Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mode aus Milch

25.10.2012
Fasern aus neuartigen Kunststoffen entwickeln, be- und verarbeiten – Alltag am Bremer Faserinstitut. Doch Garn aus Milch? Auch das können die Wissenschaftler – im Dienste der Mode.

Für „Qmilch“ ist heute „Spinntag“. Das heißt für die drei jungen Leute des Startups, im Technikum des Bremer Faserinstituts (FIBRE) mittels einer großen Maschine – ähnlich einem Fleischwolf – sehr dünne Protein-Fäden zu produzieren.


Die farblose Milchfaser ist dünner als ein Haar und erinnert an die feinen Fäden von Seidenraupen. Trotzdem ist sie strapazierfähig und obendrein noch antibakteriell und antiallergen. Foto: Qmilch

Hauptsächlich Eiweißpulver und Wasser, aber auch andere, geheime Zutaten werden dafür verknetet, auf 80 Grad erwärmt und durch eine Siebplatte gedrückt. Diese farblose Faser hat womöglich das Potenzial, die gesamte Textilindustrie zu revolutionieren: Sie ist strapazierfähig, nachhaltig ökologisch produziert, antibakteriell und antiallergen.

Durchschnittlich 15 Kilogramm Fasern produziert das Team von „Qmilch“ auf diese Weise pro Arbeitstag im Faserinstitut. Hier steht der Prototyp einer eigens für die Herstellung der Milchfaser modifizierten Spinnanlage. Ihr Rohstoff: Biomilch, die von den Molkereien aus verschiedenen Gründen aus dem Verkehr gezogen wurde. Normalerweise landet sie im Ausguss.

„Rund zwei Millionen Tonnen Milch werden so allein in Deutschland jährlich vernichtet“, erzählt Anke Domaske. Die 29-Jährige ist der Kopf des Startups: Diplom-Biologin, Modeschöpferin und Erfinderin der Naturfaser „Qmilch“. Sie entwickelt mit dem FIBRE das noch einzigartige Verfahren zur Herstellung von Stoff aus Milch und hat in den letzten zwei Jahren mit diesem Patent bereits ein halbes Dutzend nationale und internationale Innovationspreise abgeräumt.

Als die Hannoveranerin mit ihrem Plan an das Institut herantrat, war man am FIBRE sofort interessiert. In dem Institut auf dem Gelände der Universität Bremen betreiben die Fachleute seit rund 20 Jahren angewandte Forschung zum Beispiel für die Luftfahrt, die Automobil- und die Windkraftindustrie. Sie kümmern sich unter anderem um die Entwicklung von Hochleistungsverbundwerkstoffen, Fertigungstechnologien, Faserentwicklung, Qualitätssicherung und Materialentwicklung und -charakterisierung.

„Bei uns werden jährlich zwei bis drei Anträge zur Thematik Faserentwicklung gestellt“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Lars Bostan, der das junge Team aus Hannover betreut. „Üblicherweise erforschen und entwickeln wir neue Fasern in öffentlich geförderten Forschungsvorhaben.“ Die Entwicklung der Milchfaser aber unterscheide sich von der sonstigen Arbeit in zwei Punkten: „Es ist für uns das erste Mal, dass wir an der Entwicklung einer zu 100 Prozent biobasierten Faser mitwirken.“ Auch unterscheide sich der Spinnprozess, den man entwickele, in mancher Hinsicht komplett vom Herkömmlichen. „Das ist in diesem großen Umfang bisher noch nicht der Fall gewesen.“

Nicht zuletzt legen die Entwicklungen am Textil-Markt nahe, dass die Bremer mit der Milchfaser auf das richtige Pferd gesetzt haben könnten: „Aufgrund der steigenden Energie- und Rohstoffkosten und des wachsenden Bedarfs an Faserstoffen erleben Produkte auf biologischer Basis gerade eine starke Nachfrage“, erklärt Lars Bostan. Allein auf dem deutschen Markt fehlen derzeit rund sechs Millionen Tonnen Textilfasern, die unter anderem zur Verstärkung von Kunststoffbauteilen verwendet werden.

Hinzu kommt: Die Zeichen stehen günstig für umweltbewusst erzeugte Waren, denn die Baumwollverarbeitung geriet schon vor Jahren in die Kritik. Angefangen beim Einsatz von Pestiziden über den Wasserverbrauch von 20.000 Litern pro T-Shirt zum Auswaschen der Gifte – bei Biobaumwolle immerhin noch 10.000 Liter – bis hin zu langen Transportwegen. „Für die Produktion eines T-Shirts aus der Milchfaser brauchen wir lediglich zwei Liter Wasser“, hält Domaske dagegen.

„Zudem produzieren wir in Deutschland, momentan noch ausschließlich in Bremen, mit deutscher Biomilch und verwenden ausschließlich Ökostrom zur Produktion.“ Erste Kleidungsstücke aus der Faser lassen sich über Anke Domaskes Modelabel MCC bereits ordern, allerdings muss derzeit noch vorbestellt werden.

An der Faser sind aber auch ganz andere Branchen interessiert: 180 Anfragen von Firmen aus aller Welt liegen bereits auf Anke Domaskes Schreibtisch. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Branchen, von der Bekleidungs- bis hin zu Autoindustrie. „Wir prüfen derzeit das gesamte Eigenschaftsspektrum der Faser“, erklärt Lars Bostan. „Davon hängt dann ab, in welche Märkte man eindringen kann“, sagt der Experte. Der Textilmarkt sei womöglich nur einer von vielen.

Pressekontakt:
Qmilch GmbH, Anke Domaske, Telefon 0511 – 37 41 30 59, E-Mail: info@qmilk.eu

Silke Düker | Pressedienst Bremen
Weitere Informationen:
http://www.qmilk.eu

Weitere Berichte zu: Biomilch Faser Faserentwicklung Faserinstitut Fibre Milch Milchfaser T-Shirt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen
27.06.2017 | Fraunhofer IFAM

nachricht Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter
23.06.2017 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Umfangreiche Fördermaßnahmen für Forschung an Chromatin, Nebenniere und Krebstherapie

28.06.2017 | Förderungen Preise

Immunabwehr: Wie Proteine Membranbläschen zusammenbringen

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das Auto lernt vorauszudenken

28.06.2017 | Maschinenbau