamten Lebenszyklus berücksichtigen – von der Herstellung über die Nutzung des Produkts bis zu dessen Entsorgung oder Wiederverwertung.

Viel Arbeit für Nano(öko)toxikologInnen

Um mögliche Wechselwirkungen der Nanopartikel mit anderen Materialien und der Umwelt zu verstehen und um zu begreifen, wie sie die Gesundheit beeinflussen, ist breites toxikologisches Fachwissen vonnöten. Ein Thema, das Harald Krug beschäftigt: «Da in Europa in den letzten Jahren viele umwelttoxikologische Institute geschlossen wurden, gibt es inzwischen nicht mehr genügend Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der Umwelt- und Nanotoxikologie.» In etlichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema würden daher die Regeln der Toxikologie nicht beachtet, meist aus Unkenntnis. Krug: «Und daraus resultieren dann Horrorgeschichten, die für enorme Verunsicherung sorgen.»

Sicherer Einsatz von Nanomaterialien

Ein 60-seitiger Bericht, den die Gesellschaft für chemische Technik und Biotechnologie (DECHEMA) und der Verband der Chemischen Industrie (VCI) kürzlich herausgegeben haben, zeitigt einen Überblick über die Forschungsprojekte der letzten zehn Jahre zum Thema Nanosicherheit. Es handelt sich um 6 Schweizer, 40 deutsche, 1 US-amerikanisches und 25 EU-weite Projekte. In einem untersucht die Empa zusammen mit dem Kantonsspital St. Gallen beispielsweise, ob Nanopartikel über die Plazenta in den Blutkreislauf des Fötus gelangen können. An Plazenten, die Mütter nach der Geburt der Wissenschaft überlassen, prüften Toxikologen des Departements «Materials meet Life» der Empa, wie durchgängig das Gewebe ist. Tests zeigten, dass Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 200 bis 300 Nanometer in den fötalen Blutkreislauf gelangen können. Es stellt sich die Frage, ob dies das Plazentagewebe schädigen oder gar einen Einfluss auf die Entwicklung des Ungeborenen haben kann. Gleichzeitig wäre der Transport von Nanovehikeln durch die Plazenta denkbar, um eventuell eine gezielte Behandlung des ungeborenen Kindes bereits im Mutterleib zu ermöglichen.

In einem weiteren Bericht, an dessen Erstellung Krug beteiligt war und der kürzlich in Brüssel vorgestellt wurde, weist der wissenschaftliche Beirat der Vereinigung europäischer Akademien EASAC (European Academies Science Advisory Council) auf die vorhandenen Wissenslücken hin und macht klare Angaben, was in den kommenden Jahren noch erforscht werden muss, um Nanomaterialien direkt und ohne Gefährdung von Umwelt und Gesundheit zu nutzen. «Ich würde mir wünschen, dass wir – aufgrund dieser Erkenntnisse – in Zukunft wieder vermehrt in die Ausbildung von Umwelttoxikologen investieren. Nur so ist eine verantwortungsvolle Forschung in diesem Bereich möglich und nur so können wir eine nachhaltige Entwicklung unserer Technologien gewährleisten», sagt Krug.

Literaturhinweise
• DECHEMA/VCI-Bericht: 10 Jahre Forschung zu Risikobewertung, Human- und Ökotoxikologie von Nanomaterialien – Statuspapier des DECHEMA/VCI – Arbeitskreis «Responsible Production and Use of Nanomaterials»
http://www.processnet.org/processnet_media/FG+Chemische+Reaktionstechnik/
TAK+Nano/RisikobewertungNano_2011.pdf
• EASAC Report: Impact of Engineered Nanomaterials on Health – Considerations for Benefit-Risk Assessment
http://www.processnet.org/processnet_media/FG+Chemische+Reaktionstechnik/
TAK+Nano/RisikobewertungNano_2011.pdf

Sabine Voser | EMPA
Weitere Informationen:
http://www.empa.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Kunststoffstrang statt gefräster Facette: neue Methode zur Verbindung von Brillenglas und -fassung
28.04.2017 | Technische Hochschule Köln

nachricht Beton - gebaut für die Ewigkeit? Ressourceneinsparung mit Reyclingbeton
19.04.2017 | Hochschule Konstanz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie