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Institut für Deutsche Sprache: Überflüssige Rechtschreibdebatte

07.08.2000


Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) appelliert an Schulen und Medien, die sich für die neue Rechtschreibung entschieden haben, sich von dem aktuellen orthographischen Sommertheater nicht beirren zu lassen. Die aktuelle Diskussion ist auch deshalb überflüssig und störend, weil sie von wichtigeren sprachlichen und sprachpolitischen Themen ablenkt. Die deutsche Sprache ändert sich durch Neuwörter und Entlehnungen erheblicher, als es durch irgendeine Änderung der Rechtschreibung möglich wäre. Bedenklich ist, dass in ganzen Sach- und Fachbereichen die deutsche Sprache zugunsten eines (meist vereinfachten) internationalen Englisch völlig aufgegeben wird. Das heißt, das Deutsche entwickelt sich in diesen Bereichen nicht mehr weiter. Unsicherheit besteht außerdem über die Zukunft des Deutschen in einem hoffentlich auch künftig mehrsprachigen Europa. Eine intensive öffentliche Diskussion dieser Themen wäre der Sprachkultur in Deutschland zuträglicher als die ermüdende Diskussion darüber, mit wie vielen "f" Schifffahrt zu schreiben ist.

Seitdem "Die Welt" durch Fehlmeldungen und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) durch ihre hastige Rückkehr zur alten Rechtschreibung eine erneute öffentliche Diskussion der seit 1998 geltenden Schul- und Behördenrechtschreibung entfacht haben, erhält das Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim eine Vielzahl von Anfragen und Aufforderungen zur Stellungnahme. Prof. Gerhard Stickel, der Direktor dieser zentralen wissenschaftlichen Einrichtung zur Erforschung des heutigen Deutsch und seiner neueren Geschichte, erklärt zur aktuellen Debatte:

1. Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) appelliert an Schulen und Medien, die sich für die neue Rechtschreibung entschieden haben, sich von dem aktuellen orthographischen Sommertheater nicht beirren zu lassen. Ausgelöst durch eine Fehlmeldung über den vermuteten Inhalt der neuen Duden-Rechtschreibung hat die neuerliche Debatte nicht zu neuen Sachargumenten gegen die Rechtschreibreform geführt. Bisher haben sich nur die alten Gegner zu Wort gemeldet, also die Personen und Organisationen, die die Reform schon vor Jahren verhindern wollten. Sachliche Kritik sollte, wenn sie aus konkreten Erfahrungen mit der neuen Rechtschreibung gewonnen wird, der zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission übermittelt werden. Falls sich Einzelheiten der neuen Rechtschreibung als korrekturbedürftig erweisen, wird es zu diesen Korrekturen nach Ablauf der Übergangsfrist kommen, wie die neue Rechtschreibung ohnehin entsprechend der allgemeinen Sprachentwicklung fortzuentwickeln ist. Das sollte aber mit Bedacht geschehen, nicht in kurzatmiger Erregung.

2. Zur Geschichte: Schon die von 1902 bis 1996 geltende deutsche Rechtschreibung wurde von manchen Schriftstellern und auch von Kaiser Wilhelm II. lange Zeit nicht akzeptiert. Die konservativen Kritiker wollten alte Schreibungen wie thun und Thür (statt tun und Tür) beibehalten. Mit der damals neuen Rechtschreibung waren aber auch einige ihrer Väter (wie Konrad Duden) unzufrieden. Es gab eine Vielzahl von Initiativen zur Verbesserung der Rechtschreibung. Aber erst seit den 70er Jahren konnten Fachleute aus den verschiedenen deutschsprachigen Ländern mit Erfolgsaussichten an einer Reform der Regeln von 1902 arbeiten. In staatlichem Auftrag wurden seit 1986 mehrere Vorschläge zur Verbesserung von Teilen und schließlich zur Reform der Rechtschreibung insgesamt vorgelegt und veröffentlicht. Die vorletzte Fassung wurde an insgesamt 50 mit Sprache befasste Verbände zur Prüfung geschickt. 30 Verbände beteiligten sich an der Diskussion, u.a. in eigens hierzu veranstalteten Anhörungen. (Einige der Verbände, die nicht reagierten, meldeten sich erst nachträglich zu Wort.) Zwischen den deutschsprachigen Staaten und Regionen wurde am 1. Juli 1996 vereinbart, ab 1. August 1998 die neue Rechtschreibung einzuführen. Bis 2005 gilt eine Übergangsfrist, in der auch die alte Rechtschreibung noch verwendet werden kann und die Einführung der neuen beobachtet und geprüft wird. Mit dieser Aufgabe ist ein Gremium aus deutschen, österreichischen und schweizerischen Fachleuten beauftragt: die zwischenstaatliche Rechtschreibkommission. Sie hat ihren Sitz beim IDS in Mannheim, ist aber nicht Teil dieses Instituts.

3. Die neuen Regeln führen nicht zu einem erheblich veränderten Schriftbild (wie etwa ein Vergleich der Ausgaben der FAZ vom 30. Juli und 1. August leicht zeigen kann.) Sie beseitigen behutsam eine Reihe von Ungereimtheiten der Norm von 1902. So schreibt man - was viele Reformgegner nicht wissen - die Sauerstoffflasche schon nach alter Rechtschreibung mit drei gleichen Konsonanten (fff). Die Kritik an Details der neuen Rechtschreibung darf die Unzulänglichkeiten der alten nicht vergessen lassen (z.B. inkonsequente Schreibungen wie "in bezug auf" und "mit Bezug auf").

4. Ob 1902 oder 1996, die neuen Rechtschreibregeln sind wie die alten nur für Schulen und Behörden verbindlich. Inzwischen lernen rund 14 Millionen deutschsprachiger Schüler die neue Rechtschreibung. Hinzu kommen die vielen Schüler und Studierenden, die im Ausland Deutsch als Fremdsprache erlernen und die sich zumeist auf die neue Rechtschreibung eingestellt haben. Wünschenswert ist eine möglichst einheitliche Schreibung auch außerhalb von Schulen und Behörden. Wenn aber eine Zeitung wie die FAZ wieder zur Norm von 1902 zurückkehrt, kann sie kein Amt daran hindern. Ihre Begründung, sie wolle mit der Rückkehr zur alten Rechtschreibung die durch die Reform erzeugte Verwirrung beseitigen, kann nicht überzeugen. Diese angesehene Zeitung schafft oder verstärkt ja mit ihrem Schritt erst die Verwirrung, die sie zu ’heilen’ vorgibt. Von Verwirrung in den Schulen war bis zum Beginn der Sommerferien nichts zu spüren. Den allgemeinen orthographischen Frieden, zu dem die FAZ und andere Gegner der Rechtschreibreform zurückführen möchten, hat es freilich auch vor dieser Reform nicht gegeben (siehe Punkt 2).

5. Das zeitweilige Nebeneinander von alter Rechtschreibung und neuer, das bis 2005 weitgehend überwunden werden sollte, ist keine Kulturkatastrophe. Das Chaos-Gerede der Reformgegner lässt die Situation übertrieben dramatisch erscheinen. Ohnehin trägt die derzeitige Diskussion erneut zu der herkömmlichen Überbewertung der Rechtschreibung, zur Verwechslung von Orthographie mit Sprache bei. Rechtschreibung gehört nur zur Außenseite der Sprache. Sie hat eine Funktion, aber für sich keine Bedeutung. Sie ist lediglich die sichtbare ’Verpackung’ von Wörtern und Sätzen, die sich im Lauf der Zeit geändert hat, geändert worden ist und sich ändern lässt, wenn die in Schrift ’verpackten’ Wörter und Sätze wiedererkennbar bleiben. Goethes Werke in seiner eigenen Schreibung entsprachen weder der damaligen Orthographie noch den Rechtschreibregeln von 1902 oder von 1996. Sie wurden an die jeweils gültige Orthographie angepasst, ohne dass sie dadurch an Bedeutung verloren hätten.

6. Die aktuelle Diskussion ist auch deshalb überflüssig und störend, weil sie von wichtigeren sprachlichen und sprachpolitischen Themen ablenkt. Die deutsche Sprache ändert sich durch Neuwörter und Entlehnungen erheblicher, als es durch irgendeine Änderung der Rechtschreibung möglich wäre. Bedenklich ist, dass in ganzen Sach- und Fachbereichen die deutsche Sprache zugunsten eines (meist vereinfachten) internationalen Englisch völlig aufgegeben wird. Das heißt, das Deutsche entwickelt sich in diesen Bereichen nicht mehr weiter. Unsicherheit besteht außerdem über die Zukunft des Deutschen in einem hoffentlich auch künftig mehrsprachigen Europa. Eine intensive öffentliche Diskussion dieser Themen wäre der Sprachkultur in Deutschland zuträglicher als die ermüdende Diskussion darüber, mit wie vielen "f" Schifffahrt zu schreiben ist.

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

Dr. Annette Trabold |

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