Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Leserforschung wird Zeitungsbranche revolutionieren

24.11.2004


Mit der "Readerscan"-Methode erforscht die Würzburger "Main-Post" die Interessen ihrer Leser und kommt dabei auf erstaunliche Ergebnisse.



Die tägliche Quote gibt es jetzt nicht nur für Fernsehsendungen, sondern auch für Artikel in Tageszeitungen. Möglich macht das ein neues elektronisches Verfahren, das den "gläsernen Leser" im Visier hat. Die Würzburger "Main-Post" war nach eigenen Angaben die erste Tageszeitung in Deutschland, die diese Methode genutzt und mit den ersten Ergebnissen zum Nutzungsverhalten der Leser ihr Blatt bereits deutlich umgekrempelt hat. "Die Methode wird die Zeitungsbranche revolutionieren", sagt Chefredakteur Michael Reinhard. "Schon in einigen Jahren wird es keine größere Zeitung mehr geben, die auf dieses Instrumentarium verzichtet".

... mehr zu:
»Zeitungsbranche


In der Praxis sieht die Idee des Schweizers Carlo Imboden vom "Readerscan" im Falle der "Main-Post" so aus: Eine ausgewählte Gruppe an Abonnenten, die einer anvisierten jüngeren Ziel-Leserschaft entspricht, nimmt beim täglichen Zeitungslesen einen elektronischen Stift zur Hand. Damit markieren sie durch Anstreichen, welchen Artikel sie bis zu welcher Stelle gelesen haben. Nach der Lektüre werden die Daten an einen Rechner übermittelt und noch am Erscheinungstag bekommen Blattmacher erste Ergebnisse auf den Tisch.

"Das ist eine knallharte und unbestechliche Methode, die dir sagt, was der Leser wirklich tut", betont Reinhard den Vorteil gegenüber den bisherigen Leser-Befragungen im Nachhinein. Diese hätten keine verlässlichen Daten zum tatsächlichen Leseverhalten geliefert. Die Kosten für die Untersuchung mit "Readerscan" beliefen sich je nach Ausmaß auf 75 000 bis 150 000 Euro. Das Verfahren ist auch aktuelles Titelthema der Fachzeitschrift "Medium Magazin".

Die "Main-Post" hat bereits in zwei vierwöchigen Wellen ihre Leser durchleuchtet. "Das herausragende Ergebnis war das überraschend schlechte Abschneiden des Lokalsports", erklärt Chefredakteur Reinhard. Allgemein schnitten die Lokalseiten schlechter ab als der überregionale Mantel, der aber bei der "Main-Post" bereits mit den wichtigsten regionalen Themen durchsetzt sei. Auch klassische Kulturartikel würden kaum gelesen. Dagegen wollten die Leser die "Tagesschau-Themen" auch in der Zeitung wieder finden. "Die Fernseh-Nachricht ist auch für die Zeitung ein Quotenrenner", sagt Reinhard. "Wir brauchen keine Scheu davor zu haben, ein Thema, das breit in anderen Medien vertreten ist, aufzugreifen."

Daneben bestätigte die Analyse auch eine Reihe journalistischer Handwerksregeln und Vermutungen: Die vermischte oder bunte Seite ("Aus aller Welt") wird am häufigsten gelesen. Bild und Überschrift müssen grundsätzlich im Kern übereinstimmen, sonst schaltet der Leser ab. Imboden spricht hier von kognitiver Dissonanz. Ein guter Aufmacher zieht auch andere Geschichten hoch. Ein Artikel mit Foto und Grafik erzielt mehr Aufmerksamkeit als reiner Text.

Für Diskussionsstoff dürfte dagegen eine unerwartete These um die Überschriften sorgen: "In die Hauptzeile gehören klare Aussagen und Tatsachen. Wolkige Feature-Überschriften, vielleicht noch als Alliteration, werden vom Leser nicht goutiert", sagt Reinhard. Für den Leser seien auch nicht Autoren, sondern Themen und deren Umsetzung Ausschlag gebend. Aus der ersten Erhebungswelle hat die "Main-Post" eine Reihe von Anforderungen formuliert, zwei Bücher wurden in sechs Wochen radikal umgestaltet. Damit erhöhte sich die durchschnittliche Lesequote um etwa 20 Prozent auf 8,5 Prozent - das heißt, dass ein Leser durchschnittlich 8,5 Prozent der Artikel liest.

"Es geht aber nicht darum, in Quoten-Geilheit zu verfallen, sondern unsere Zeitung noch näher und besser am Leser zu orientieren", unterstreicht Reinhard. Es sei eine schnelle Reaktion auf Leserinteressen möglich. So wurde etwa bei einigen populären Themen die Berichterstattung ausgebaut. Als Konsequenz wurde auch ein "Kultur-Journal" entworfen, das anstelle einer Themen-Seite als Aufmacher einen Mix aus Kultur, Infotainment und Lebenshilfe bietet.

"Es geht weder beim Lokalsport noch bei der Kultur ums Weglassen, sondern um eine intelligentere Mischung und eine andere Schreibe", betont Reinhard. Als Konsequenz denkt die Zeitung langfristig auch an eine Ausgliederung bestimmter Inhalte. So sei ein Online- Newsletter mit Sporttabellen oder ein Zusatzprodukt in gedruckter Form für spezielle Interessen denkbar. "Der Erfolg einer Tageszeitung wird davon abhängen, wie massentauglich das Hauptprodukt ist und wie intelligent sie Minderheiten bedient."

| NewsRoom
Weitere Informationen:
http://www.newsroom.de

Weitere Berichte zu: Zeitungsbranche

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Virtuell und 360°: die Zukunft bewegter Bilder
04.10.2016 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Content-Marketing: In der Praxis angekommen - Studie zu Content-Marketing-Strategien
15.07.2016 | PFH Private Hochschule Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Fraunhofer WKI koordiniert vom BMEL geförderten Forschungsverbund zu Zusatznutzen von Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen

05.12.2016 | Förderungen Preise

Höhere Energieeffizienz durch Brennhilfsmittel aus Porenkeramik

05.12.2016 | Energie und Elektrotechnik