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Rolls-Royce heißt Balance zwischen Technik und Handarbeit

09.05.2008
Motorhauben sind aus Blech. Sie werden mit üblichen Umformverfahren so in Form gebracht, wie es für die verschiedenen Automodelle typisch ist. Manchmal jedoch erfahren sie auch eine Sonderbehandlung – so wie die Motorhaube des Luxusautos Rolls-Royce, die bei der BMW Fahrzeugtechnik GmbH in Eisenach-Krauthausen aus Edelstahl hergestellt wird.

Lenin liebte dieses Auto. Der als „Lawrence von Arabien“ berühmt gewordene Thomas Edward Lawrence besaß mehrere davon. Doch auch wenn die Besitzer der Marke Rolls-Royce keine Otto Normalverbraucher sind – hergestellt werden die Karosserieteile der Edelautos in gewöhnlichen Presswerken.

Die BMW Fahrzeugtechnik GmbH in Eisenach-Krauthausen fertigt seit 2002 die Alu-Motorhauben für den Phantom von Rolls-Royce. Jetzt werden auch die Edelstahl-Motorhauben für die Typen Phantom Drophead Coupé und seit Kurzem für das Phantom Coupé hier hergestellt.

„Die Frontklappe ist einzigartig und optisch sehr bedeutsam“, so Peter Wolf, Geschäftsführer der BMW Fahrzeugtechnik GmbH. Kein Wunder also, dass die Produktionstechniken und -prozesse hier eine herausgehobene Stellung haben. Hergestellt wird die Edelhaube durch Tiefziehen.

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Die Pressen haben 2000 t Umformkraft und halten eine Toleranz von ± 0,5 mm. Doch bevor es an die Fertigung geht, wird die Umformbarkeit des Materials per Simulation berechnet, nachdem beispielsweise Werkstoffdaten und Reibwerte eingegeben wurden. Neu und eine technische Herausforderung war für die Eisenacher das Material Edelstahl.

Edelstahlumformung bedeutet Herausforderung

Die Optik mit der Edelstahlhaube wurde 2004 erstmals vorgestellt. Rolls-Royce schickte ein so genanntes Experimental Car für mehrere Monate auf Weltreise. Das Design überzeugte die Kunden. 2005 unterbreiteten die Eisenacher dann ihr Angebot für die Herstellung der Edelhaube, seit Mitte 2007 läuft hier die Serienfertigung für die Motorhauben.

Das BMW-Tochterunternehmen hatte sich, so wie andere Unternehmen auch, an der Rolls-Royce-Ausschreibung beteiligt und überzeugte letztendlich durch die Qualität. Für die geforderte Oberflächen-Optik der Motorhaube haben die Eisenacher Experten in vielen Versuchen ein Hightech-Verfahren entwickelt.

Seit 1. Januar 2003 ist Rolls-Royce Motor Cars Ltd. Teil der BMW Group. Dass der Auftrag für die Motorhaube bei einem BMW-Tochterunternehmen landete, sei keinesfalls selbstverständlich, betont Frank Tiemann, Pressechef von Rolls-Royce Cars. Angefragt wurde bei allen Zulieferern, deren Qualitätskriterien die Maxime von Rolls-Royce aufgreifen: handwerkliche Fertigkeiten auf höchstem Niveau für modernste Werkstoffe.

Hohe Anforderungen an die Optik der umgeformten Edelstahl-Teile

„Unsere Kunden haben den Anspruch, das beste Auto der Welt zu fahren“, betont Tiemann. „Sie kaufen kein Auto, sie kaufen ein Erlebnis.“ Ein Stück Erlebnis ist auch die Herstellung des Luxusautos. „Es kommt auf die Balance zwischen Technik und Handarbeit an. Dies ist für die anspruchsvolle Optik sehr wichtig“, ergänzt Peter Wolf.

Die Platinen sind 2 m × 2 m groß und wiegen 40 kg. Nach dem Umformprozess werden die Teile vorsichtig abgelegt. Die Folie, mit der die Platten beschichtet sind, wird abgezogen und die Qualität wird erstmals per Hand geprüft. Der Laserbeschnitt erfolgt mit einer Trumpf Lasercell 6005, einem 3D-Laserbearbeitungszentrum, das sich für die Bearbeitung großvolumiger Bauteile bis hin zur kompletten Rohkarosserie eignet. Per Handbearbeitung erfolgt auch das abschließende Schleifen und Polieren.

Hergestellt werden in Eisenach lediglich das Ober- und Unterteil. Dann geht es ins BMW-Werk nach Dingolfing. Dort werden die wertvollen Teile vervollständigt und anschließend zur Automontage nach Goodwood in England transportiert.

Der Mythos lebt

Ansonsten hält sich Rolls-Royce mit konkreten Aussagen zurück. Der Stahl komme aus Belgien ... Etwa 1000 Kunden haben sich im vergangenen Jahr für die Marke Rolls-Royce entschieden ... Das Auto habe genügend PS. Ein bisschen Mythos muss schon sein.

Ganz eindrucksvoll jedoch veranschaulichen einige Zahlen dem potenziellen Käufer seine individuellen Gestaltungsmöglichkeiten. Dieser nämlich kann aus den 44000 Farbtönen des so genannten Bespoke-Programms seine Wunschfarbe auswählen. Dass diese farblich mit der handgefertigten Leder-Innenausstattung des Fahrgastraumes abgestimmt wird, ist selbstverständlich. Auch die Hölzer werden individuell ausgewählt.

Und wenn der Kunde etwas Besonderes wünscht, so kann er sich einen Weinkühler einbauen lassen oder die Armaturen aus einer im eigenen Garten gewachsenen Eiche fertigen lassen. Trotz der luxuriösen Dimensionen – Umweltaspekte spielen bei Rolls-Royce durchaus eine Rolle. Unter dem Dach der BMW Group sei das Thema Hybridauto für das Unternehmen genauso ein Thema wie der Leichtbau.

Eisenach mit langer weiß-blauer Tradition

Die BMW-Geschichte ist eng mit Eisenach verbunden, dort entstanden die ersten Automobile des Unternehmens. Die BMW AG übernahm im November 1928 die Ende 1896 gegründete Fahrzeugfabrik Eisenach (Wartburg, später Dixi). Die Dixi-Modelle DA 2 und AM 1 waren die ersten Automobile, die den weiß-blauen Propeller als Markenzeichen trugen.

1990 kehrte BMW zu seinen Automobilbau-Wurzeln in Thüringen zurück. Im Juli 1990 beschloss der Vorstand die Errichtung einer Produktionsstätte für Großpresswerkzeuge am traditionellen Standort. Die Eröffnung des Werkes erfolgte dann im März 1992.

Der Standort Eisenach hat sich in den zurückliegenden Jahren zu einer ersten Adresse entwickelt, wenn es um Großpresswerkzeuge und Karosserieteile für noble Automobile geht. Bezeichnend für das Werk ist, dass die gesamte Prozesskette abgebildet werden kann – von der Bauteilentwicklung bis zum Pressvorgang.

BMW Fahrzeugtechnik stellt Werkzeuge zur Produktion von Karosserieblechen her

Gegenwärtig sind in der BMW Fahrzeugtechnik etwa 230 Mitarbeiter beschäftigt. Hergestellt werden Werkzeuge zur Produktion von mittleren und großen Karosserieblechteilen, wie Frontklappen, Türen, Kotflügel und Fahrzeugdächer. Als Außenhautspezialist hat sich das Werk ebenfalls einen guten Ruf erworben.

Aber auch Mechanisierungen, Bördelwerkzeuge, Engineeringleistungen, Design- und Clay-Modelle, Prototypenwerkzeuge und -teile sowie Serienabpressungen für Kleinserien gehören zum Leistungsspektrum. Gearbeitet wird beispielsweise für die 1er, 3er, 5er und 7er BMW-Reihe, aber auch für den Mini und – als einer von 400 Lieferanten weltweit – für die Luxus-Marke Rolls-Royce.

Für die Herstellung eines Rolls-Royce werden inklusive der Edelstahl-Motorhaube etwa 360 Stunden benötigt. Das Ergebnis ist dann nicht irgendein Auto, sondern ein persönliches Fahrzeug, mit höchster Qualität und Zuverlässigkeit. Oder – wie es Lawrence von Arabien in seinem Buch „Die sieben Säulen der Weisheit“ formulierte: „Ein Rolls-Royce in der Wüste ist mehr wert als Rubine.“

Annedore Munde | MM MaschinenMarkt
Weitere Informationen:
http://www.maschinenmarkt.vogel.de/index.cfm?pid=1489&pk=120863

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