Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Guter Halt auf rutschigem Untergrund

18.12.2013
Kieler Wissenschaftler untersuchen Haftungsmöglichkeiten in Fließgewässern

Es ist ein altbekanntes Problem: Wenn sich auf Steinen und Geröll in Flüssen Algen gebildet haben, werden sie extrem rutschig. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) haben nun herausgefunden, dass dieser Effekt umgekehrt für sehr kleine Tiere gilt.

Der Biofilm, wie der schleimige Film aus Algen, Bakterien und anderem organischen Material auf dem Substrat genannt wird, bietet kleinen Tieren wie Insekten und deren Larven zusätzlichen Halt. Besonders in Fließgewässern wie Bächen und Flüssen ist dies für die Besiedlung glatter strömungsexponierter Habitate durch die Tiere entscheidend.

Die Forschungsergebnisse wurden am Mittwoch, 18. Dezember, im renommierten Wissenschaftsmagazin „Journal of the Royal Society Interface“ veröffentlicht.

In einer Versuchsreihe mit den Larven der Eintagsfliege Epeorus assimils konnte das Forscherteam, bestehend aus dem Biophysiker Alexander Kovalev, den Biologen Stanislav Gorb, Jan Michels, Jochen Koop und Petra Ditsche, dass die Insekten vom Biofilm nicht nur als Futterquelle abhängig sind. Denn wo Menschen und Fahrzeuge extreme Schwierigkeiten mit der Haftung bekommen, kommen die Haftungsmechanismen der Insekten zum Einsatz.
Auf teils sehr glatten Oberflächen von Steinen finden die mit Krallen bewehrten Larven schwerlich Halt, die weiche Schleimschicht des Biofilms ist von ihnen jedoch einfach durchdringbar, so dass die Krallen sich an innerhalb des Biofilms befindlichen, festverwachsenen Organismen verklammern können. Durch die hohe Viskosität des Biofilms wird der Widerstand der Insekten gegen die Strömung weiter gestärkt. „Etwa so, als wenn man seine Füße in Honig hätte“, beschreibt Dr. Petra Ditsche von der Arbeitsgruppe Funktionelle Morphologie und Biomechanik an der CAU das Phänomen.

Die Methode:
Im Labor wurden künstliche Substrate mit verschiedenen Rauheitsgraden hergestellt, die von sehr glatt bis extrem rau reichten. Einen Teil dieser Substrate haben die Forschenden in einer Fließrinne mit Biofilm bewachsen lassen. In den folgenden Versuchen wurden die bewachsenen Substrate mit den jeweils gleichen Substrattypen ohne Biofilmbewuchs verglichen. Zur Bestimmung der Oberflächenstruktur wurden mittels Konfokaler Laser Scanning Mikroskopie (CLSM) die Oberflächen vermessen sowie Rauheitsparameter berechnet.

Indentationsmessungen wurden zur Bestimmung der biophysikalischen Eigenschaften des Biofilms wie Elastizität und Härte vorgenommen.

Die Haltefähigkeiten der lebenden Larven wurden dann in einer künstlichen Fließrinne bei steigenden Geschwindigkeiten untersucht. Dabei wurde die Maximalgeschwindigkeit ermittelt, bis zu der die Larven auf dem spezifischen Substrat verbleiben konnten. Zusätzlich wurden Versuche zur Bestimmung der Haltekräfte der Krallen (Reibung und Verklammerung) durchgeführt. Dazu haben die Forschenden Krallenpräparate an einem speziellen Kraftsensor befestigt und die Krallen in natürlicher Position mit Hilfe eines Mikromanipulators parallel zum jeweiligen Substrat gezogen.

Die Ergebnisse:
Die Untersuchungen zeigen, dass es generell wichtig ist, den Biofilm bei der Haftung in aquatischen Systemen zu berücksichtigen, da er die Substrateigenschaften wesentlich verändert. Im Fall der untersuchten Eintagsfliegenlarven waren die Haftkräfte auf den mit Biofilm überzogenen Substraten auf den meisten Substraten erhöht. Dies war auf allen glatten Substraten sowie auf den Substraten geringer Rauheit der Fall, auf welchen die Krallen schwerlich genug Unregelmäßigkeiten zur Verklammerung finden. Der Biofilm sollte daher generell als Faktor bei der Haftung/Befestigung am Untergrund berücksichtigt werden. Dies gilt nicht nur für sessile Organismen, sondern auch für mobile, also freibewegliche Tiere.

Anwendung finden die Forschungsergebnisse möglicherweise in der Antifouling-Forschung, die den Bewuchs an Schiffsrümpfen und anderen technischen Oberflächen verhindern soll, oder bei der Entwicklung von Unterwasserhaftsystemen für technische Geräte wie Strömungsmesser.

Weiterführende Links:
Arbeitsgruppe Funktionelle Morphologie und Biomechanik am Zoologischen Institut
www.uni-kiel.de/zoologie/gorb/

Journal of the Royal Society Interface:
http://rsif.royalsocietypublishing.org/content/11/92/20130989.abstract?sid=a6abf5c6-cac7-4b8a-a885-248162daec60

Zwei Fotos stehen zum Download bereit:
1. www.uni-kiel.de/download/pm/2013/2013-391-1.jpg
BU: Rasterelektronenmikroskop-Aufnahme der Klaue eines E. assimilis Vorderbeins. Foto/Copyright: Petra Ditsche

2. www.uni-kiel.de/download/pm/2013/2013-391-2.jpg
BU: Unterwasseraufnahme einer E. Assimilis Larve. Foto/Copyright: Petra Ditsche

Kontakt:
Dr. Petra Ditsche
Friday Harbor Laboratories
University of Washington
620 University Road
Friday Harbor, WA, 98250
USA
phone: +1-360-298-2284 (9 Stunden Zeitverschiebung)
E-Mail: pditsche@UW.edu, pditschekuru@zoologie.uni-kiel.de

Prof. Dr. Stanislav Gorb
Funktionelle Morphologie und Biomechanik
Zoologisches Institut
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Am Botanischen Garten 1-9
24118 Kiel
Tel.: 0431/880 4859
E-Mail: sgorb@zoologie.uni-kiel.de

Originalarbeit:
Ditsche P, Michels J, Kovalev A, Koop J, Gorb S. 2014 More than just slippery: the impact of biofilm on the attachment of non-sessile freshwater mayfly larvae. J. R. Soc. Interface 20130989.

Sebastian Maas | Christian-Albrechts-Universität
Weitere Informationen:
http://www.uni-kiel.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues Labor für die Aufbautechnik von ultradünnen Mikrosystemen
21.02.2017 | Hahn-Schickard

nachricht 36 Forschungsprojekte zu Big Data
21.02.2017 | Schweizerischer Nationalfonds SNF

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie