Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gift aus der Vergangenheit: Flüchtiges Quecksilber aus historischen Spiegeln

10.07.2012
Es gibt immer noch historische Spiegel, bei denen Quecksilber auf eine dünne Zinnfolie aufgetragen wurde. Deren Produktion wurde zwar 1886 verboten, nicht aber der Besitz.

Mit den Jahren korrodiert bei den Quecksilberspiegeln die Verbindung aus Zinn und Quecksilber (das so genannte Zinnamalgam) oder löst sich vom Glas. Die Verspiegelung wird blind, das Quecksilber wird freigesetzt und bildet giftige Dämpfe. Wie man dies verhindert, und alte Spiegel sicher restaurieren kann, hat die BAM Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung in einem Forschungsprojekt untersucht.

Experten der BAM haben dabei die Emission aus Zinnamalgamspiegeln gemessen und deutlich nachweisen können, dass die Spiegel Quecksilberdämpfe abgeben. „Die gemessenen Konzentrationen hängen sehr von der Größe der Spiegelflächen und der Größe des Raumes ab, und ob häufig gelüftet wird“, erklärt Projektmitarbeiter Manfred Torge. Quecksilberspiegel erkennt man übrigens an einer eher grau-braunen Lichtreflexion im Vergleich zu der gelb-grünlichen bei Silbernitratspiegeln.

Um die Quecksilberemission in die Umgebung zu verhindern oder zumindest zu reduzieren, kommen zwei Verfahren in Frage: Zum einen kann man die Spiegelrückseite durch eine undurchlässige Schicht verschließen, zum Beispiel durch eine dünne Glasscheibe. Zum anderen können die Dämpfe des Quecksilbers durch Absorptionsmaterialien gebunden werden. Geeignet sind mit Gold bedampftes Papier, Jodkohle oder auch ein unter dem Handelsnamen Mercurisorb vertriebener Absorber.

Die Versuche ergaben, dass das Verfahren mit der Glasscheibe nur eine geringe Wirkung hat, da die Randverklebung des Spiegels weiterhin für Quecksilber durchlässig ist. Die Wissenschaftler empfehlen mit Gold bedampftes Papier, welches zwischen spezielle, sehr dünne Kunststoffbahnen gelegt wird. Um bei schon sehr stark geschädigten Spiegeln das Austreten von Quecksilberkügelchen zu verhindern, schlagen die BAM-Experten in der Fachzeitschrift Restauro[1] vor, Mercurisorb oder auch Stäbe aus Zinn oder Zink in einer speziellen Anordnung unten in den Rahmen einzubringen. Adsorbermaterialien und Spiegel dürfen dabei keinen direkten Kontakt zueinander haben.

Wie viel Quecksilber beispielsweise in einem Museum in die Raumluft abgegeben wird, haben die BAM-Experten in den Räumen des Neuen Palais in Potsdam untersucht. Im Konzertzimmer von Friedrich dem Großen befindet sich eine große Anzahl von historischen Quecksilberspiegeln, weitere lagern in einem Depot. Die gemessene Emission von Quecksilber im Konzertzimmer kann als sehr gering eingeschätzt werden und liegt circa um einen Faktor von 50 unter dem von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwert (0,35 ng/l). Auch im Depotraum wurde der Grenzwert nicht erreicht. „In großen Spiegelsälen, wie in Potsdam, ist der Luftwechsel relativ hoch, so dass es zu keiner grenzwertüberschreitenden Anreicherung von Quecksilber kommt“, sagt die diplomierte Restauratorin Sonja Krug. „Bei einem sehr großen Spiegel in einem kleinen abgeschlossenen Raum kann dies schon anders aussehen.“

Da die Quecksilberspiegelproduktion verboten ist, darf sie heute nur noch in Ausnahmefällen angewandt werden. So wurden beispielsweise bei der Errichtung des Historischen Grünen Gewölbes im wiederaufgebauten Residenzschloss in Dresden 2006 die Quecksilberbeläge wiederhergestellt sowie auch die neuen Spiegel nach dem historischen Verfahren angefertigt. Moderne Technik in Museen, wie sie das Grüne Gewölbe besitzt, filtert sämtliche Schadstoffe aus der Luft, so dass sie von den Besuchern, aber auch den Kunstgegenständen ferngehalten werden.

[1] RESTAURO - Die Zeitschrift für Restauratoren, Konservatoren & Denkmalpfleger 3/2012; S.30-37

Kontakt:
Dr.-Ing. Manfred Torge
Abteilung 4 Material und Umwelt
E-Mail: manfred.torge@bam.de
Sonja Krug
Abteilung 4 Material und Umwelt
E-Mail: sonja.krug@bam.de

Dr. Ulrike Rockland | idw
Weitere Informationen:
http://www.bam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Vorhersage von Kristallisationsprozessen soll bessere Kunststoff-Bauteile möglich machen
20.06.2018 | Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS

nachricht Heiratsschwindel unter Oxiden
20.06.2018 | Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Sensoren auf Gummibärchen: Team druckt Mikroelektroden-Arrays auf weiche Materialien

21.06.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics