Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bonner Neuroinformatiker wollen per Tastsinn kommunizieren

07.04.2004


Der Informationsaustausch zwischen Menschen läuft größtenteils über Geräusche und Bilder. Neuroinformatiker der Universität Bonn wollen nun auch den Tastsinn für die Kommunikation nutzen. SMS-Nachrichten ließen sich dann beispielsweise mit den Fingerkuppen lesen, das Autolenkrad könnte in unübersichtlichen Verkehrssituationen warnen oder über den richtigen Weg informieren. Eine spezielle Software entwickelt dazu individuell für jeden Nutzer das am besten passende "Tast-Vokabular". Die Forscher haben ihr Verfahren inzwischen zum Patent angemeldet; auf der Hannover-Messe vom 19. bis 24. April stellen sie ein erstes Funktionsmuster vor (Halle 18 Stand A02).


Carsten Wilks, Thomas Schieder und Professor Dr. Rolf Eckmiller präsentieren auf der Hannover Messe ein erstes Funktionsmuster.



Es zuckt und kribbelt unter den Fingerkuppen, kleine Stiftchen drücken sich in die Haut und reizen die empfindlichen Tastsensoren. Ganz klar: Das war ein Klammeraffe. Thomas Schieder lacht. "Eigentlich war es eine Spirale. Aber wenn du es so empfindest, ist es halt ein Klammeraffe."

... mehr zu:
»Neuroinformatiker »Tastsinn »Welle


Die Hand von Carsten Wilks liegt in einer Kunststoff-Form. Unter jeder seiner Fingerspitzen sitzt ein wenige Millimeter langes Modul mit acht winzigen Stiften, die sich heben und senken können. Schieder gibt per Palm-PDA, einer Art elektronischem Notizbuch, den Befehl, welche Gruppe von Stiften sich wann heben soll. Unter den Fingern seines Kommilitonen entsteht so ein bestimmtes Orts-Zeit-Muster, wahrnehmbar als eine Acht, eine Welle oder halt - ein Klammeraffe.

Empfindlich und schnell

"Für die meisten Tiere - selbst für manche Affen - spielen Tast- und Riechsinn eine viel größere Rolle als Hören und Sehen", sagt der Bonner Neuroinformatiker Professor Dr. Rolf Eckmiller. "Bei uns ist dieser Kommunikationskanal mehr oder weniger verschüttet. Wir wollen ihn wieder aufbohren." Anwendungsmöglichkeiten für ihre Idee, die sie auf den Namen "SensoTrans" (Signalwandler zur Transformation von Sinneswahrnehmungen) getauft haben, sehen die Entwickler unter anderem in der Kommunikationselektronik, beispielsweise bei zukünftigen Handygenerationen zur rein taktilen SMS-Übertragung. Aber auch in der Medizintechnik bei der Wiedergabe akustischer Signale für Gehörlose oder als Sehhilfe für Blinde ließe sich das Verfahren einsetzen.

Etwa 100 Tastsinneszellen pro Quadratzentimeter sind verantwortlich für unser sprichwörtliches Fingerspitzengefühl. Unser Tastsinn kann noch Vibrationen mit einer Auslenkung von weniger als 0,01 Millimeter wahrnehmen - und das noch in einer Frequenz von bis zu 500 Schwingungen pro Sekunde. "Natürlich wollen wir über den taktilen Kanal keine Buchstaben übertragen", erklärt Professor Eckmiller. "So können wir dem Auge keine Konkurrenz machen. Uns geht es um die schnelle Übermittlung von Sinneinheiten wie ’ich’, ’du’, ’in einer Stunde’, oder ’nach Bonn’, so dass man beispielsweise über ein entsprechend ausgestattetes Handy per SMS den Tast-Satz ’ich bin in einer Stunde zu Hause’ übertragen könnte."

Individuelle Tastsprache

Den Erfindern kommt dabei zu Gute, dass sich vielen Menschen die Bedeutung bestimmter Stiftbewegungen intuitiv erschließt. "Wenn wir auf dem Zeigefinger eine Welle erzeugen, die auf den Benutzer zuläuft, assoziieren das viele automatisch mit dem Begriff ’ich’; läuft die Welle vom Anwender weg, interpretieren das die meisten als ein ’du’", erklärt Carsten Wilks, der wie Thomas Schieder in der Arbeitsgruppe von Professor Eckmiller promoviert. Dennoch gibt es auch hier individuelle Unterschiede; manche interpretieren Tastreize ganz anders als erwartet. Für ein künftiges "taktiles Handy" sollen die Anwender aber nicht erst wochenlang ihr "Tast-Vokabular" pauken müssen. "Wir wollen, dass sich das Gerät auf seinen Besitzer einstellt", sagt Wilks: Eine Trainings-Software soll dem Anwender zu jedem gewünschten Begriff verschiedene "Tast-Vokabeln" vorschlagen. Der User kann sich diejenige aussuchen, die seinen Vorstellungen am meisten entgegenkommt. Das Computerprogramm erzeugt dann daraus weitere Variationen und optimiert auf diese Weise die Umsetzung des Begriffs in Stiftbewegungen so lange, bis der Anwender zufrieden ist.

Am ehesten vergleichbar ist diese Vorgehensweise vielleicht mit einem Englischkurs, in dem sich jeder Schüler die für ihn einprägsamsten Übersetzungen selbst aussuchen kann. Als Pendant zum deutschen Wort "bekommen" würde dann wohl niemand das englische "get" wählen, die meisten aber das einprägsame "become", das in der Realität leider "werden" bedeutet.

Ansprechpartner:
Professor Dr. Rolf Eckmiller
Institut für Informatik VI der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-4422
E-Mail: eckmiller@nero.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.nero.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Neuroinformatiker Tastsinn Welle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht mce mediacomeurope schließt Kooperationsvertrag mit Anixe TV
13.04.2018 | mce mediacomeurope GmbH

nachricht Gebärdensprache neu gedacht
14.03.2018 | Universität Siegen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics