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Fremdwahrnehmung durch das Fernsehen: TV-Nachrichten im internationalen Vergleich

27.08.2009
Sehen US-Amerikaner die Deutschen wirklich nur als Lederhosenträger? Und essen alle Amerikaner Hamburger?

Was Menschen von anderen Ländern denken, wird maßgeblich von den Auslandsnachrichten im Fernsehen bestimmt. Was Journalisten in verschiedenen Ländern für berichtenswert halten und wie die Bevölkerung das konstruierte Bild verinnerlichen, das ist Schwerpunkt eines Forschungsprojektes, das Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim zusammen mit Partnern aus 18 Ländern bearbeiten. In Deutschland teilen sich die Universität Mainz und die Universität Hohenheim die Fördersumme von rund 220.000 Euro der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

In ihren Archiven liegen 800 Nachrichtensendungen auf 36 Kanälen, 1500 Beiträge und viele tausend Minuten Sendematerial auf Band oder Festplatte. Ausgewertet werden sie von Wissenschaftlern auf allen Kontinenten: von Brasilien und Chile über die USA und Kanada; von Taiwan über China und Singapur; von Südafrika bis Ägypten, Israel und der Türkei; bis hin zu Finnland, Belgien, Bulgarien, Polen und Italien.

"Auslandsnachrichten im Fernsehen: Inhalte, Produktion, Rezeption im internationalen Vergleich", so lautet der deutsche Titel des Mammut-Projektes. "Im Detail wollen wir wissen, wie sich Nachrichtensendungen von Land zu Land unterscheiden, welche Bilder von anderen Ländern sie in der Bevölkerung erzeugen und wie die Journalisten ihre Nachrichten auswählen", erklärt Prof. Dr. Thorsten Quandt den Ansatz.

Finanziert wird das Projekt von verschiedenen Geldgebern im jeweiligen Partnerland. In Deutschland arbeitet Prof. Dr. Quandt dazu mit seinem Kollegen Prof. Dr. Jürgen Wilke von der Universität Mainz zusammen. Die Laufzeit des Projekts beträgt zwei Jahre. Die internationale Gesamtkoordination liegt bei Professor Akiba Cohen von der Universität Tel Aviv, der bereits 2007 auf Prof. Dr. Quandt mit der Idee zukam.

Formale Gestaltung der Nachrichtensendungen - was sehe ich auf dem Bildschirm?

Erste Unterschiede haben die Forscher bereits bei der formalen Gestaltung der Sendungen gesehen. Während die Tagesschau zum Beispiel genau 15 Minuten dauert, können die Nachrichten in Bulgarien schon mal eine Stunde gehen.

"Dass ein einziger Sprecher von Blättern abliest, wie es in der Tagesschau üblich ist, ist für fremde Betrachter höchst überraschend". Mancherorts gleichen Nachrichten einer Diskussionssendung mit mehreren Teilnehmern, andernorts wird stets vom Teleprompter abgelesen.

Qualitative Inhaltsanalyse - über welche Themen wird berichtet?

Auch beim Inhaltsvergleich zeichnen sich erste Ergebnisse ab: "Die weltpolitische Struktur bildet sich in den Auslandsnachrichten ab. Über die Supermacht USA wird weltweit am häufigsten berichtet, doch auch Deutschland kommt aufgrund seiner Wirtschaftskraft - aber auch seiner Geschichte - in die Top-Ten", so der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Quandt. China sei aufgrund seiner zunehmenden ökonomischen Bedeutung der Nachrichten-Aufsteiger; Afrika - ausgenommen der Nahe Osten - sei dagegen ein weitgehend unsichtbarer Kontinent, was die Auslandsberichterstattung betrifft.

Weltweit vergleichbar sind die Unterschiede zwischen Nachrichten der Privatsender und der öffentlich-rechtlicher Sender: Nachrichten im Privatfernsehen haschen häufiger nach Sensationen. An der spezifischen Einzelauswertung arbeiten jetzt die Wissenschaftler an den Universitäten der 18 teilnehmenden Länder.

Rezeptionsstudie - was halten die Leute von den Nachrichten?

Was von den Inhalten bei den Zuschauern wirklich ankommt und wie sie die Nachrichten bewerten, wollen Prof. Dr. Quandt und Mitarbeiter jetzt in repräsentativen Bevölkerungsumfragen untersuchen. "Unser Ziel ist es, herauszufinden wie sich die tatsächliche Auslandsberichterstattung in der Bevölkerung auf die Wahrnehmung der fremden Länder auswirkt."

Die Forscher legen ihr besonderes Augenmerk auf die Unterschiede verschiedener Gruppen innerhalb der Bevölkerung. "Es ist möglich, dass Menschen mit verschiedenen Schulabschlüssen ganz andere Schlüsse aus den Sendungen ziehen, oder Frauen die Nachrichten anders wahrnehmen als Männer", begründet Prof. Dr. Quandt.

Produktion der Nachrichten - was denken die Nachrichtenmacher?

Gemeinsam mit der Universität Mainz wollen die Hohenheimer schließlich erforschen, wie weit sich das Bild in der Bevölkerung mit den Intentionen der Nachrichtenmacher deckt. "Im dritten Teil interessiert uns die Sichtweise der Journalisten auf das Problem. Nach welchen Kriterien wählen sie die Nachrichten aus? Welche Vorstellung haben sie von den Rezipienten ihrer Nachrichtensendung?"

Bislang wurden Fragen wie diese nur im nationalen Raum bearbeitet. "Mit dem internationalen Großprojekt suchen wir jetzt erstmals nach generellen und länderspezifischen Mustern der Auslandsberichterstattung und ihrer Wirkung", meint Prof. Dr. Quandt. Erstmals würde damit der direkte Vergleich möglich. Nicht auszuschließen, dass sich die Auslandsberichterstattung in einigen Ländern danach ändern könnte.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

Rund 26 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Forscher der Universität Hohenheim allein im vergangenen Jahr - gut 20 % mehr als im Vorjahr. In loser Folge präsentiert Ihnen die Reihe "Schwergewichte der Forschung" herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer Viertelmillion Euro, bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Geisteswissenschaften.

Ansprechperson:
Prof. Dr. Thorsten Quandt, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft, insb. interaktive Medien- und Onlinekommunikation, Wollgrasweg 23, 70599 Stuttgart,

Tel.: 0711 459-24471, E-Mail: thorsten.quandt@uni-hohenheim.de

Text: Konstantinidis / Klebs

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

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