Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sind Gesten eine international verständliche Gebärdensprache?

31.01.2003


Linguistin erforscht das Zusammenspiel von Gestik und Sprache



Gesten gehören zur zwischenmenschlichen Kommunikation. Doch nicht alle Fingerzeichen haben die gleiche Bedeutungen: Während der hochgestreckte Daumen des Trampers von jedem Europäer verstanden wird, könnt diese Geste in arabischen Ländern fatale Folgen haben - dort ist das Handzeichen eine sexuelle Beleidigung. Die Linguistin und Psychologin Dr. Cornelia Müller erforscht die Entwicklung von Gesten sowie das Zusammenspiel von Gestik und Sprache.



Gesten sind kommunikative Bewegungen der Hände, der Arme und des Kopfes. Die Gestenforschung untersucht sie als Medien der Repräsentation und Interaktion, die aufs Engste mit dem Sprechen verbunden sind. Wir können mit den Händen viel über die Welt erzählen - welche Form ein Gegenstand hat, wo er im Raum lokalisiert ist, wie groß er ist. Wir können mit den Händen auch zeitliche Angaben machen: Vergangenes liegt hinter, Zukünftiges vor uns. Dies alles sind Gesten, die von Gesprächsbeteiligten meist unbemerkt verwendet und verstanden werden; sie bilden gemeinsam mit dem sprachlichen Ausdruck eine untrennbare Einheit. Für dieses "Äußerungsensemble" interessiert sich die Gestenforschung. Unwillkürlich zustande kommende Verhaltensweisen, wie zum Beispiel erröten, lachen, erblassen, weinen oder zittern, gehören dahingegen nicht zum Gegenstandsbereich dieser Fachrichtung. Die Erkenntnis, dass Gesten und Sprechen eng miteinander verbunden sind, hat seit der Antike die rhetorische Sprachreflektion geprägt.

Neben dem Mund sind die Hände die einzigen "Instrumente", mit denen Menschen Sprache hervorbringen. Wie die Zeichensprachen von kulturellen Gemeinschaften, die einem Sprachtabu unterliegen, oder die Sprachen der Gehörlosen zeigen, können wir im Notfall auch nur mit den Händen sprechen. Und doch kooperieren Gesten mit Lautsprache, sie bilden kein eigenes grammatisches System aus und werden in die grammatischen Strukturen sprachlicher Äußerung integriert. In der gestischen Zeichensprache entwickelt sich ein gestisches Vokabular; die grammatischen Strukturen der "Gestensätze" folgen dahingegen denen der Lautsprache der Sprecher. Im Gegensatz dazu ersetzen Gebärden die Lautsprache dauerhaft und bilden ein eigenes grammatisches System. Gesten und Gebärden in Zeichensprachen ersetzen die Lautsprache für einen begrenzten Zeitraum (wie beim Schweigegebots bei Zisterzienser-Mönchen oder in der Trauerzeit bei den Frauen der australischen Aborigines).

Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen der Gestik und der Sprache vermeidet die Gestenforschung den Begriff der nonverbalen Kommunikation. Es sei irreführend, meint Cornelia Müller, Gesten als nicht-sprachlich zu charakterisieren. "Eine solche Redeweise legt die Trennung zwischen sprachlichen und körperlichen Kommunikationsformen nahe, die sachlich nicht gegeben ist. Angemessener wäre hier der Begriff der multi-modalen Kommunikation."

Die meisten Gesten haben ihren Ursprung in einer Handlung. Wer früher zum Beispiel das Visier seiner Rüstung hochklappte oder den Helm abnahm, zeigte deutlich, dass er kein Feind ist und nicht kämpfen will. Als verbindliches Zeichen für den Frieden wird die Waffe zur Seite gelegt, die Hand gereicht. Aus den einst handfesten Bedeutungen sind so freundschaftliche Alltagsgesten geworden: das Lupfen des Hutes oder das Erheben der Hand. "Die Spurensuche nach dem Ursprung einer Geste führt uns meistens zu einer Tätigkeit, die Hinweise auf die jeweilige Kultur gibt, in der die Geste geboren wurde", sagt die Linguistin.

Gesten sind "Kulturprodukte". Es gibt Völker, die ein größeres Repertoire an Gesten mit einer festen Bedeutung haben - die Süditaliener verfügen über einen reicheren Wortschatz an sprachersetzend verwendeten Gesten als die Deutschen. Es gibt Kulturräume, in denen die Gestenausführung weniger augenfällig ist als in anderen: In Nordeuropa werden Gesten vorwiegend aus dem Handgelenk ausgeführt, während sie in Südeuropa aus der Schulter heraus gemacht werden. Zudem gibt es kulturell verschiedene "Gestenwörter". So stellt in manchen Kulturkreisen die "Ringgeste" - ein Kringel aus zwei Fingern - Anerkennung, in anderen Beleidigung: Sie kann "perfekt" und "OK" bedeuten oder auch "Arschloch". Oder der Fingerkringel steht für eine Null oder ein Geldstück.

Können Gesten gezielt gelernt werden? "Nein", sagt Cornelia Müller. Man könne sich zwar Handhaltungen angewöhnen, wie die Ruheposition der Hände, aber man könne das feine inhaltliche Zusammenspiel zwischen Geste und Sprache nicht einstudieren. "Das ist der Rhetorik und der Schauspielkunst nicht gelungen, und auch die modernen Kommunikationstrainings können das nicht leisten", erklärt die Psychologin. "Sie leisten es aber, Auffälligkeiten und persönliche Merkmale abzutrainieren und standardisierte Grundhaltungen zu vermitteln. Wenn aber eine freie und differenzierte Argumentation vorgetragen wird, dann werden die Gesten spontan erzeugt und entsprechend geformt und plaziert." Gesten kann man also nicht lernen, aber man kann sie sich abgewöhnen. "Man kann lernen, nicht so raumgreifend zu gestikulieren. Weniger zu gestikulieren wirkt zwar ruhiger, aber auch langweiliger - vergleicht man etwa Michel Friedman mit Sabine Christiansen", sagt Müller.

Seit wann der Mensch gestikuliert, ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist geklärt, ob das Wort oder die Geste zuerst da war. "Vermutlich haben sich Sprache und Gestik Hand in Hand entwickelt", meint Cornelia Müller. "Gefühle wurden wahrscheinlich schon sehr früh mit Lauten geäußert, und aus dem Greifen nach einem Gegenstand wurde, ebenfalls schon früh, die Zeigegeste." Und wie früh? "Es gibt Höhlenmalereien, die Hände zeigen, an denen einige Finger fehlen", erzählt Müller und spekuliert: "Das könnten früheste Zeugnisse menschlicher Gestenkenntnis sein." An die Theorie, die Gestik eines Menschen sei der Schlüssel zu seiner Persönlichkeit und spontane, redebegleitende Gesten offenbarten seine innersten Gefühle, glaubt sie nicht: "Gesten können nur im Kontext gedeutet werden. Dazu gehören die Beziehung der Gesprächspartner, der Inhalt des Gesprächs, die Situation sowie die Körperhaltung, die Mimik und die Stimme." Wenn eine Person also die Arme vor der Brust verschränkt, heißt das noch lange nicht, dass er abweisend und verschlossen ist, weil er - wie der Steinzeitmensch - sein Herz vor Angreifern schützt. Vielleicht ist ihm einfach nur kalt.

Gelehrte Betrachtung zum Zusammenspiel von Rede und Geste gibt es seit mehr als zweitausend Jahren. Nicht nur die Rhetorik, auch die Philosophie, Ästhetik, Physiognomik und Anthropologie haben Gesten untersucht, beschrieben und in theoretische Systeme eingebaut. Die "moderne" Gestenforschung ist erst durch die mediale Revolution im zwanzigsten Jahrhundert möglich geworden. Die filmische Dokumentation von sprechenden Menschen hat eine detaillierte Analyse verschiedener Gestenformen und ihrer Verwendung beim Sprechen ermöglicht. In den Neunzigerjahren haben sich die Aktivitäten der Gestenforscher so verdichtet, dass der Zeitpunkt für eine Bündelung und Institutionalisierung gekommen war: Im Jahr 2001 wurde die internationale Zeitschrift für Gestenforschung "GESTURE" ins Leben gerufen und im vergangenen Jahr die Internationale Gesellschaft für Gestenforschung ISGS gegründet.

Weitere Informationen erteilt:

Dr. Cornelia Müller
Institut für Deutsche Philologie (Linguistik)
der Freien Universität Berlin
Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin
Tel.: 030 - 838-54439
E-Mail: gesture@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Geste Gestenforschung Gestik Lautsprache

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Wenn die Bilder lügen - KI-System entlarvt Fake News im Internet
20.04.2017 | Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI

nachricht Warum wechseln Menschen ihre Sprache?
14.03.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften