Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Ende der Printmedien?

30.07.2013
Die Axel Springer AG hat bekannt gegeben, dass sie die Regionalzeitungen Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost sowie einige Programm- und Frauenzeitschriften verkaufen will.

Der Konzern will sich mehr auf digitale Medien konzentrieren. Was die aktuelle Entwicklung für den deutschen Pressemarkt bedeutet, erklärt Kommunikationswissenschaftler Dr. Reimar Zeh von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).

Die Entscheidung der Axel Springer AG, traditionsreiche Titel aus dem Printangebot an einen Konkurrenten zu verkaufen, hat unabhängig von der noch ausstehenden Genehmigung durch das Kartellamt eine enorme Signalwirkung. Der Konzern macht deutlich, dass er nicht an die Zukunft der Printmedien glaubt: Mittel bis langfristig scheint sich zumindest mit diesen Titeln kein Geld mehr verdienen zu lassen, obgleich sie wohl derzeit noch zum Unternehmensgewinn beitragen.

Eigentlich ist dieser Vorgang aus der wirtschaftlichen Perspektive heraus betrachtet völlig normal: Ein Unternehmen trennt sich von Teilen, die nicht mehr profitabel oder nicht mehr profitabel genug sind. Die Tatsache, dass sich für das Paket ein Käufer finden ließ, mag zwar darauf hindeuten, dass die pessimistische Sicht auf die Zukunft der Printmedien nicht überall vorherrscht.

Jedoch war der Käufer, die Funke Mediengruppe, nicht in der Lage, den Kaufpreis über den Kapitalmarkt zu finanzieren. Die Axel Springer AG gewährt dem Käufer einen Kredit und verdient so über dessen Verzinsung nochmals mit. Der Kurssprung der Springer-Aktie um mehr als zwölf Prozent nach oben ist ein weiteres, deutliches Signal.

Was ist nun besonders an diesem Vorgang? Trennt sich Siemens von einer Unternehmenssparte, scheint dies weitaus weniger Staub aufzuwirbeln. Der Unterschied liegt in dem Produkt, das hier gehandelt wird: Zeitungen und Zeitschriften sowie Medien allgemein erfüllen eine öffentliche Aufgabe. Mit ihren publizistischen Inhalten vertreten sie die Interessen der Allgemeinheit und nicht, wie die Hersteller von Maschinenteilen oder Computern, partikulare Interessen. Anders als die Tätigkeit eines Industriekonzerns genießen Medienprodukte einen weitreichenden Schutz durch das Grundgesetz. Sie sind häufig unsere einzige Informationsquelle und zentral am demokratischen Meinungsbildungsprozess beteiligt.

Nach wie vor haben die Printmedien in unserer Gesellschaft eine herausragende Stellung, und zwar nicht nur auf nationaler Ebene, sondern gerade auf lokaler und regionaler Ebene. Obwohl uns Fernsehen und vor allem das Internet wesentlich aktueller vorkommen mögen, sind es nach wie vor Zeitungen und Zeitschriften, die zentrale gesellschaftliche Themen nachhaltig und mit einer gewissen Ausführlichkeit in die öffentliche Diskussion einbringen. Das Fernsehen ist weder auf nationaler und noch viel weniger auf lokaler Ebene in der Lage, Probleme und Vorgänge, die die Gesellschaft betreffen, in angemessener Tiefe darzustellen. Gerade im lokalen Bereich – und um den geht es ja bei dem Verkauf des Hamburger Abendblatts und der Berliner Morgenpost im Besonderen – ist die Informationsversorgung schon seit Langem prekär. In vielen Regionen Deutschlands stehen den Bürgern keine alternativen Informationsangebote zur Verfügung. Der Markt für lokale Informationen wird häufig von Zeitungsmonopolen beherrscht. Da die Presse an Auflage einbüßt, wird diese Entwicklung weitergehen.

Die eigentliche Stärke der Printmedien – die Mischfinanzierung aus Verkaufserlös und Anzeigengeschäft – verwandelt sich angesichts rückläufiger Leserzahlen zu einem großen Problem. Die Einbußen im Verkauf können nicht ohne weiteres durch Preiserhöhungen aufgefangen werden und sind gleichzeitig mit Verlusten im Anzeigengeschäft verbunden, da sich die Anzeigenpreise an der Verbreitung orientieren. Rationalisierungsmaßnahmen – das heißt meist Verkleinerung der Redaktionen und Kooperationen mit anderen Titeln – stellen hier zunächst einen wirtschaftlichen Ausweg dar, unter dem am Ende die publizistische Qualität und Vielfalt leidet. Hier spricht man von einer Anzeigen-Auflagen-Spirale, die in diesem Fall wie ein Teufelskreis wirkt: Denn die wegbrechenden Anzeigenerlöse können wiederum nur durch Rationalisierungsmaßnahmen aufgefangen werden.

Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und lassen sich nicht einzig auf das Internet zurückführen. Reichweitenverluste von Zeitungen und Zeitschriften begannen schon vor einer nennenswerten Verbreitung des Internets in Deutschland. Allerdings macht es das Internet nicht einfacher für die Verlage. Journalistische Angebote sind hier meist umsonst, können aber nur selten ausschließlich über Werbung kostendeckend angeboten werden. Ob es mittelfristig gelingt, journalistische Informationen werbefinanziert oder über Bezahl-Modelle im Internet zu etablieren, ist noch nicht absehbar. Das Nutzerverhalten aber auch das Verhalten der Werbeindustrie drängt zumindest in diese Richtung.

Durch den Verkauf des Hamburger Abendblattes, der Berliner Morgenpost, der Programmzeitschrift Hörzu und einigen Frauenzeitschriften vollzieht der Konzern letztlich, was bereits 2003 auf der Aktionärsversammlung beschlossen wurde: Der Axel-Springer-Verlag hat sich damals in Axel Springer AG umbenannt, der Konzern wandelt sich vom Verlag zum Medienunternehmen. Man kann davon ausgehen, dass der Verkaufserlös hauptsächlich in Internetangebote investiert werden wird, aber wohl nicht in journalistische Internetangebote.

Ansprechpartner für die Medien:
Dr. Reimar Zeh
Tel.: 0911/5302-618
reimar.zeh@fau.de

Blandina Mangelkramer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Wenn die Bilder lügen - KI-System entlarvt Fake News im Internet
20.04.2017 | Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI

nachricht Warum wechseln Menschen ihre Sprache?
14.03.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie