Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dissertation zur Organlebendspende: Organ - Geschenk oder Ware?

22.11.2002


Die Ressource Organ ist ebenso knapp wie begehrt. Allein im Jahr 2000 warteten in Deutschland ca. 12.000 Menschen auf eine neue Niere. Wege aus diesem Dilemma durch Lebendspenden zeigt Dr. Corinna Iris Schutzeichel in ihrer im LIT Verlag erschienenen Dissertation "Geschenk oder Ware? Das begehrte Gut Organ. Nierentransplantation in einem hochregulierten Markt".



Die Autorin fordert, das derzeit gültige Transplantationsgesetz zu erweitern - wenn man nicht Tausende von Nierenpatienten allein in Deutschland einer Chance auf eine Steigerung ihrer Lebensqualität und ein längeres Überleben berauben will. Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet die immer noch tabuisierte Diskussion um finanzielle Anreize für Organlebendspender.



Lebendspenden von Nieren

Lebend gespendet werden können u. a. Blut, Knochenmark, Leberlappen bzw. Teile der Leber oder die Nieren. Die Lebendspende von Nieren ist in vielen Transplantationszentren mittlerweile zum Routine-Verfahren gereift, ihre Zahl ist von knapp 15 Prozent im Jahr 1998 auf immerhin 16,3 Prozent im Jahr 2001 angewachsen. Das bundesdeutsche Transplantationsgesetz schränkt allerdings den Kreis der möglichen Spender sehr stark ein. Eine Spende ist nur erlaubt, wenn zum Zeitpunkt der Organentnahme kein geeignetes Organ eines Verstorbenen zur Verfügung steht (Subsidiaritätsprinzip). Zum anderen darf eine Lebendspende nur erfolgen von Verwandten ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, Verlobten oder Personen, die dem Organempfänger persönlich besonders verbunden sind, also beispielsweise Lebenspartnern.

Limitierter Spenderkreis

Schutzeichel plädiert hingegen für die Abschaffung der Subsidiaritätsregel und für eine Erweiterung des Kreises potenzieller Organlebendspender. Anders als in Deutschland ist in den meisten Staaten Europas der Spenderkreis nicht mehr pauschal gesetzlich limitiert. Damit könne der Kreis potenzieller Spender erweitert werden um altruistische nichtverwandte Spender sowie Spender, die eine Entschädigung erhalten, und Überkreuz-Lebendspender. Dies sind zwei Spender-Empfänger-Paare, die untereinander die Spenderorgane austauschen, wenn eine direkte Spende etwa aufgrund einer Blutgruppenunverträglichkeit medizinisch nicht möglich ist.

Entschädigungsmodell einführen

Die Autorin analysiert die internationale und deutsche medizinische, ethische und rechtliche Literatur zur Transplantation und diskutiert unterschiedliche ethische Modelle bei der Transplantation unter Lebenden. So fordert sie u. a., in Deutschland ein Entschädigungsmodell einzuführen, d. h. dem Spender die Kosten zurück zu erstatten, die ihm infolge der Spende entstanden sind. Dem gegenüber würde bei einem Anreizmodell der Spender für sein Organ eine Art Aufwandsentschädigung und Schmerzensgeld erhalten.

Unabhängige Kontrolle

Beim Entschädigungsmodell sollten die Organspenden von einer unabhängigen Institution kontrolliert und von einer breit angelegten Untersuchung begleitet werden. Die Anreize für den Spender könnten bei einem positiven Ergebnis sukzessive erweitert werden. Denkbar seien beispielsweise eine kostenfreie Krankenversicherung oder ein geringerer Einkommensteuersatz. Grundvoraussetzung hierfür sei, dass die Belohnung des Spenders von einer staatlichen Einrichtung kontrolliert werde und von der Krankenkasse des Organempfängers - und keinesfalls von dem Organempfänger selbst - übernommen werde. Der nötige finanzielle Spielraum sei bei den Krankenkassen vorhanden, da sich eine Nierentransplantation im Vergleich zur Dialyse meistens nach spätestens zweieinhalb Jahren amortisiert hat. Selbstverständlich müssten auch weiterhin die Organempfänger unabhängig von ihren finanziellen Verhältnissen Zugang zur Warteliste haben.

Organhandel die Existenzgrundlage entziehen

Es gibt mehrere Argumente, so die Autorin, die aus ethischer Sicht für das Belohnungsmodell sprechen. Zum einen erfülle der belohnte Spender das Prinzip der Wohltätigkeit, das er gegenüber dem Empfänger des Organs aktiv ausübt. Zum anderen sei bei einem belohnten Spender stärker noch als bei manchen Lebendspenden unter Verwandten der freiwillige Entschluss des Spenders gewährleistet. Durch das Belohnungsmodell könne langfristig sogar dem kommerziellen, ausbeuterischen Organhandel die Existenzgrundlage entzogen werden. Innerhalb eines hochregulierten Marktes, in dem der Spender durch Kontrollmechanismen des Staates geschützt werde, seien belohnte Lebendspenden zu begrüßen. Denn damit verbunden wäre "ein Prozess der Stärkung des Selbstbestimmungsrechts des mündigen Bürgers ohne ihn vollkommen dem Schutz staatlich-gesetzgeberischen Paternalismus zu entziehen".

Dr. Corinna Iris Schutzeichel
E-mail: corinna.schutzeichel@cityweb.de

Dr. Josef König | idw

Weitere Berichte zu: Lebendspenden Niere Organ Organempfänger Spende Spender

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Moderne Medientechnik im Atlasgebirge
17.08.2017 | Universität Siegen

nachricht Wissenschaftler entschlüsseln das „perfekte Selfie“
26.06.2017 | Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie