Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Durchbruch in der Materialwissenschaft: Kieler verbinden Metalle mit nahezu allen Oberflächen

08.09.2016

Wie Metalle genutzt werden, hängt besonders von den Eigenschaften ihrer Oberflächen ab. Ein Forschungsteam der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat herausgefunden, wie sich diese Eigenschaften verändern lassen, ohne die Stabilität der Metalle anzugreifen oder die Metalleigenschaften an sich zu verändern. Die weltweit neuartige Methode basiert auf einem elektrochemischen Ätzverfahren, bei dem die oberste Schicht eines Metalls im Mikrobereich kontrolliert aufgeraut wird. Metalle wie Aluminium, Titan oder Zink lassen sich dank des „nanoscale-sculpturing“-Verfahrens mit nahezu allen Materialien dauerhaft verbinden, werden wasserabweisend oder erhöhen ihre Biokompatibilität.

Die Einsatzmöglichkeiten dieser „Superverbindungen“ sind extrem vielfältig und reichen von der Metallverarbeitung in der Industrie bis zu verträglicheren Implantaten in der Medizintechnik. Die Ergebnisse wurden jetzt in der renommierten Zeitschrift „Nanoscale Horizon“ der Royal Society of Chemistry veröffentlicht.


Das gezielte Ätzverfahren „nanoscale‐sculpturing“ raut die obere Metallschicht (hier Aluminium, 20 µm = 0,02 mm), so auf, dass eine 3D-Struktur mit winzigen Haken entsteht.

Melike Baytekin‐Gerngroß

Die weltweit neuartige Methode basiert auf einem elektrochemischen Ätzverfahren, bei dem die oberste Schicht eines Metalls im Mikrobereich kontrolliert aufgeraut wird. „Eine Technologie, die bislang nur von Halbleitern bekannt ist, haben wir jetzt auf Metalle angewendet. Dieses Verfahren so zu nutzen, ist völlig neu“, sagt Dr. Jürgen Carstensen, Mitautor der Publikation.

Bei dem Verfahren werde die Oberfläche eines Metalls in eine Halbleiterschicht umgewandelt, die chemisch geätzt und gezielt verändert werden kann. „Wir haben damit ein Verfahren entwickelt, das Metalle im Gegensatz zu anderen Ätzverfahren nicht schädigt und ihre Stabilität nicht angreift“, betont Professor Rainer Adelung, der am Institut für Materialwissenschaft die Arbeitsgruppe „Funktionale Nanomaterialien“ leitet.

„So können wir Metalle dauerhaft verbinden, die bisher nicht direkt miteinander verbunden werden konnten, zum Beispiel Kupfer und Aluminium“, ordnet Adelung den Durchbruch ein. Die Ergebnisse wurden jetzt in der renommierten Zeitschrift „Nanoscale Horizon“ der Royal Society of Chemistry veröffentlicht.

Wie funktioniert das „nanoscale-sculpturing“-Verfahren genau?

Die Oberfläche von Metallen besteht aus vielen verschiedenen Kristallen und Körnern, von denen einige chemisch weniger stabil sind als andere. Diese instabilen Partikel können mit dem gezielten Ätzverfahren aus der Oberfläche des Metalls herausgelöst werden. Die oberste Schicht wird durch das Ätzen aufgeraut, es entsteht eine dreidimensionale Oberflächenstruktur. Die Eigenschaften der Oberfläche verändern sich, nicht aber die des gesamten Metalls. Denn geätzt wird nur 10 bis 20 Mikrometer tief – eine Schicht, so dünn wie ein Viertel eines Haardurchmessers. Das Kieler Forschungsteam nennt das Verfahren daher „nanoscale-sculpturing“.

Die Veränderung durch das Ätzen ist mit bloßem Auge zu sehen: Die Oberfläche wird matt. „Behandeln wir ein Metall zum Beispiel mit Schmirgelpapier, erhalten wir zwar auch eine sichtbare Veränderung, aber sie ist nur zweidimensional und ändert noch nicht die Eigenschaft der Oberfläche“, erklärt Dr. Mark-Daniel Gerngroß aus dem Forschungsteam der Kieler Materialwissenschaft. Durch das Ätzverfahren entsteht dagegen eine 3D-Oberfläche mit kleinen Haken. Wird jetzt ein verbindendes Polymer zwischen zwei bearbeiteten Metallen aufgebracht, verhaken sich die Oberflächen der Metalle wie ein dreidimensionales Puzzleteil in alle Richtungen miteinander. „Diese 3D-Puzzleverbindungen sind praktisch nicht zu lösen. In unseren Versuchen riss eher das Metall oder das Polymer, aber nicht die Verbindungsstelle“, sagt Melike Baytekin-Gerngroß, Erstautorin der Veröffentlichung.

Oberflächen mit multifunktionalen Eigenschaften

Auch eine dünne Fettschicht, wie sie etwa ein Fingerabdruck auf einer Oberfläche hinterlässt, kann der Verbindung nichts anhaben. „In unseren Tests haben wir sogar Getriebeöl auf Metalloberflächen gestrichen. Die Verbindung hielt trotzdem“, betont Baytekin-Gerngroß. Eine aufwendige Reinigung von Oberflächen, zum Beispiel die Vorbehandlung von Schiffswänden, bevor sie mit Farbe gestrichen werden, könnte damit entfallen.

Zusätzlich setzte die Forschungsgruppe die Puzzle-Verbindungen großer Hitze und Feuchtigkeit aus, um Wetterverhältnisse zu simulieren. Auch das beeinträchtigte ihre Haltbarkeit nicht. Carstensen: „Unsere Verbindungen sind extrem robust und witterungsbeständig.“ Dass die Oberflächen von Metallen durch die Ätzung wasserabweisend werden, ist ein praktischer Nebeneffekt des Verfahrens. Die entstandene Hakenstruktur wirkt wie ein eng ineinander verkeiltes 3D-Labyrinth ohne Löcher, in die Wasser eindringen könnte. Die Metalle besitzen praktisch einen eingebauten Korrosionsschutz. „Dieses Verhalten kennen wir von Metallen wie Aluminium eigentlich nicht. Ein Lotuseffekt bei reinen Metallen, also ohne Auftragen einer wasserabweisenden Extra-Schicht – das ist neu“, sagt Adelung.

Unendliche Einsatzmöglichkeiten

„Die denkbaren Anwendungen sind unglaublich breit gefächert, von metallverarbeitender Industrie wie Schiff- oder Luftfahrt über Drucktechnik und Brandschutz bis zu medizinischen Anwendungen“, sagt Gerngroß. Denn mit dem „nanoscale‐sculpturing“-Verfahren werde nicht nur eine 3D-Oberflächenstruktur gewonnen, die sich ganz ohne Chemie rein physikalisch verbinde. Durch das gezielte Ätzen können auch schädliche Partikel aus der Oberfläche entfernt werden, was insbesondere für die Medizintechnik von großem Interesse sei. Für medizinische Implantate wird häufig Titan verwendet. Zur mechanischen Festigung werden ihm kleinste Mengen Aluminium zugesetzt. Das Aluminium kann jedoch unerwünschte Nebenwirkungen im Körper auslösen. „Mit unserem Verfahren können wir Aluminiumpartikel aus der obersten Schicht entfernen und erhalten so eine deutlich reinere Oberfläche, die für den menschlichen Körper viel verträglicher ist. Weil wir auf der obersten Schicht nur im Mikrobereich arbeiten, wird die Festigkeit des gesamten Implantats dadurch nicht eingeschränkt“, ist Carstensen überzeugt.

Bereits vier Patente haben die Kieler Forschenden auf das Verfahrensprinzip angemeldet. Firmen zeigen bereits großes Interesse an den Anwendungsmöglichkeiten. „Auch Fachkollegen aus der Materialwissenschaft haben auf unsere Erkenntnisse mit Begeisterung reagiert“, freut sich Adelung.

