Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Medienlabor der Superlative

23.07.2012
Ein Flur voller Labore entsteht momentan im Zentrum für Mediendidaktik der Universität Würzburg. Ausgestattet mit modernster Technik bieten die Räume den Wissenschaftlern vom Institut für Mensch-Computer-Medien beste Arbeitsbedingungen. Kino-Fans werden dort vor Neid erblassen.

Besser ist privates Kino derzeit wohl kaum zu kriegen: Ein Beamer mit vierfacher HD-Qualität (und zum Preis eines Mittelklassewagens), selbstverständlich 3D-fähig, eine Dolby-7.1-Surround-Anlage mit ordentlich Kraft dahinter und eine etwa drei Meter breite Leinwand.


Professor Frank Schwab (r.) und sein Mitarbeiter Michael Brill in der GameBox - einem Labor, in dem sie zum Beispiel die Wirkung von PC-Spielen und Filmen auf Menschen erforschen können. Über die Monitore überwachen sie die Versuchsteilnehmer im eigentlichen Labor.
Foto: Gunnar Bartsch

Nein: Die CineBox im Zentrum für Mediendidaktik der Universität Würzburg ist nicht dafür gedacht, dass hier Studierende und Dozenten die neuesten Hollywood-Blockbuster im privaten Rahmen genießen – auch wenn sie dafür hervorragend geeignet ist. Hier gilt’s der Wissenschaft. „Wir können hier Forschung auf einem technischen Niveau betreiben, das in Deutschland an vermutlich keiner anderen Universität zu finden ist“, sagt Professor Frank Schwab, Inhaber des Lehrstuhls für Medienpsychologie an der Uni Würzburg.

Forschung im Kinosaal – worum geht es denn dabei? „Wir wollen in unserem aktuellen Projekt die Wirkung klassischer zweidimensionaler Filme mit der von 3D-Filmen vergleichen“, sagt Schwab. Allerdings untersuchen die Wissenschaftler in diesem Fall nicht, ob Avatar-2D mehr zu Herzen geht als die dreidimensionale Variante. Sie interessiert, ob beispielsweise ein Spendenaufruf zur Rettung einer bedrohten Tierart die Spendenbereitschaft der Betrachter steigert, wenn sie das Schicksal dieser Tiere plastisch und greifbar nah vor Augen geführt bekommen.

Die Wirkung von Computerspielen erforschen

Die CineBox ist übrigens nur eines von mehreren Laboren, die Frank Schwab und sein Kollege vom Institut für Mensch-Computer-Medien, der Professor für Medien- und Wirtschaftskommunikation Holger Schramm, zur Zeit in den Räumen des Zentrums für Mediendidaktik einrichten lassen. Die GameBox ist ein weiteres. Das Labor sieht ein wenig so aus, als habe man eine Gartenlaube in einem Büro aufgebaut. Tatsächlich verbirgt sich hinter den Holzwänden ein schalldichter Raum, ausgestattet mit jeder Menge Technik: Computer samt großem Bildschirm und ebenfalls Surround-Sound, eine Kamera, die den Mensch vor dem Bildschirm beobachtet und diverse andere Geräte. Außerhalb der Box befindet sich ein Schreibtisch, auf dem sich vier große Monitore stapeln. Von dort aus steuern und überwachen die Wissenschaftler das Geschehen im Labor.

„In der GameBox können wir beispielsweise erforschen, wie stark Computerspiele die Spieler in Bann ziehen“, sagt Frank Schwab. Ein Maß dafür ist die Frequenz, mit der die Versuchsteilnehmer blinzeln. „Es gibt die Theorie, dass Menschen dann seltener blinzeln, wenn sie gerade viele Informationen verarbeiten müssen“, erklärt der Psychologe. Auf ein Autorennspiel à la Need for Speed bezogen würde das bedeuten: Geht es gerade durch eine kurvige Passage, blinzeln die Spieler selten. Auf der Geraden zucken ihre Lider dafür umso häufiger. Blinzeln, Mimik, die Körperbewegung, Schwitzen: Solche Parameter ziehen die Wissenschaftler heran, wenn sie wissen wollen, wie sehr bestimmte Situationen die Versuchspersonen gefangen nehmen. Einfach fragen geht ja nicht: „Dann sind die Leute aus der Situation draußen.“

Was Männer und Frauen attraktiv macht

Finden Menschen das andere Geschlecht attraktiver, wenn es ein geschlechtstypisches Verhalten an den Tag legt? Oder darf Mann beziehungsweise Frau sich auch untypisch verhalten, ohne an Attraktivität zu verlieren? Diese Frage haben Schwab und seine Mitarbeiter ebenfalls in der Gamebox untersucht. Sie haben dafür Pärchen, die sich zuvor nicht kannten, gebeten, sich gemeinsam einen Horrorfilm anzusehen. Was die eine Hälfte des Duos nicht wusste: Sein jeweiliger Partner war vorab instruiert worden, sich entweder rollenkonform zu verhalten oder davon abweichend. Mal musste er oder sie selbst beim größten Gemetzel auf dem Bildschirm ganz cool bleiben, ein andermal hingegen deutlich Angst zeigen. Anschließend sollten die ahnungslosen Partner die Attraktivität ihrer Begleiter bewerten. Das Ergebnis: Frauen geben den „coolen Typen“ bessere Noten; Männer finden ängstliche Frauen anziehender. „Es hat sich ganz deutlich gezeigt, dass geschlechtstypisches Verhalten beim Gegenüber besser ankommt“, sagt Schwab.

Weitere „Boxen“ bieten den Wissenschaftlern vom Institut für Mensch-Computer-Medien die Möglichkeit, andere Situationen zu erforschen. In der BlackBox sieht es aus wie in einem Call Center: viele Arbeitsplätze auf engstem Raum, nur durch dünne Trennwände voneinander abgegrenzt. Die OfficeBox besitzt einen einzigen Arbeitsplatz. Die LoungeBox steht für Experimente aller Art offen. Die ToolBox ist der Ort, an dem Studierende und Mitarbeiter ihr Material erstellen und ihre Untersuchungen auswerten.

Akustische Probleme im Seminarraum

Und damit die Studierenden an den Forschungsergebnissen teilhaben und davon profitieren können, gibt es in dem Gebäude selbstverständlich auch einen Seminarraum. Natürlich keinen gewöhnlichen mit Tischen, Stühlen und einer Tafel. Nein, auch hier kommt modernste Technik zum Einsatz. Medienkommunikation ohne Beamer, Whiteboard und Surround-Sound? Das wäre vermutlich so, wie Physik ohne Strom oder Biologie ohne Mikroskop.

Das größte Problem beim Einrichten des Seminarraums war allerdings erstaunlich „analog“: die Akustik. In dem glatten, harten Zimmer hatte selbst ein harmloses Klatschen einen sekundenlangen Hall. Und wenn am Ende einer Vorlesung 60 Studierende ihre Taschen packten, Stühle rückten und Smartphones checkten, standen alle Anwesenden „kurz vor einem Hörsturz“ – so Frank Schwab. Unter solchen Bedingungen Surround-Effekte wahrzunehmen, war schier unmöglich.

Doch mit Hilfe der geballten Expertise der Mitarbeiter des Zentrums für Mediendidaktik (die unter anderem ein professionelles Tonstudio betreiben) gelang es, auch dieses Problem zu lösen. Jetzt stehen etwa einen Meter hohe und 40 Zentimeter breite Röhren in zwei Zimmerecken und „verschlucken“ dröhnende Bässe. Bodenfliesengroße Paneele aus Schaumstoff und Filz hängen an ausgewählten Stellen an den Wänden und absorbieren mittlere und hohe Töne. Dank ihrer Oberflächenstruktur, die zerknittertem Papier gleicht, wirken sie wie Kunstwerke, die den Raum verschönern, nicht seine Akustik verbessern sollen. Der Effekt? Frank Schwab klatscht in die Hände. Ein kurzer, trockener Schlag. Keine Spitzen, kein Nachhall. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Kontakt

Prof. Dr. Frank Schwab, T: (0931) 31-82395,
E-Mail: frank.schwab@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Auf Videokacheln basierendes DASH Streaming für Virtuelle Realität mit HEVC vom Fraunhofer HHI
03.01.2017 | Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut

nachricht Virtuell und 360°: die Zukunft bewegter Bilder
04.10.2016 | Fachhochschule St. Pölten

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie