Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Abgetaucht zum Schweißen

22.02.2010
Was tun, wenn die Windkraftanlage vor der Küste einen Riss im Sockel hat? Unterwasserschweißer lernen ihr Handwerk am Unterwassertechnikum des Instituts für Werkstoffkunde

Wer zum Tauchen fährt, sucht sich in der Regel ein warmes, sonniges Plätzchen und eine sehenswerte Unterwasserwelt. Die Taucher, die ins Institut für Werkstoffkunde (IW) kommen, zahlen mindestens so viel wie ein Urlaubstaucher, bekommen dafür aber weder Sonne noch bunte Flora oder Fauna.

Stattdessen steigen sie jeweils zu dritt in voller Montur immer wieder in ein großes, etwa vier Meter tiefes Wasserbecken im Unterwassertechnikum, das zum Institut für Werkstoffkunde und damit zum Produktionstechnischen Zentrum der Leibniz Universität Hannover (PZH) gehört. Als Souvenir können sie nur selbstgeschweißte Kehlnähte mit nach Hause nehmen. Dafür gibt es aber zukunftsweisendes Know-how.

Es ist der erste Lehrgang seit drei Jahren, der - durchgeführt von der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt Hannover - zurzeit im Unterwassertechnikum (UWTH) stattfindet. "In den vergangenen Jahren mussten die Unternehmen wohl sparen", vermutet Thomas Hassel, promovierter Maschinenbauingenieur und Leiter des UWTH, "aber mittlerweile ist die Nachfrage nach Unterwasserschweißarbeiten so groß, dass sie ihre Taucher dringend entsprechend ausbilden lassen müssen." Für die Lehrgänge, die bis Ende März laufen, sind 19 Berufstaucher angemeldet, die zugleich Schweißer sein müssen. Sie kommen von Firmen aus ganz Deutschland, die europaweit gerufen werden, wenn ein Schiff die Hafenmauer gerammt und die Spundwand verletzt hat. Oder wenn, was in Zukunft häufiger passieren dürfte, in Offshore-Windparks unterhalb des Wasserspiegels Schäden entstanden sind. Da kann man die beschädigten Strukturen nicht nach oben holen, man muss an Ort und Stelle schweißen; Standardstähle ebenso wie spezielle, hochfeste Stähle. Direkt unter der Wasseroberfläche genauso wie in zehn oder zwanzig Metern Tiefe.

"Beim Schweißen unter Wasser müssen Sie sehr kontrollierte, regelmäßige Bewegungen mit der Elektrode ausführen", erläutert Hassel und zieht mit der rechten Hand kleine spiralförmige Kreise in die Luft, "damit Ihnen der Lichtbogen nicht ausgeht. Das ist nicht ganz einfach." Die Taucher lernen das durch das Verschweißen von etwa 1000 Elektroden während ihres Unterwasserschweißlehrgangs - übrigens außer einem Lehrgang der Bundesmarine dem einzigen in Deutschland - und profitieren dabei von den Räumlichkeiten, die das UWTH als Teil des Instituts für Werkstoffkunde bietet.

Aber auch das IW profitiert von den Tauchern. Denn zurzeit arbeiten die Wissenschaftler hier an Elektroden, die als Alternative zu herkömmlichen Unterwasserelektroden marktreif gemacht werden sollen. Das IW hat erstmals eine Elektrode entwickelt, die nicht das Ergebnis vieler empirischer Durchläufe ist, sondern auf wissenschaftlichen Analysen beruht: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen nicht nur fest, dass die Zugabe von zwei Prozent des Materials X die Elektrode besser gemacht hat, sie wissen auch, warum das so ist. Auf diese Weise erreichen sie eine Systematik bei der Entwicklung und Herstellung, die es bisher nicht gab. Sie können voraussagen, welche Unterwasserelektrode aufgrund welcher Zusammensetzung welche Eigenschaften haben wird. Die Schweißnähte, die die Unterwassertaucher mit verschiedenen Elektroden während der Lehrgänge ziehen, sind da willkommenes Forschungsmaterial.

Daneben beschäftigen sich Ingenieure des UWTH auch mit Elektroden, die in mehreren Tausend Metern Wassertiefe automatisiert einsetzbar sein sollen. "Das Unterwasserschweißen ist insgesamt ein großes Thema für uns", sagt Professor Friedrich-Wilhelm Bach, Leiter des IW und Dekan der Fakultät für Maschinenbau der Leibniz Universität Hannover. "Mit der Zunahme von Offshore-Windparks wird die Nachfrage weiter stark ansteigen. Unser Ziel ist, die verschiedenen Kompetenzen in diesem Bereich hier am UWTH zu bündeln." Rudolf Kolbusch, Lehrgangsleiter für die Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt (SLV), der die Taucher im Becken über Funk anleitet, begrüßt diese Ziele: "Über Wasser wird alles eingehend geprüft: Standsicherheit, Verkehrssicherheit, Dauerhaftigkeit. Für alles gibt es ein Qualitätssicherheitssystem. Unter Wasser wird häufig nur per Augenschein bewertet. Als ob Standsicherheit unterhalb der Wasserlinie aufhören würde. Das Gegenteil ist der Fall!" Bessere Verfahren und eindeutige Normen seien erforderlich. Ein Kompetenzzentrum mit der SLV Hannover und der Leibniz Universität Hannover in der Region Hannover wäre da ein großer Fortschritt.

Hinweis an die Redaktion:
Die Lehrgänge laufen bis zum 26. Februar 2010 und dann noch einmal vom 8. bis 27. März 2010. Für weitere Informationen steht Ihnen Dr.-Ing. Thomas Hassel vom Institut für Werkstoffkunde unter Telefon +49 511 762 9813 oder per E-Mail unter hassel@iw.uni-hannover.de gern zur Verfügung.

Dr. Stefanie Beier | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hannover.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Beschichtung lässt Muscheln abrutschen
18.08.2017 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

nachricht PKW-Verglasung aus Plastik?
15.08.2017 | Technische Hochschule Mittelhessen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie