Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

RUB-Forscher zum Prozess der Medialisierung: Die Medienabhängigkeit nimmt zu

15.11.2012
Bert te Wildt analysiert die Auswirkungen der digitalen Revolution

Das Internet und die digitalen Medien stehen im Mittelpunkt des Buches „Medialisation - Von der Medienabhängigkeit des Menschen“, das PD Dr. Bert te Wildt, Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums Bochum, jüngst veröffentlicht hat.

Im Buch will er die Frage beantworten, „warum sich der Mensch im Zuge der digitalen Revolution mehr denn je von Medien abhängig macht und wie dies auf sein Leben zurückwirkt.“ Zentrale Aussage ist die Beobachtung, „dass der Mensch dadurch seine Existenz weitestgehend auf eine virtuelle Ebene verlagert“, erklärt der Autor: „Es gibt in Deutschland bereits mehr als eine halbe Millionen Medienabhängige im pathologischen Sinne, deren exzessive Nutzung von Internet und Computerspielen das Leben in der konkret-realen Welt weitgehend verdrängt hat.“

Kritische Dimensionen der Abhängigkeit

Medienabhängige im klinischen Ausmaß sind vor allem junge Leute, die ihr konkret-reales Leben vernachlässigen. „Sie pflegen immer weniger ihre direkten Sozialkontakte, kümmern sich nicht mehr richtig um ihr materielles Auskommen und die Bedürfnisse ihres Körpers“, erklärt der Autor: „Sie haben die Zivilisation gegen die Medialisation eingetauscht. Ich war selbst überrascht, wie viele Betroffene, die sich in der Spezialambulanz für Internet- und Computerspielabhängige vorstellen, lieber in einer Matrix leben wollen.“

Im Gegenteil zu anderen Büchern ist die Betrachtung im Buch sowohl mit der individuellen Abhängigkeit aus der Perspektive von Medienpsychologie und -pädagogik verknüpft, als auch mit den „kollektiven Dimensionen der Medienabhängigkeit, dies vor allem medienhistorisch und -anthropologisch“, sagt te Wildt. Es gehört zum Wesen einer revolutionären Entwicklung, dass sie nicht nur Euphorie hervorruft sondern auch Angst macht.

In diesem Fall springen die einen kritiklos auf jeden digitalen Zug auf, aus Angst irgendetwas zu verpassen und den Anschluss zu verlieren, die anderen verurteilen aus Angst vor einer ungewissen Zukunft die digitalen Medien gleich in Gänze. Dies erklärt, warum die Diskussionen um das Internet so polarisiert geführt werden: „Medialisation“ versucht hier einen im umfassenden Sinne kritischen Ansatz.

Digitale Avantgarde und konservative Skeptiker

Abschließende Urteile über die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Medien sind heikel: Sowohl die digitale Avantgarde als auch die konservativen Skeptiker teilen aber vermutlich die Meinung, „dass Medien auch in der digitalen Zukunft dem Menschen dienen sollten und nicht umgekehrt.“ „Die künstliche Intelligenz“, kommentiert der Autor, „hat mittlerweile ein Niveau erreicht, dass sie uns Menschen in vielem überlegen und zu ersetzen in der Lage ist.“ Da intelligente Software und Apps scheinbar perfekt die Bedürfnisse ihrer Benutzer erfüllen, so te Wildt, ist ihnen nicht mehr bewusst, wie tiefgreifend sie von den Medien abhängig sind. Aber, so fragt sich, sind wir für einander überhaupt noch existent, spüren wir uns überhaupt noch, wenn unmittelbare Kontakte immer seltener werden und wenn sich zwischen quasi jede Begegnung zwischen mir und dem Anderen in der Welt ständig Bildschirme und Kameras schieben. Viele Menschen empfinden das schon heute als störend und entfremdend.“ In letzter Konsequenz wirft te Wildt die Frage auf, wie weit wir uns im Spagat zwischen digitalen und analogen Formen des Menschseins von den leiblichen Bedingungen der Existenz entfernen können, ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren. „Und die digitale Revolution hat gerade erst begonnen...“

Titelaufnahme

Bert te Wildt: Medialisation - Von der Medienabhängigkeit des Menschen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-525-40460-7

Weitere Informationen

PD Dr. med. Bert Theodor te Wildt, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotheratie, LWL-Universitätsklinikum Bochum der Ruhr-Universität Bochum, Tel. 0234/5077-3176/3333, bert.tewildt@wkp-lwl.org

Redaktion: Stefania Parnici

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Wann Schweigen Gold ist und wann nicht – Forscher klären, was mit Erinnerungen im Gespräch passiert
13.07.2015 | Universität Regensburg

nachricht Neue Rechercheplattform unterstützt Journalisten
01.07.2015 | Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gefangen in Ruhelosigkeit

Mit ultrakalten Atomen lässt sich ein neuer Materiezustand beobachten, in dem das System nicht ins thermische Gleichgewicht kommt.

Was passiert, wenn man kaltes und heißes Wasser mischt? Nach einer Weile ist das Wasser lauwarm – das System hat ein neues thermisches Gleichgewicht erreicht....

Im Focus: Quantum Matter Stuck in Unrest

Using ultracold atoms trapped in light crystals, scientists from the MPQ, LMU, and the Weizmann Institute observe a novel state of matter that never thermalizes.

What happens if one mixes cold and hot water? After some initial dynamics, one is left with lukewarm water—the system has thermalized to a new thermal...

Im Focus: Superschneller Wellenritt im Kristall: Elektronik auf Zeitskala einzelner Lichtschwingungen möglich

Physikern der Universitäten Regensburg und Marburg ist es gelungen, die von einem starken Lichtfeld getriebene Bewegung von Elektronen in einem Halbleiter in extremer Zeitlupe zu beobachten. Dabei konnten sie ein grundlegend neues Quantenphänomen entschlüsseln. Die Ergebnisse der Wissenschaftler sind jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht worden (DOI: 10.1038/nature14652).

Die rasante Entwicklung in der Elektronik mit Taktraten bis in den Gigahertz-Bereich hat unser Alltagsleben revolutioniert. Sie stellt jedoch auch Forscher...

Im Focus: On the crest of the wave: Electronics on a time scale shorter than a cycle of light

Physicists from Regensburg and Marburg, Germany have succeeded in taking a slow-motion movie of speeding electrons in a solid driven by a strong light wave. In the process, they have unraveled a novel quantum phenomenon, which will be reported in the forthcoming edition of Nature.

The advent of ever faster electronics featuring clock rates up to the multiple-gigahertz range has revolutionized our day-to-day life. Researchers and...

Im Focus: Erster Nachweis von Lithium in einem explodierenden Stern

Erstmals konnte das chemische Element Lithium in der ausgestoßenen Materie einer Nova nachgewiesen werden. Beobachtungen von Nova Centauri 2013 mit Teleskopen des La Silla-Observatoriums der ESO und in der Nähe von Santiago de Chile helfen bei der Aufklärung des Rätsels, warum so viele junge Sterne mehr von diesem Element enthalten als erwartet. Diese Entdeckung liefert ein seit langem fehlendes Teil im Puzzle der chemischen Entwicklungsgeschichte unserer Galaxie und ist ein großer Fortschritt für das Verständnis des Mischungsverhältnisses der chemischen Elemente in den Sternen unserer Milchstraße.

Das leichte chemische Element Lithium ist eines der wenigen Elemente, das nach unserer Modellvorstellung auch beim Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Türme und Maste aus Stahl – Neues aus Forschung und Anwendung

31.07.2015 | Veranstaltungen

Tagung „Brandschutz im Tank- und Gefahrgutlager“ am 16. November 2015 im Essener Haus der Technik stellt praktische Lösungen vor

30.07.2015 | Veranstaltungen

12. BMBF-Forum für Nachhaltigkeit: Green Economy, Energiewende und die Zukunft der Städte

30.07.2015 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wiederaufladbare Batterien machen sich breit

31.07.2015 | Seminare Workshops

Alles zur Kryotechnik: HDT bietet Seminar zum „Kryostatbau“ an

31.07.2015 | Seminare Workshops

Erster Zug von Siemens für Thameslink‑Strecke in UK angekommen

31.07.2015 | Verkehr Logistik