Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Dramaturgie der täglichen Informationsflut

07.07.2010
Warum WM-Tore eine Nation in Verzückung versetzen und wie Klaus Zumwinkel „Vom Heiligen zum Halunken“ wurde

Thomas Müller trifft zweimal, macht das 4:1 gegen England perfekt – zeitgleich versetzen seine Weltmeisterschafts-Tore zum Viertelfinale Fußball-Deutschland in einen Freudentaumel. „Das Ausflippen beim Tor ist ein schöner Beleg für eine Medienwirkung“, erläutert Prof. Lars Harden, Lehrender am Institut für Kommunikationsmanagement der Fachhochschule Osnabrück.

„Ich kann die Tore nur über Radio, Fernsehen oder Internet hören oder sehen. Das ist eine unmittelbare Medienwirkung – Jubeln, Hochspringen, weil Tor. Solche eindeutigen Zusammenhänge sind für die Wirkungsforschung eher die Ausnahme. Die Wirkung von Medien ist in aller Regel recht komplex.“ Selbst bei einer so starken Identifikation mit Mannschaft und Land wirkten noch eine ganze Reihe sozialer Faktoren, erläutert Harden: „Unter anderem wird das Grundbedürfnis nach Gruppenkohäsion, nach Zugehörigkeit befriedigt. Und sonst gibt es derzeit nicht so viel, worüber sich die Bürger freuen könnten: Wir haben eine verunsicherte politische Führung, eine anhaltende Wirtschaftskrise, eine Währungskrise, eine Finanzierungskrise, in Deutschland eine Bildungskrise.“ Da stürze sich die Gesellschaft auf etwas, „das große Freude macht, bei dem man abschalten kann von weniger erfreulicheren Themen auf der öffentlichen Agenda“.

Diese „öffentliche Agenda“ allerdings lasse sich durch eine erfolgreiche WM nicht ausblenden – so ist etwa die Kommunikation des Sparpakets der Bundesregierung aus Hardens Sicht schief gelaufen. Hinzu kommt für den Medienforscher und Unternehmensberater, dass Medien nicht objektiv berichten können. Sie tendieren demnach zum Erzählen von Geschichten. Sie berichten gerne und häufig in „dramatischen Narrationen“, Filmdrehbüchern oder Theaterdramen nicht unähnlich.

Idealtypisch zeigt er das gemeinsam mit Prof. Dr. Klaus Kocks, der ebenfalls am Institut lehrt, in der Lektüre „Vom Heiligen zum Halunken: Klaus Zumwinkel als Objekt der Empörungskommunikation“. Wie konnte medial aus einem gefeierten Post-Starmanager ein abgeschriebener Steuersünder werden? „Zumwinkel ist für diese Analyse geradezu ideal, weil alle typischen Elemente eines Dramas hier auftauchen“, sagt Harden: Exposition, Steigerung, Peripetie, Retardation, Katastrophe. Einen Einzelfall decke die Fallstudie vom November 2006 bis Mai 2009 nicht auf. „Denken Sie, was mit Margot Keßmann passiert ist, was möglicherweise mit dem einen oder anderen Bundesminister passieren wird.“ Je wertgeladener ein Thema und prominenter eine beteiligte Person, desto einfacher sei es, sich der traditionellen Erzählmuster zu bedienen – und genau diese würden mit Vorliebe gelesen, sagt Harden: „Ich glaube, dass diese Erzählmuster in uns etwas bedienen, das zutiefst menschlich ist und wahrscheinlich der Bauweise unseres Gehirns entspricht. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die nachweisen, dass wir unser Leben immer als Erzählung konstruieren.“ Das müsse gar nichts mit den Fakten zu tun haben, so der Medienforscher: „Aber unser Gedächtnis funktioniert offenbar besser, wenn es sich selbst und anderen Geschichten erzählt.“

Medien können ihm zufolge besonders dann Themen setzen, die auch im individuellen Leben der Mediennutzer eine Rolle spielen, „wenn Themen verhandelt werden, mit denen die Mediennutzer selbst relativ wenig Kontakt haben: Beispielsweise die Außenpolitik.“ Dass die Medien aber entscheidend negativ die Wahrnehmung der Lebenswelt beeinflussen, sei nicht nachgewiesen. So sei der Zusammenhang zwischen Gewaltdarstellung im Fernsehen und der Ängstlichkeit von „Vielsehern“ von George Gerbner in den 70er-Jahren „relativ gut widerlegt“, so Harden. „Andere Variablen wie Geschlecht, Alter, Bildung oder das Herkunftsmilieu haben einen viel größeren Einfluss als das Fernsehen.“ Mit dem Jubel nach den Müller-Toren verhält es sich aus Hardens Sicht schon deutlich einfacher: „Ganz selten lässt sich Medienwirkung so schlicht erklären.“

Informationen und Kontakt:
Frank Muscheid
Tel. 0591 800 98-405

Ralf Garten | idw
Weitere Informationen:
http://www.fh-osnabrueck.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Warum wechseln Menschen ihre Sprache?
14.03.2017 | Universität Wien

nachricht Auf Videokacheln basierendes DASH Streaming für Virtuelle Realität mit HEVC vom Fraunhofer HHI
03.01.2017 | Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik Heinrich-Hertz-Institut

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten