Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Lieferanten den Kostenschleier lüften

10.07.2008
Der unternehmensübergreifende Austausch von Kosteninformationen zwischen Lieferant und Kunde entlang der gesamten Supply Chain wird Open Book Accounting genannt. Die Transparenz aller Kosten in den einzelnen Stufen der Wertkette soll beim Aufspüren von Kostensenkungspotenzialen helfen. Als Alternative zum Preisdiktat gewinnt dieser Ansatz auch an praktischer Bedeutung. Beim Automobilproduzenten Nissan liegt der Anteil von Zulieferern, die ihre Kosteninformationen teilen, heute bei knapp 80%.

Wie die Idee der „offenen Bücher“ funktionieren kann, zeigt das Beispiel des Herstellers von Leichtmetallprodukten Honsel. Der Automobilzulieferer aus Meschede hat Zugang zu Prozess- und Kosteninformationen eines Kunden. Zuvor schweißte dieser Kunde an die von Honsel gelieferten Motorblöcke Tragarme an. Honsel konnte ihm nun ein optimiertes Angebot unterbreiten: ein Motorblock mit integrierten Tragarmen. Die beim Gießen des Motorblocks anfallenden Mehrkosten waren deutlich geringer als die Anschweißkosten beim Kunden. Die gegenseitige Offenlegung von Kostengrößen, das Open Book Accounting, führte somit zu einer höheren Gesamteffizienz und damit zu einer Win-Win-Situation.

Open Book Accounting senkt nicht automatisch die Kosten

Doch ist Open Book Accounting kein Selbstläufer, denn Kostentransparenz allein senkt noch keine Kosten. Häufig fungiert der Kunde als Berater, der Wissen aus eigener Produktion beim Abnehmer einbringt. Nissan veranstaltet Schulungen für seine direkten Lieferanten. Diese helfen Ersparnisse im eigenen Unternehmen aufzuspüren beziehungsweise mit ihren Unterlieferanten bessere Verhandlungen zu führen. Das Selbstverständnis der Abnehmer spiegelt sich in folgender Aussage wider: „Wir greifen nicht ihre Profite ab, sondern ihre Kosten.“

Wann aber kommt der Austausch von Kosteninformationen zwischen Supply-Chain-Partnern zustande? In der betrieblichen Praxis lassen sich typische Muster des Open Book Accounting beobachten. Kosteninformationen werden vornehmlich einseitig von einem wirtschaftlich stark abhängigen Lieferanten bei einer langen Vertragsbeziehung offen gelegt.

Open Book Accounting: Entscheider gehen starke Vorbehalte

Controlling-Experte Professor Hoffjan und sein Doktorand Jan Piontkowski von der TU Dortmund haben dazu 80 internationale Manager befragt. Viele Praktiker äußerten erhebliche Vorbehalte gegenüber dem Kostenaustausch. Sie befürchten, dass die Informationen opportunistisch eingesetzt werden oder dass die erhaltenen Informationen manipuliert sind. Die Befragten zeigten sich eher bereit, Kosteninformationen offen zu legen, wenn der Geschäftspartner mehr eigene Informationen anbietet oder ein gemeinsames Projekt geplant ist.

Dass diese Ängste nicht ganz unberechtigt sind, zeigen zahlreiche Beispiele. Mit den Kosten legt ein Lieferant auch die eigene Marge offen. Dies erhöht seine Verwundbarkeit in Preisverhandlungen. Zuweilen werden die Kostendaten auch an Wettbewerber des Lieferanten weitergegeben. Konkurrenten können durch einen detaillierten Einblick in die Kostenstruktur innovative Prozessabläufe oder Produktionstechniken erkennen und vor allem deren Preissetzungsspielraum abschätzen. Manche Abnehmer suchen sich die laut Kalkulation ihrer Zulieferer kostengünstigsten Positionen heraus. Sie stellen sich einen kostenoptimalen fiktiven „Wunsch-Lieferanten“ zusammen. Mehr als diese Kosten sind sie dann nicht mehr zu bezahlen bereit.

Open Book Accounting hat zwei Seiten

Faktisch kann Open Book Accounting die Position eines beteiligten Unternehmen sowohl stärken als auch schwächen. Grundsätzlich ist der Zulieferer einem höheren Risiko ausgesetzt. Kooperationsromantik sei denn auch fehl am Platz, meint Professor Hoffjan. Wie aber sollen Unternehmen Informationen teilen, ohne zu viele vertrauliche Daten preis zu geben?

Dazu der Controlling-Fachmann von der TU Dortmund: „Dieser Zwiespalt kann mittels einer begrenzten Offenlegung von Kostendaten situationsabhängig gelöst werden.“ Honsel gibt beispielsweise einige Daten nur aggregiert an ihre Kunden weiter. Prozesswissen, das den Wettbewerbsvorteil des Unternehmens ausmacht, bleibt dem Kunden sogar komplett verborgen.

Jürgen Schreier | MM MaschinenMarkt
Weitere Informationen:
http://www.maschinenmarkt.vogel.de/themenkanaele/betriebstechnik/zulieferungen/articles/136310/

Weitere Berichte zu: Kosteninformationen Lieferant

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Maschinenbau:

nachricht Modulares Fertigungssystem für Kettenräder
15.03.2017 | EMAG GmbH & Co. KG

nachricht Nimm zwei: Metallische Oberflächen effizient mit dem Laser strukturieren
15.03.2017 | Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Maschinenbau >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise