Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Journalismus zwischen kritischer Distanz und Parteilichkeit

11.12.2009
Unparteilich, objektiv und kritisch gegenüber politischen und wirtschaftlichen Eliten - so sehen sich Journalistinnen und Journalisten weltweit.

Grosse Unterschiede zwischen den Journalismuskulturen bestehen hingegen in der Frage, ob eigene Bewertungen und Deutungen in die Berichterstattung einfliessen dürfen. Dies zeigt eine weltweit einzigartige Studie zum Journalismus in 18 Ländern, die unter Leitung der Universität Zürich durchgeführt wurde.

Weltweit ist den befragten Journalistinnen und Journalisten die Verlässlichkeit und Faktizität von Informationen als journalistische Standards sehr wichtig. Bei diesen Prinzipien handelt es sich gewissermassen um den "Zement", der Journalisten über verschiedene redaktionelle und kulturelle Kontexte hinweg verbindet und der ihnen eine professionelle Identität verleiht.

"Zwar gelten Unparteilichkeit, Objektivität und kritische Kontrolle allgemein als universelle Standards eines guten Journalismus. Dennoch werden diese Werte nicht in allen Ländern in gleichem Umfang gelebt", sagt Thomas Hanitzsch, der die Studie im Jahr 2006 ins Leben gerufen hat. Journalisten, die in einem politisch repressiven Umfeld arbeiten müssen, tendieren zu einer weniger kritischen Haltung. Dort, wo medienrechtliche Unsicherheit herrscht, sind Journalisten stärker darauf angewiesen, in ethischen Problemsituationen flexibel zu reagieren und sich an den möglichen Konsequenzen ihres Handelns zu orientieren.

Darüber hinaus zeichnen sich auch kulturübergreifende Veränderungsprozesse ab. In osteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien vollzieht sich offenbar eine Anpassung an westliche Journalismus-Standards. Der Journalismus in der Türkei befindet sich quasi auf halber Strecke zwischen demjenigen Ägyptens und der Gruppe der westlichen Länder, was die Zwischenstellung des Landes zwischen Orient und Okzident unterstreicht. Und selbst Chinas Journalisten bewegen sich bei einigen der untersuchten Merkmale tendenziell, wenngleich mitunter nur schwach in Richtung westlicher Standards.

Umstritten sind Aspekte der Berufsausübung, die mit einem aktiven Eintreten für bestimmte Positionen, Gruppen oder soziale Veränderungen und mit prononcierter Subjektivität in der journalistischen Berichterstattung einhergehen. Hier zeigen sich die deutlichsten Unterschiede zwischen den Journalismuskulturen in den entwickelten Staaten des Westens auf der einen sowie Entwicklungsländern und Transformationsgesellschaften auf der anderen Seite: Für sozialen Wandel einzutreten bereit sind Journalisten insbesondere dort, wo er sich rapide vollzieht bzw. wo er am dringendsten benötigt wird. Journalismus reagiert also auf die in einer Gesellschaft vorherrschenden Bedürfnisse.

Doch wie so oft ist ein Blick in die Detailergebnisse höchst aufschlussreich: Im "westlichen" Journalismusverständnis besteht zwar das Primat der politischen Information, sie muss aber gleichzeitig interessant und verkaufbar sein. Objektivität und Unvoreingenommenheit stehen nicht unbedingt im Widerspruch zu einer Orientierungsfunktion des Journalismus. Und selbst in den USA als der Heimat eines faktenzentrierten Journalismus schliesst das Bekenntnis zur Faktentreue eine stärker interpretative Herangehensweise nicht aus.

"Studie Worlds of Journalisms"
Unter der Leitung von Thomas Hanitzsch, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Zürich, haben sich Forscher aus 18 Ländern an der Studie "Worlds of Journalisms" beteiligt. Hauptziel des weltweit einzigartigen Projekts ist es, die globale Vielfalt von Journalismuskulturen über die Grenzen von Nationen, Redaktionen und professionellen Milieus mit einem einheitlichen Instrumentarium zu vergleichen. Finanziert wurde das Projekt u.a. vom Schweizerischen Nationalfonds und der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

An der Studie beteiligt sind neben der Schweiz Forscherteams in Ägypten, Australien, Brasilien, Bulgarien, Chile, China, Deutschland, Indonesien, Israel, Mexiko, Österreich, Rumänien, Russland, Spanien, Uganda sowie der Türkei und den USA. In jedem Land wurden dabei insgesamt 100 Journalisten zu ihrer professionellen Selbstwahrnehmung befragt.

Kontakt:
Dr. Thomas Hanitzsch, IPMZ Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung, Universität Zürich
Tel. +41 (0)44 635 20 41
E-Mail: th.hanitzsch@ipmz.uzh.ch

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.worldsofjournalisms.org
http://www.uzh.ch

Weitere Berichte zu: Berichterstattung Journalismus Objektivität

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Wenn die Bilder lügen - KI-System entlarvt Fake News im Internet
20.04.2017 | Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI

nachricht Warum wechseln Menschen ihre Sprache?
14.03.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie