Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der große Lauschangriff ist längst real

18.06.2002


"connect": Mehrere Millionen Bürger werden jährlich abgehört / Ermittler, Geheimdienste und Kriminelle können Jedermann ganz einfach belauschen

Die kontroversen Diskussionen um den "Großen Lauschangriff" sind längst vergessen, denn seit dem 11. September vergangenen Jahres sieht die Welt anders aus. Von knapp 3.700 im Jahr 1995 von den Netzbetreibern gemeldete Telekommunikations-Überwachungsmaßnahmen schnellte die Zahl bis zum Jahr 2001 auf 20.000 Lauschangriffe hoch, berichtet das Telekommunikationsmagazin "connect" in der aktuellen Ausgabe (EVT: 20. Juni 2002). Bei vielen Abhöraktionen wird dabei über einen Zeitraum von drei Monaten ein Telefonanschluss angezapft. Das bedeutet: Zahlreiche völlig unbeteiligte Anrufer und Angerufene sind betroffen. Es gilt als sicher, dass mehrere Hunderttausend oder gar Millionen Bürger Jahr für Jahr mindestens einmal abgehört werden.

Umfang und Qualität der staatlichen Telefonüberwachung werden dabei Zug um Zug ausgebaut. Welche Daten der Netzbetreiber den Ermittlern zu übergeben hat, ist in der "Telekommunikations-Überwachungsverordnung" (TKÜV) akribisch geregelt. Selbst wenn ein überwachter Teilnehmer eine Telefonnummer nur unvollständig anwählt und dann auflegt, wird dies für die Ermittler erfasst. Und auch der Standort des Handys ist neben den Verbindungsdaten zu protokollieren. Geht es nach der Mehrheit im Bundesrat, werden die Netzbetreiber demnächst auch noch verpflichtet, die Einbuchungszeiten "in Echtzeit" zu übermitteln und zwar schon dann, wenn der Betroffene das Handy lediglich eingeschaltet hat.

Technisch ist das Abhören schon längst kein Problem mehr. "Bis zu 10.000 Teilnehmer einer Vermittlungsstelle gleichzeitig überwachen, geräuschlose Datenerfassung", wirbt laut "connect" ein Lieferant von Vermittlungsstellen in einer Broschüre für sein Abhörsystem. Dabei geraten auch unbescholtene Bürger ins Visier der Fahnder. Etwa durch den sogenannten mobilen IMSI-Catcher, der zwangsläufig auch unbeteiligte Handy-Benutzer im Umkreis von 300 Metern ausspioniert. Kritiker mutmaßen zudem, dass sich anhand der IMSI gezielt Telefonate des betroffenen Handy-Nutzers zwischen Mobilfunk-Basisstation und der Handy-Vermittlungsstelle abhören lassen.

Nahezu unvorstellbare Dimensionen hat auch die globale Schnüffelei von Echelon, dem weltweiten Spionagenetzwerk der USA, an dem auch Kanada, Neuseeland, Australien und Großbritannien beteiligt sind. Erst Mitte der 90er Jahre sei das öffentliche Internet größer geworden als das Netzwerk der Abhörstationen und Auswertungscomputer von Echelon, heißt es in einem Bericht für das Europäische Parlament. Abhörstationen auf allen Kontinenten verschaffen dem Computernetzwerk Zugang zu den meisten Kommunikationssatelliten. E-Mails, Faxe und Verbindungsdaten wie Telefonnummern werden so Tag für Tag auf bestimmte Inhalte gefilzt, aber auch Tiefseekabel und lokale Stadt-zu-Stadt-Verbindungen werden in aller Welt abgehört.

Neben den nahezu unbegrenzten staatlichen Zugriffsmöglichkeiten haben es selbst kriminelle Lauscher leicht. Nach "connect"-Informationen kann man mit weniger als 1.000 Euro und minimalem Zeitaufwand jedes beliebige Telefon oder die Telefondose in der Wand zur Wanze umbauen, die sich über das Telefonnetz aus der Ferne unbemerkt aktivieren lässt. Aus Handys können innerhalb von wenigen Minuten und mit geringen Materialkosten Wanzen gemacht werden, die - irgendwo "vergessen" - Gespräche übertragen, solange die Batterie hält. Auch trojanische Pferde, die das Mikrophon im Computer zum Lauschen bringen, sind wie das Abhören aus einem halben Kilometer Entfernung durch Fenster hindurch mittels moderner Lasertechnik problemlos möglich.

Und selbst die handelsübliche Kommunikationsanlage im Büro oder zuhause kann leicht durch integrierte Sonderfunktionen missbraucht werden. Wer einen Anruf weiterleitet, kann beispielsweise weiter unbemerkt mithören, wenn der Empfänger des Anrufs ein Telefon ohne Display benutzt. Mit Manipulationen wird auch die Funktion "Direktansprechen" zur Abhöranlage umfunktioniert, ohne dass die betreffende Person einen Hinweis auf dem Display bekommt. Potenzielle Ziele für Amateur-Lauscher sind auch die Babyfon-Funktion in Schnurlos-Telefonen bei Festnetzgeräten oder die eingebaute Raumüberwachung. Entsprechende Codes sollten regelmäßig geändert werden.

Dirk Waasen | ots

Weitere Berichte zu: Abhörstation Anruf Handy Lauschangriff Netzbetreiber

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Virtuell und 360°: die Zukunft bewegter Bilder
04.10.2016 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Content-Marketing: In der Praxis angekommen - Studie zu Content-Marketing-Strategien
15.07.2016 | PFH Private Hochschule Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weiterbildung zu statistischen Methoden in der Versuchsplanung und -auswertung

06.12.2016 | Seminare Workshops

Bund fördert Entwicklung sicherer Schnellladetechnik für Hochleistungsbatterien mit 2,5 Millionen

06.12.2016 | Förderungen Preise

Innovationen für eine nachhaltige Forstwirtschaft

06.12.2016 | Agrar- Forstwissenschaften