Originalpublikation:
M. Baytekin‐Gerngross, M.D. Gerngross, J. Carstensen and R. Adelung: Making metal surfaces strong, resistant, and multifunctional by nanoscale‐sculpturing. Nanoscale Horizon. DOI: 10.1039/C6NH00140H
http://pubs.rsc.org/en/content/articlelanding/2016/nh/c6nh00140h#!divAbstract

Bildmaterial steht zum Download bereit:

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2016/2016-285-1.jpg
Bildunterschrift: Durch Erwärmen lässt sich ein Streifen Aluminium, dessen Oberfläche zuvor mit einem elektrochemischen Ätzverfahren bearbeitet wurde, untrennbar mit einem Thermoplast verbinden.
Foto/Copyright: Julia Siekmann/CAU

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2016/2016-285-2.jpg
Bildunterschrift: Auch große Metallflächen lassen sich mit dem Ätzverfahren behandeln. Obwohl das Verfahren nur innerhalb einer dünnen Schicht im Mikrometerbereich angewendet wird, ist die entstandene Veränderung mit bloßem Auge sichtbar. Die behandelte Oberfläche des Aluminiums vorne im Bild ist matt geworden.
Foto/Copyright: Julia Siekmann/CAU

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2016/2016-285-3.jpg
Bildunterschrift: Das Kieler Forschungsteam mit Melike Baytekin-Gerngroß (links), Mark-Daniel Gerngroß, Jürgen Carstensen, Rainer Adelung vergleicht Testergebnisse im Labor.
Foto/Copyright: Julia Siekmann/CAU

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2016/2016-285-4.jpg
Bildunterschrift: Aluminiumplättchen, die lediglich sandgestrahlt wurden (im Bildhintergrund), können nicht verklebt werden. Die zwei verklebten Plättchen lösen sich wieder an der Schnittstelle zwischen Kleber und Metall – zu sehen daran, dass auf einem der beiden Metallplättchen keine weißen Kleberreste zurückbleiben. Die Aluminiumplättchen im Bildvordergrund wurden vor dem Verkleben mit dem Ätzverfahren „nanoscale sculpturing“ behandelt. Zwar haben sich auch diese Plättchen wieder voneinander gelöst. Dass weiße Klebepartikel auf beiden Plättchen zurückgeblieben sind, zeigt jedoch: Nicht die Verbindung zwischen Kleber und Metall ist gebrochen, sondern der Kleber selbst.
Foto/Copyright: Julia Siekmann/CAU

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2016/2016-285-5.jpg
Bildunterschrift: Das gezielte Ätzverfahren „nanoscale‐sculpturing“ raut die obere Metallschicht (hier Aluminium, 20 µm = 0,02 mm), so auf, dass eine 3D-Struktur mit winzigen Haken entsteht. Eine so behandelte Oberfläche kann sich wie dreidimensionale Puzzleteile mit den Oberflächen nahezu aller Materialien unlösbar verhaken. Selbst Verbindungen von Aluminium und Kupfer sind so möglich.
Foto/Copyright: Melike Baytekin‐Gerngroß

http://www.uni-kiel.de/download/pm/2016/2016-285-6.jpg
Bildunterschrift: Die aufgeraute Oberflächenstruktur von Zink in 10.000-facher Vergrößerung (2 µm = 0,002 mm).
Foto/Copyright: Melike Baytekin‐Gerngroß

Kontakt:
Prof. Dr. Rainer Adelung
Funktionale Nanomaterialien
Institut für Materialwissenschaft
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Tel.: +49 (0)431/880-6116
E-Mail: ra@tf.uni-kiel.de

Dr. Jürgen Carstensen
Funktionale Nanomaterialien
Institut für Materialwissenschaft
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Tel. +49 (0)431/880-6181
E-Mail: jc@tf.uni-kiel.de

Dr. Boris Pawlowski | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum
07.12.2016 | Technische Universität Graz

nachricht Bioabbaubare Polymer-Beschichtung für Implantate
06.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie