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Fernsehen interaktiv

17.08.2001


Digitales Fernsehen - derzeit sorgt es in Form von lizensiertem Fußballvergnügen für Schlagzeilen. Doch die Digitalisierung bietet natürlich weit mehr Möglichkeiten, als bestimmte Inhalte gegen Kosten an die Zuschauer abzugeben. Der Vorteil ist, dass neben den Bild- und Toninformationen Daten jeglicher Art zusätzlich über die Kanäle transportiert werden können. Der Traum von individuellen Fernsehprogrammen oder Zuschauer-Interaktion rückt, dank der Entwicklungen des Fraunhofer-Instituts für Medienkommunikation IMK, ein Stück näher. Auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin zeigen die Forscher ihre neuesten Anwendungen für interaktives Fernsehen.

Nach den ehrgeizigen Plänen der Fernsehschaffenden und Gerätehersteller soll bis 2010 das terrestrische Fernsehen von analog auf digital umgestellt sein. Im Kabel und über Satellit ist es ja bereits seit längerem zu empfangen. Voraussetzung: Der Zuschauer hat das nötige Equipment - einen Decoder, der die digitalen Informationen umwandelt, so dass sie auf dem Fernsehbildschirm erscheinen. Das Angebot ist derzeit noch gering und die Verkaufszahlen sind nicht so hoch, wie von den Betreibern gewünscht. Ein Grund: Fehlende Standards. Noch braucht der Zuschauer verschiedene Geräte, um die Programme der unterschiedlichen Anbieter empfangen zu können. Das internationale Konsortium Digital Video Broadcasting DVB ist angetreten, allgemeingültige Standards für das digitale Fernsehen zu entwickeln. Damit soll es für die Zuseher einfacher und auch ansprechender werden, das Angebot zu nutzen. Das Fraunhofer-Institut für Medienkommunikation IMK in St. Augustin ist einer der weltweit über 300 Partner. Bisheriges Ergebnis der Bemühungen ist die Multimedia Home Platform MHP. Sie bildet eine Schnittstelle zwischen Endgeräten und neuen Diensten.

Auf der IFA zeigen IMK-Forscher erste Anwendungen: Die direkte Interaktion mit einer Live-Fernsehsendung per Fernbedienung. »Bisher dienten Telefon oder Internet als Rückkanäle vom heimischen Wohnzimmer ins Studio«, erklärt Sven Becker vom IMK. »Mit der offenen MHP-Plattform kann der Zuschauer per Klick auf dem Bildschirm beispielsweise beim Interactive Voting seine Meinung kund tun oder sich Zusatzinformationen über bestimmte Objekte - wir nennen sie Hot Spots - im Bild geben lassen.«

Basis ist die Kombination der Virtual Studio Software 3DK und der Multimedia Home Platform. Viele Sender nutzen bereits virtuelle Studios, ein realer Moderator agiert in einer rechnererzeugten Kulisse. Das System kennt den genauen Ort jedes Bildobjektes zu jeder Zeit - auch wenn der Kamerawinkel verändert wird. »Das ist unabdingbar, um Objekte auch bei Kamerabewegungen anklicken zu können«, erklärt Ulrich Nütten, der am IMK für das virtuelle Studio verantwortlich ist. »Will der Zuschauer nun beispielsweise etwas über das Outfit des Moderators wissen oder einen Teil der Kulisse näher betrachten, etwa ein neues Produkt, das gerade dargestellt wird, klickt er auf die Pfeiltasten seiner Fernbedienung und kann so die Zusatzinformationen erhalten. So erfährt er, dass der Anzug des Moderators von Joop ist, soundsoviel kostet und bei bestimmten Herrenausstattern erhältlich ist.«

Das klingt bestechend einfach, doch dahinter verbirgt sich ein enormer Aufwand. Zunächst wird beim Sender ein Datenpaket geschnürt. Es enthält die codierten digitalen Videosignale, die Anwendung, beispielsweise das Programm, um die Hot Spots zu aktivieren und diverse Sendeprotokolle. Beim Zuschauer sorgt die MHP-Set-Top-Box dafür, dass die Bild- und Tonsignale auf dem Bildschirm dargestellt und die mitgeschickte Anwendung identifiziert und ausgeführt wird. So können aus dem Datenstrom die Zusatzinformationen über die Objekte im Bild herausgezogen und auf Wunsch des Zuschauers dargestellt werden. »Erste Boxen für MHP werden nach der IFA auf den Markt kommen«, berichtet Sven Becker. »Die meisten Hersteller planen jedoch, zum Weihnachtsgeschäft Geräte parat zu haben. Die Kosten dürften zwischen 500 und 1 000 DM liegen, je nach Ausstattung, das heißt Prozessorgeschwindigkeit, Speicher- oder Festplattenkapazität.«

Ein weiteres Beispiel der IMK-Anwendungen ist ein neues FernsehPortal: Im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens ZDF hat das IMK ein Portal auf Basis der MHP entwickelt, das den Zuschauer durch die digitale Fernsehwelt des ZDF führt, aktuelle Nachrichten und einen ständigen Überblick über das Fernsehprogramm bietet. Zur Entwicklung des Portals nutzten die Forscher ein eigens für die MHP entwickeltes Applikations-Framework, das die Realisierung von Anwendungen für das digitale Fernsehen wesentlich beschleunigt. Damit können Ablauf und Funktionalität einer Anwendung während der Sendung dynamisch verändert werden und der Zuschauer kann zum Beispiel interaktiv bei einem Fernseh-Quiz mitmachen.

Auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin (25.8. - 2.9.) finden Sie die Fraunhofer-Institute in Halle 5.3, Stand 05 und Stand 08 unter anderem mit folgenden Themen: Digital Radio Mondiale, digitale Wasserzeichen, X-Rooms - Virtuelle Realität für den Mittelstand, e-shop sowie Audio- und Videokompression.

Ulrich Nütten | Presseinformationen

Weitere Berichte zu: MHP Virtuelle Realität Zusatzinformation

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