Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wundermittel Nanotechnologie?

19.08.2011
Kommunikationswissenschaftler untersuchten die Darstellung neuer Technologien / Berichterstattung überwiegend positiv trotz vorhandener Risiken

Fachleute, so die Bundesregierung, schätzen den weltweiten Umsatz mit Produkten der Nanotechnologie im Jahr 2015 auf über eine Billion Euro. Dabei kann über die Hälfte der Deutschen laut einer Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) nichts mit den Begriffen Nanotechnologie und Nanomaterialien. Die Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Marcinkowski von der Universität Münster und sein Mannheimer Kollege Prof. Dr. Matthias Kohring haben nun als erste systematisch die deutsche Berichterstattung darüber untersucht. Ergebnis: Überwiegend wird sehr positiv über Nanotechnologie berichtet und stark auf den medizinischen und ökonomischen Nutzen abgestellt. Eine kritische Alternative zu dieser einseitigen Fortschrittsperspektive findet sich nur vereinzelt.

Das BfR hat die ebenfalls die kommunikationswissenschaftliche Langzeitanalyse in Auftrag gegeben. "Das Thema eignet sich besonders dafür, weil es erstens neu ist und sich zweitens der unmittelbaren Anschauung und direkten Wahrnehmung der Menschen entzieht. Deshalb sind sie darauf angewiesen, was in den Medien berichtet wird", erklärt Matthias Kohring. Insgesamt wurden 1807 Artikel aus neun deutschen "Qualitätszeitungen" im Zeitraum zwischen Januar 2000 bis Dezember 2008 untersucht.

Frank Marcinkowski und Matthias Kohring nutzten zur Auswertung sogenannte Medienframes, wobei Frames als bestimmte, unverwechselbare Muster eines Textes zu verstehen sind, die sich aus mehreren Elementen zusammen setzen. Dazu gehören die Problemdefinition, die Zuschreibung von Verantwortung, moralische Bewertung von Akteuren und Handlungsanweisungen oder Lösungsvorschläge. Vorteil dieser Methode: Es werden nicht nur einzelne inhaltsanalytische Elemente, sondern Deutungsmuster und Orientierungsrahmen identifiziert.

Vier Muster bestimmen die mediale Auseinandersetzung mit der Nanotechnologie und drei davon sind überaus positiv konnotiert. Der "Wissenschaftliche Fortschritt" gilt als Selbstzweck und eigentlicher Nutzen der Nanoforschung. Insgesamt stellt fast die Hälfte der untersuchten Texte ausschließlich den Fortschrittscharakter der Forschung heraus. Der "Wirtschaftliche Nutzen" wird vor allem in neuen Arbeitsplätzen oder Umsatzpotenzialen gesehen. Auch hier gibt es so gut wie keine Risikonennungen oder Forderungen. Beim "Medizinischen Nutzen" fallen die Zukunftsprognosen allesamt positiv aus. Einzig im Frame "Ambivalenz" werden Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen und ethische Aspekte angesprochen. Artikel aus dieser Gruppe machten noch nicht einmal 15 Prozent der Gesamtheit aus.

Augenfällig sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Zeitungen: Über die Hälfte aller Artikel sind in der "FAZ", der "Welt" und der "Financial Times Deutschland" erschienen. Kritischere Stellungnahmen finden sich nur in der "taz" und in der "Zeit", die sich aber vergleichsweise selten zu Wort melden. "Die Berichte erzählen von der Beherrschbarkeit der materiellen Welt durch den Menschen, der in der Lage ist, auf der Ebene einzelner Atome zu operieren, und dadurch medizinischen Fortschritt und ökonomischen Nutzen schafft", sagt Frank Marcinkowski. "Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter erstaunlich, dass es auf Seiten der Bevölkerung bisher wenig kritische Reaktionen auf die Nanotechnologie oder gar Protest dagegen gibt."

Und das, obwohl die Technologien nicht unumstritten sind. Die größten Risiken sehen Wissenschaftler im Einatmen von Nanopartikeln, heißt es seitens der Bundesregierung. Bestimmte nanoskalige Teilchen wurden in Tierversuchen in Leber, Herz und Gehirn von Ratten entdeckt. Auch wenn es im Detail häufig noch unklar ist, wie die Kleinstteilchen im Körper transportiert werden und so in die Organe gelangen: Unbestritten ist, dass bestimmte Nanopartikel Einfluss auf die Gesundheit haben können. Aufgrund ihrer geringen Größe und höheren Reaktivität können Nanopartikel auch giftig sein.

In den USA beginnen die Medien, sich langsam stärker den Risiken zu zuwenden. Um zu erkennen, ob und wann dieser Trend auch in der deutschen Berichterstattung eintritt, stehen die münsterschen Forscher in Kontakt mit Kollegen am wichtigsten amerikanischen Zentrum für Life Science Communication an der University of Wisconsin. Im Auftrag der nationalen Einrichtungen für Technikfolgenabschätzung in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sie darüber hinaus ihre Medienanalyse auf den gesamten deutschen Sprachraum ausgedehnt und in das Jahr 2009 verlängert. "Was die Medien im Moment mit der Nanotechnologie betreiben, ist nicht nur Popularisierung, sondern geradezu Promotion. Uns erinnert das stark an vergleichbare Entwicklungen in der Sportpublizistik, wo die Journalisten längst von kritischen Beobachtern zum Teil der Werbemaschinerie geworden sind", resümiert Frank Marcinkowski.

Brigitte Nussbaum | Uni Münster
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de
http://egora.uni-muenster.de/ifk/personen/frankmarcinkowski.shtml

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Warum wechseln Menschen ihre Sprache?
14.03.2017 | Universität Wien

nachricht Auf Videokacheln basierendes DASH Streaming für Virtuelle Realität mit HEVC vom Fraunhofer HHI
03.01.2017 | Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise