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Rostocker Mediziner klassifiziert Blitzeinschläge neu

17.05.2013
Drei weitere Energieübertragungsformen entdeckt

Den Phänomenen von Blitzen, die bei Gewitter wie aus heiterem Himmel einschlagen, Menschen verletzen oder gar töten können, sind Rostocker Mediziner seit einigen Jahren auf der Spur.

Sie sind damit Vorreiter auf diesem Forschungsgebiet. Allen voran der Rechtsmediziner Privatdozent Dr. Fred Zack und der Dekan der Universitätsmedizin Professor Emil Reisinger, die erst kürzlich ein bundesweites Merkblatt des Ausschusses für Blitzschutz und Blitzforschung des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE e. V.) über das richtige Verhalten von Ersthelfern bei einem Blitzunfall mit Personenschaden mitgestaltet haben.

„Lange haben Ärzte, die ein Blitzopfer untersucht oder behandelt haben, nur ihr Fachgebiet beachtet“, sagt Dr. Zack. Dies soll der Vergangenheit angehören, denn häufig müssen Blitzopfer interdisziplinär behandelt werden.

In einer jüngsten fachübergreifenden Analyse des schwersten Blitzunfalles der letzten Jahrzehnte in Deutschland haben die Rostocker Rechtsmediziner federführend mit medizinischen Experten aus Hamburg, Hannover, Gießen und Regensburg sowie mit technischen Experten des VDE zusammengearbeitet und die Ergebnisse im April 2013 in der RECHTSMEDIZIN publiziert.
Hintergrund: Im Juni 2012 ereignete sich im hessischen Waldeck eine Tragödie. Vier Frauen kamen auf dem Golfplatz durch mehrere Blitzschläge ums Leben. „Das war nicht unvorhersehbar“, sagt Fred Zack, zumal sich die Hütte, in der die Frauen Schutz suchten, auf einem Hügel unter Kirschbäumen befand und keine Blitzschutzeinrichtung aufwies. Insgesamt wurden dort in acht Sekunden elf Blitzeinschläge registriert.

Dr. Zack hat seitdem recherchiert und analysiert, auf welche Art und Weise ein Blitz überhaupt einen Menschen schädigen kann und ist dabei auf insgesamt fünf verschiedene Energieübertragungsmechanismen gestoßen. In der deutschsprachigen Fachliteratur waren bis dahin nur zwei Wege beschrieben.

Die gefährlichste Art des Blitzschlags ist der direkte Treffer, wobei der Strom häufig durch den Kopf fährt und lochartige Durchschläge an den Füßen hinterlässt. Er endet oft tödlich. Der Kontakteffekt tritt ein, wenn der Blitz in ein Objekt schlägt, das sich in direktem Kontakt zum Blitzopfer befindet, beispielsweise ein Golfschläger. Der bereits bekannte Überschlagseffekt (side splash) tritt ein, wenn der Blitz beispielsweise in einen Baum einschlägt und Teile der Energie auf eine Person übertragen werden. Bei der sogenannten Schrittspannung fließt der Strom in der Nähe des Einschlages über ein Bein in den Körper und über das andere hinaus.

Letzte Möglichkeit: Beim leitervermittelten Blitzeffekt kann der Blitz eine Telefonleitung oder ein Elektrokabel treffen. Gefahr besteht beim Benutzen eines Schnurtelefons oder beim Bedienen von Elektrogeräten.

Ein Novum: Mit Hilfe des Blitzinformationsdienstes der Firma Siemens (BLIDS) kann man Blitzschläge lokal, zeitlich und hinsichtlich ihrer Stromstärke rekonstruieren.

Aus einer Auswertung von 3.239 Blitzunfällen von 1959 bis 1994 aus den USA geht hervor, dass 159 Menschen entweder beim Golf spielen oder auf einem Golfplatz ums Leben kamen. „Blitzunfälle sind auf großen freien Plätzen keine Seltenheit, wie auch der jüngste Unfall aus Dabel zeigt“, sagt der Rostocker Arzt vom Institut für Rechtsmedizin. Er befasst sich seit 1995 intensiv mit diesem Thema. Sein Schlüsselerlebnis war der Unfall eines jungen Mannes, der durch einen Blitzschlag auf einem Sportplatz so schwer verletzt wurde, dass er fünf Tage später in einer Klinik verstarb. Während eines Sportfestes in Rastow bei Ludwigslust war der Mann in einem Zelt stehend verletzt worden, nachdem ein Blitz in eine Pappel eingeschlagen war.

„Bei der Obduktion kam unter intakter Haut flächenhaft verkochte Brustmuskulatur ans Tageslicht“. Rechtsmediziner Zack suchte in den deutschsprachigen Lehrbüchern vergeblich nach Erklärungen, doch solch ein Fall war nirgendwo beschrieben. In der internationalen Literatur stieß er dann auf den so genannten „side splash“. Dabei trifft der Blitz primär ein anderes Objekt, wie zum Beispiel einen Baum und nur ein Teil der Energie überträgt sich auf ein in der Nähe befindliches Opfer. Das unter Umständen mit tödlichen Folgen.

„Die Kenntnis der verschiedenen Übertragungsformen der Blitzenergie auf den Menschen kann bei der Rekonstruktion von Blitzunfällen helfen und bei der Diagnostik oder Therapie Bedeutung erlangen“, sagt Zack. Blitzschläge werden meistens überlebt, können aber eine Vielzahl von Gesundheitsschäden wie zum Beispiel Verbrennungen, Herzrhythmusstörungen, Tinnitus, Hör-, Seh-, Aufmerksamkeits- und Denkstörungen, Depressionen, Ängste oder andere Beeinträchtigungen nach sich ziehen.

Auch deshalb plädiert der Rostocker Blitzexperte leidenschaftlich für das Beachten der 30-30-Regel. Die besagt, dass, wenn zwischen sichtbarem Blitz und hörbarem Donner weniger als 30 Sekunden vergehen, die Gewitterfront bereits die gefährliche 10-Kilometer-Grenze unterschritten hat und die Menschen sich in Sicherheit bringen sollten. Erst 30 Minuten nach dem letzten Blitz oder Donner kann Entwarnung gegeben werden. Das hält Zack besonders auf Sportplätzen für äußerst notwendig. Er hat neun Blitzunfälle auf Fußballplätzen in Deutschland zwischen 1995 und 2008 mit insgesamt 179 Verletzten und einem Todesopfer analysiert und die Ergebnisse dem DFB zur Verfügung gestellt, damit diese bei der Aus- und Weiterbildung von Schiedsrichtern und Übungsleitern Berücksichtigung finden. (Text: Wolfgang Thiel)

Kontakt
Universität Rostock
Institut für Rechtsmedizin
Privatdozent Dr. Fred Zack
Fon: +49 (0)381 494 9907
Mail: fred.zack@uni-rostock.de

Ingrid Rieck | Universität Rostock
Weitere Informationen:
http://www.uni-rostock.de

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