Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Quadratische Eiskristalle aus der Nanowelt: Überraschungsfund im „Graphen-Sandwich"

27.03.2015

Forscher der Universitäten Ulm, Manchester und der University of Science and Technology of China haben erstmals mittels hochaufgelöster Elektronenmikroskopie quadratische Nano-Eiskristalle zwischen zwei Graphenschichten nachgewiesen. Eigentlich kommen solche Kristalle in sechseckiger Form vor -- zum Beispiel in Schneeflocken. Dieser Zufallsfund, der unter anderem für die Materialwissenschaft und Nanotechnologie wichtig ist, zeigt wieder einmal, dass in der "Nanowelt" ganz eigene Gesetze gelten. Die Ergebnisse der Wissenschaftler sind in der Fachzeitschrift Nature erschienen.

Fest, flüssig und gasförmig. Die Aggregatzustände des Wassers lernt jedes Kind in der Schule kennen. Und auch in der Wissenschaft zählt Wasser sicherlich zu den am besten untersuchten Substanzen. Trotzdem konnten Forscher von den Universitäten Ulm, Manchester und der University of Science and Technology of China dem Element ein Geheimnis abringen:


80keV aberrationskorrigierte Hochauflösungsabbildung von quadratischem Eis eingeschlossen zwischen zwei Graphen-Monolagen

Foto: Uni Ulm

Zwischen zwei Graphenschichten wiesen sie bei Raumtemperatur quadratische Nano-Eiskristalle nach, deren Anordnung überrascht. So wurde wieder einmal deutlich, dass die „Nanowelt“ ihre eigenen Gesetze hat. Diese kürzlich in der hochrenommierten Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichten Ergebnisse sind nicht nur für die Materialwissenschaft und Nanotechnologie bedeutend.

Zunächst wussten die Ulmer Wissenschaftler die unbekannte Struktur, die sie durch das Transmissionselektronenmikroskop sahen, nicht richtig einzuordnen. „Erst eine Diskussion mit den Partnern von der Manchester University und eine detaillierte Struktur- und Elementanalyse brachte uns auf die richtige Spur: Wir sahen ganz offensichtlich winzige quadratische Eiskristalle, die sonst vor allem in sechseckiger Form vorkommen – zum Beispiel in Schneeflocken“, berichtet Professorin Ute Kaiser, Leiterin der Materialwissenschaftlichen Elektronenmikroskopie an der Uni Ulm.

Im Zuge des Projekts SALVE, in dem die Niederspannungs-Transmissionselektronenmikroskopie für strahlenempfindliche Materialien wie Graphen oder Biomoleküle weiterentwickelt werden soll, hatten die Ulmer Forscher Dr. Gerardo Algara-Siller und Dr. Ossi Lehtinen einen Wassertropfen zwischen zwei Graphenschichten gebracht. Mit dem Transmissionselektronenmikroskop wollten sie die Untersuchung eines biologischen Moleküls vorbereiten – doch dann offenbarte sich die Struktur des eingeschlossenen Wassers.

Tatsächlich sind solche dünnen Wasserfilme allgegenwärtig: Selbst in der trockensten Wüste überzieht eine mikroskopische Schicht alle Oberflächen und lässt sich in den kleinsten Poren oder Rissen – zum Beispiel in Gestein – nachweisen. Struktur und Eigenschaften dieser Wasserfilme waren weitestgehend unbekannt. Mit hochaufgelöster bildfehlerkorrigierter Elektronenmikroskopie ist den Forschern die Abbildung der Wassermoleküle und ihre chemische Analyse gelungen.

Das als Träger eingesetzte, transparente „Graphen-Sandwich" war lediglich zwei Atomlagen dick und der so genannte Van der Waals Druck sorgte für die Formung dieser eingeschränkten quadratischen Eis-Struktur bei Raumtemperatur zwischen den Graphenschichten. Anschließend wurden die Hochauflösungsabbildungen mit Bildsimulationen verifiziert – so konnte auch die Stapelordnung von drei Eismonoschichten, wie sie im Experiment gefunden wurden, bestimmt werden.

Die gefundene viereckige Anordnung von Wassermolekülen in der dünnen Eisschicht (siehe Abbildung 1) ist absolut ungewöhnlich für Wasser. In allen bisher bekannten Formen von Eis ordnen sich die Moleküle pyramidenförmig an“, sagt Ute Kaiser. Aber unter welchen Bedingungen kommen solche viereckigen Eiskristalle in der freien Natur vor? Dieser Frage gingen die Wissenschaftler mit Computersimulationen nach, die an der Chinese Academy of Science durchgeführt wurden. Offenbar bilden sich die quadratischen Kristalle im Graphen-Sandwich immer nur dann, wenn der Druck zwischen den Graphenschichten größer als 1 Gigapascal und der Wasserfilm dünn genug ist – sie dürften also in allen Rissen und bei allen Materialien im Nanobereich vorkommen.

An der Herausforderung, die Struktur von eingeschlossenem Wasser zu verstehen, sind schon viele Forscher gescheitert. Doch nun war die Ulmer Gruppe erfolgreich: „Mikroskopische Risse, Poren oder winzige Kanäle sind überall – und das nicht nur auf unserem Planeten. Für die Materialkunde ist es besonders wichtig zu wissen, dass sich Wasser auf der Nanoskala völlig anders verhält“, resümiert Professorin Irina Grigorieva, Leiterin der Forschergruppe aus Manchester. Dieser Gruppe gehört auch Professor Sir Andre Geim an, einer der Wissenschaftler, die 2010 den Nobelpreis für ihre Arbeit zu Graphen erhielten. Vor dem Hintergrund des ultraschnellen Wasserstransports durch Graphen-Nanokanäle hatte Geim bereits über quadratische Eiskristalle spekuliert – und wurde nun bestätigt. Es gibt also noch viel zu entdecken in der Nanowelt.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Ute Kaiser: Tel.: 0731 50-22950, ute.kaiser@uni-ulm.de

G. Algara-Siller, O. Lehtinen, F. C. Wang, R. R. Nair, U. Kaiser, H. A. Wu, A. K. Geim
& I. V. Grigorieva, Square ice in graphene nanocapillaries, Nature 519, 443 (2015). DOI: 10.1038/nature14295

Zum Hintergrund:

Die Veröffentlichung ist im Zuge des SALVE- Projekts (Sub-Angström Low-Voltage Electron Microscopy) entstanden. Das Langzeitprojekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Baden-Württemberg mit über 12 Millionen Euro unterstützt. Projektpartner von SALVE sind die CEOS GmbH und nun auch die US-Firma FEI. Projektziel ist die Erfassung atomarer Strukturen von elektronenstrahlempfindlichen Materialien mit der Niederspannungs-Transmissionselektronenmikroskopie. Graphen, grundsätzlich als „Wunderwerkstoff“ bekannt, spielt eine wichtige Rolle in diesem Projekt, denn es dient als quasi unsichtbarer, das Objekt gegen Elektronenstrahlschädigung schützender Träger. Wie die jüngste Veröffentlichung gezeigt hat, kann Graphen das Objekt aber auch einschränken. Weiterhin ist an der Veröffentlichung der Sonderforschungsbereich/ Transregio 21 CoCoMat (Control of quantum correlation in matter, Universitäten Stuttgart, Tübingen, Ulm, Max-Planck-Institut für Festkörperforschung) beteiligt, in dessen Rahmen die Ulmer Gruppe bestehend aus Professor Fedor Jelezko, Professor Martin Plenio und Professorin Ute Kaiser mit Wissenschaftlern der University of Manchester im Projekt „Quantum simulator with engineered spin arrays in diamond“ zur weiteren Modifizierung von Graphen forscht.
Graphen ist nur eine Atomlage dick und härter als Diamant. Weiterhin ist das Material extrem leicht, flexibel und transparent. Dazu kommt eine hohe Wärme- und Stromleitfähigkeit. Im eine Milliarde Euro schweren und auf zehn Jahre angelegten „EU Graphene Flagship“ forscht nun auch Professorin Ute Kaiser mit ihren Mitarbeitern in der Materialwissenschaftlichen Elektronenmikroskopie daran, Graphen aus den Labors zu holen und für den täglichen Gebrauch einzusetzen.
In Ulm wird das von den Partnern (BASF, Uni Bielefeld, Uni Jena) entwickelte Material elektronenmikroskopisch charakterisiert.

Weitere Informationen:

http://www.salve-project.de

Annika Bingmann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Europäisches Exzellenzzentrum für Glasforschung
17.03.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht Vollautomatisierte Herstellung von CAD/CAM-Blöcken für kostengünstigen, hochwertigen Zahnersatz
16.03.2017 | Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise