Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Für energiesparende Datenspeicher

16.12.2016

Ein neues Material könnte zur Grundlage zukünftiger Datenspeicher werden, denn im Vergleich zu heutigen Festplatten liesse sich damit der Energiebedarf in der Datenspeicherung deutlich senken. Es handelt sich um ein Material aus der Klasse der sogenannten magnetoelektrischen Multiferroika und zeigt die nötigen magnetischen Eigenschaften auch bei Zimmertemperatur. Ihre neuen Ergebnisse veröffentlichten die PSI-Forschenden im Fachblatt Nature Communications.

Forschende am PSI haben ein neues Material geschaffen, das ein grosses Potenzial für zukünftige Speichermedien hat. Es handelt sich um ein sogenanntes magnetoelektrisches multiferroisches Material, dessen entscheidende Neuerung darin besteht, dass es seine nötigen magnetischen Eigenschaften auch bei Raumtemperatur behält und damit für den Einsatz im Alltag taugt.


In den meisten heutigen Computerspeichern werden die 0/1-Werte durch die Orientierung kleiner Magnete nach links/rechts dargestellt, während in künftigen Speichern die Magnete Spiralen bilden.

Quelle: Paul Scherrer Institut/Marisa Medarde

Magnetoelektrische multiferroische Materialien sind äusserst selten. In ihnen sind die magnetischen und elektrischen Eigenschaften aneinander gekoppelt. Die magnetischen Eigenschaften des Materials lassen sich steuern, indem ein elektrisches Feld angelegt wird. Elektrische Felder lassen sich einfacher und energiesparsamer erzeugen als magnetische Felder. „Wird ein elektrisches Feld an magnetoelektrische Multiferroika angelegt, wirkt dieses auf die elektrischen Eigenschaften des Materials. Durch die magnetoelektrische Kopplung bekommt man dann noch eine Veränderung der magnetischen Eigenschaften hinzugeschenkt“, beschreibt Marisa Medarde, Leiterin der neuen Studie, die besondere Materialklasse.

Daten speichern, Energie sparen

Heutige Computerfestplatten speichern die Daten in Form magnetischer Bits, die durch Anlegen eines magnetischen Feldes geschrieben werden. Demgegenüber hätten Speichermedien auf der Basis von Multiferroika einige Vorteile: Die magnetische Datenspeicherung würde durch Anlegen einer elektrischen Spannung erfolgen, was deutlich weniger Energie benötigen würde; die Geräte würden weniger Abwärme produzieren und hätten daher auch einen geringeren Bedarf an Kühlung beispielsweise durch Ventilatoren. Da jährlich viele Billionen Kilowattstunden Energie im Cloudcomputing verbraucht werden, sind Einsparungen in diesem Bereich von grosser Bedeutung.

In fast allen Materialien schliessen sich Magnetismus – wie er beispielsweise im Eisen vorliegt – und Ferroelektrizität – eine bestimmte elektrische Materialeigenschaft – gegenseitig aus. Multiferroische Materialien bilden hier eine Ausnahme: Sie sind sowohl magnetisch als auch ferroelektrisch; darüber hinaus sind diese beiden Eigenschaften aneinander gekoppelt. Allerdings konnten bisher fast ausschliesslich Materialien geschaffen werden, die sich bei sehr tiefen Temperaturen von typischerweise minus 200 Grad Celsius multiferroisch verhalten. Das neue Material der PSI-Forschenden ist daher eine Neuheit.

Rezeptur, Herstellung und Untersuchungen am PSI

Erreicht haben die Forschenden ihr neues Material, indem sie sowohl die chemische Zusammensetzung des Materials als auch den genauen Herstellungsprozess massschneiderten. Schliesslich zeigte sich: Das Material mit der chemischen Formel YBaCuFeO5 ist geeignet und zeigt dann die besten Ergebnisse, wenn es erst hoch erhitzt und dann extrem rasch und sehr stark abgekühlt wird. „Bei der hohen Temperatur ordnen sich die Atome so an, wie es für unsere Zwecke dienlich ist“, erklärt Medarde. „Die rasche Abkühlung friert dann diese Anordnung quasi ein.“ Die zugrundeliegende Methode der raschen Abkühlung kennt man von der Herstellung besonders harter Metalle und nutzt sie seit Jahrhunderten beispielsweise zur Härtung von Stahlschwertern. Die PSI-Forschenden setzten jedoch weitaus extremere Temperaturen ein: Ihr Material erhitzten sie erst auf 1000 Grad Celsius und kühlten es dann schlagartig und kurzfristig in einem auf minus 200 Grad Celsius. Nachdem das Material aus diesem Kühlbad entnommen wird, behält es seine besonderen magnetischen Eigenschaften bis zu Raumtemperatur und etwas darüber.

Die Herstellungsprozedur und Verbesserung der Materialeigenschaften wurden am PSI entwickelt, wo auch die Materialien hergestellt und anschliessend an den beiden Grossforschungsanlagen Neutronenquelle SINQ und Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS untersucht wurden. „Unser neues Material besteht aus sehr kostengünstigen Zutaten“, freut sich Medarde. „Und auch die Herstellung ist – nachdem wir sie nun ausgetüftelt haben – einfach zu bewerkstelligen.“

Seine Eigenschaften verdankt das neue Material sogenannten magnetischen Spiralen auf der Ebene der Atome. Diese winzigen Spiralen sorgen für die Kopplung des Magnetismus und der Ferroelektrizität. In den meisten Materialien jedoch verschwinden die magnetischen Spiralen, wenn das Material wärmer als rund minus 200 Grad Celsius wird. Die PSI-Forschenden sehen daher ihren hauptsächlichen Verdienst darin, dass es ihnen geglückt ist, ein Material mit magnetischen Spiralen zu schaffen, die auch bei Raumtemperatur stabil sind. „Sogar bei 30 Grad Celsius waren unsere magnetischen Spiralen noch vorhanden“, so Medarde.

Ein Verwandter der Hochtemperatursupraleiter

Das Material YBaCuFeO5 an sich ist nicht ganz neu. Tatsächlich wurde diese chemische Verbindung schon im Jahr 1988 zum ersten Mal hergestellt. Doch nun ordnet der besondere Herstellungsprozess der PSI-Forschenden die Eisen- und Kupferatome im Material genau so an, dass das Material ganz neue Eigenschaften erhält. YBaCuFeO5 ist eng verwandt mit der Materialklasse Yttrium-Barium-Kupferoxid, chemisch abgekürzt YBa2Cu3O6+x, eine im Jahr 1987 entdeckte Gruppe von Supraleitern, die wiederum bis zu vergleichsweise hohen Temperaturen supraleitend bleiben: Einige von ihnen verlieren ihre supraleitende Eigenschaft bei Temperaturen von rund minus 180 Grad Celsius, also rund 200 Grad unterhalb der Spiralordnungstemperatur des neuen Materials der PSI-Forschenden.

Text: Paul Scherrer Institut/Laura Hennemann


Über das PSI
Das Paul Scherrer Institut PSI entwickelt, baut und betreibt grosse und komplexe Forschungsanlagen und stellt sie der nationalen und internationalen Forschungsgemeinde zur Verfügung. Eigene Forschungsschwerpunkte sind Materie und Material, Energie und Umwelt sowie Mensch und Gesundheit. Die Ausbildung von jungen Menschen ist ein zentrales Anliegen des PSI. Deshalb sind etwa ein Viertel unserer Mitarbeitenden Postdoktorierende, Doktorierende oder Lernende. Insgesamt beschäftigt das PSI 2000 Mitarbeitende, das damit das grösste Forschungsinstitut der Schweiz ist. Das Jahresbudget beträgt rund CHF 370 Mio. Das PSI ist Teil des ETH-Bereichs, dem auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne angehören sowie die Forschungsinstitute Eawag, Empa und WSL.


Kontakt/Ansprechpartner
Dr. Marisa Medarde, Labor für Wissenschaftliche Entwicklung und neue Materialien
Paul Scherrer Institut, 5232 Villigen PSI, Schweiz
E-Mail: marisa.medarde@psi.ch [Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch]

Originalveröffentlichung
Tuning magnetic spirals beyond room temperature with chemical disorder
M. Morin, E. Canévet, A. Raynaud, M. Bartkowiak, D. Sheptyakov, V. Ban, M. Kenzelmann, E. Pomjakushina, K. Conder, M. Medarde
Nature Communications, 16. Dezember 2016,
DOI: http://dx.doi.org/10.1038/ncomms13758

Weitere Informationen:

http://psi.ch/N55g – Darstellung der Mitteilung auf der Webseite des PSI mit einer weiteren Abbildung

Dagmar Baroke | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Mikroplastik in Meeren: Hochschule Niederrhein forscht an biologisch abbaubarer Sport-Kleidung
18.09.2017 | Hochschule Niederrhein - University of Applied Sciences

nachricht Flexibler Leichtbau für individualisierte Produkte durch 3D-Druck und Faserverbundtechnologie
13.09.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik