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Gehirn urteilt in 0,2 Sekunden

28.07.2009
Reaktion auf Widersprüche steuert das Leseverständnis

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Äußerst schnell reagiert das Gehirn auf Gelesenes, wenn dabei Grundüberzeugungen und Emotionen angesprochen werden.


Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler um Jos van Berkum am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik sowie der Universitäten Amsterdam und Utrecht in der Fachzeitschrift Psychological Science. Laut ihren Forschungen reagieren Menschen auf Meinungsäußerungen bereits bevor sie sich der Antwortmöglichkeiten bewusst werden oder ihr bisheriges Wissen über ein Thema abrufen. Moralisch-ethische und politische Voreinstellungen spielen für diese Reaktion eine große Rolle und beeinflussen das Verstehen eines Textes.

Die Forscher wollten Menschen mit deutlich unterscheidbaren Wertesystemen untersuchen, weshalb sie als Probanden streng gläubige Christen wie auch Menschen ohne religiöses Bekenntnis wählten. In einem Test ließ man die Teilnehmer beider Gruppen Aussagen zu moralisch-ethischen Fragen lesen und bat sie anschließend, den Grad ihrer Zustimmung oder Ablehnung anzugeben. Es ging dabei um umstrittene Themen wie etwa Abtreibung, Euthanasie, die Legalisierung von Drogen, die Ehe Gleichgeschlechtlicher oder die Emanzipation der Frau. Ein Elektroenzephalograph (EEG) beobachtete gleichzeitig, welche Hirnströme Phrasen wie "Ich finde Euthanasie in Ordnung" oder "Ich bin gegen die zunehmende Emanzipierung der Frau" auslösten.

Erstmals konnten die Forscher dabei zeigen, dass die Grundhaltung einer Person ihren Leseprozess wesentlich bestimmt. Wörter, die stark im Widerspruch zur Überzeugung einer Person standen - wie etwa "Euthanasie" bei den christlichen Testpersonen - lösten solche Gehirnströme aus, die bei emotionsbeladenen Bildern sowie bei unwahrscheinlichen oder unmöglichen Bedeutungsinhalten eintreten. Politische und ethisch-moralische Überzeugungen zeigten somit einen hohen Einfluss auf den Lesevorgang.

Auch die Geschwindigkeit der Antwort überraschte die Forscher. Die erste Reaktion erfolgte bereits 200 Millisekunden, nachdem der Leser über das erste Wort im Satz gestolpert war, das den Hinweis auf eine Aussage im Widerspruch zum eigenen Wertesystem gab. Das sei so schnell, dass es sogar das Verstehen der Sprache beeinflussen kann, geben die Forscher zu bedenken. Denn das Großhirn hat gar nicht Zeit, vor der Bildung einer Meinung auf längeren Informationsschub zu warten. Diese Erkenntnis bringe Einblick in Sprachmuster und helfe beim Verständnis, wie ethische und politische Ideen unsere Denkprozesse beeinflussen, so die holländischen Wissenschaftler.

Johannes Pernsteiner | Quelle: pressetext.austria
Weitere Informationen: www.mpi.nl

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