Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Da oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir

10.11.2014

Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne: Am Martinstag erstreckt sich auf vielen Straßen und Plätzen ein wahres Lichtermeer. Zahlreiche Kinder ziehen dann stolz mit ihren Laternen durch Dörfer und Städte. Sonne und Mond kennen wohl die meisten von ihnen – doch Sterne sind heute an vielen Orten kaum mehr zu erkennen.

Die künstliche Beleuchtung erhellt unseren Nachthimmel so stark, dass sie immer mehr verblassen. Wie sehr die sogenannte Lichtverschmutzung den Himmel weltweit beleuchtet, möchten Forscher im Projekt „Verlust der Nacht“ herausfinden. Sie haben sie eine kostenlose Smartphone-App entwickelt, mit der jeder Interessierte zum Lichtforscher werden kann.


Im Zuge der Weiterentwicklung der App berücksichtigten Christopher Kyba und sein Team auch Anregungen und Verbesserungsvorschläge von Bürgerwissenschaftlern.

© Anja Freyhoff


Screenshot der neuen „Verlust der Nacht“-App.

© IGB

Ein Drittel aller Deutschen hat noch nie die Milchstraße gesehen. Der Grund dafür ist einfach: Kann man in einer dunklen Nacht bis zu viertausend Sterne zählen, so sind es in einer hellen Stadt gerade mal eine Hand voll. Tausende Sterne am Firmament zu betrachten, ist ein Erlebnis, dass viele Kinder und Erwachsene kaum noch kennen. – Vor allem den Stadtmenschen wird der Sternenhimmel zunehmend fremd.

„Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen“, befürchtet Dr. Franz Hölker, der am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zu den Folgen der Lichtverschmutzung forscht. In den letzten Jahrzenten hat ein etwa sechsprozentiger Zuwachs an künstlicher Beleuchtung pro Jahr den Nachthimmel weltweit heller werden und immer mehr Sterne verblassen lassen. Neue Lichtkonzepte und Technologien wie zum Beispiel LEDs könnten unsere Nächte wieder dunkler, oder auch noch heller machen. „Das hängt ganz davon ab, wie sie implementiert werden“, sagt Hölker.

Sterne zählen 2.0

Der Blick zu den Sternen lohnt sich trotzdem – und dient ganz nebenbei der Wissenschaft. Forscher des Projekts „Verlust der Nacht“ entwickelten eine kostenlose Smartphone-App, die Groß und Klein zu Lichtforschern werden lässt. „Mithilfe von Referenzsternen ermitteln Bürgerwissenschaftler die Himmelshelligkeit an jedem beliebigen Ort der Erde“, erklärt Dr. Christopher Kyba vom IGB Berlin und vom GFZ Potsdam wie die App funktioniert. Astronomische Vorkenntnisse brauche man dafür nicht. „Wer mitmacht, lernt dabei den Sternenhimmel kennen und bekommt ein Gefühl dafür, wie viele Sterne er an einem dunkleren Ort noch sehen könnte“, verspricht Kyba.

Am 10. November veröffentlichten die Wissenschaftler eine weiterentwickelte Version der App, die nun für iOS-Geräte sowie in vier zusätzlichen Sprachen verfügbar ist. Kyba und sein Team griffen zudem Anregungen von Mitstreitern auf. So werden die Messungen jetzt direkt geprüft und der Nutzer erfährt, wie viele Sterne über ihm am Himmel stehen und wie gut seine Beobachtungen waren. Ein zusätzlicher Clou: Kurz nach der Messung sind die Daten auf der Weltkarte von GLOBE at Night (http://www.globeatnight.org/map/) sichtbar.

Bürgermessungen sind unverzichtbar für die Wissenschaft

Dank der vielen Bürgerwissenschaftler können die Forscher sehen, wie sich der Himmel angesichts sich wandelnder Beleuchtungstechnologien und wachsender Städte verändert. „Die App ist für uns die einzige Möglichkeit, solche Entwicklungen weltweit zu beobachten und besser zu verstehen“, sagt Biologe Franz Hölker. Bislang wurde die nächtliche Helligkeit hauptsächlich mit Hilfe von Satelliten ermittelt. Diese messen aber nur das nach oben abgestrahlte Licht, nicht die Helligkeit, die am Boden von Menschen und anderen Organsimen erlebt wird. „Man könnte dies theoretisch zwar auch mit Modellen erreichen, doch um diese zu testen, sind Vergleichsdaten nötig – und genau solche liefert die App“, erklärt er. Die heutige Satellitentechnologie sei nicht darauf ausgelegt, Lichtemissionen zu verstehen. „So liegt ein großer Teil des Lichts von LED-Straßenlampen beispielweise in einem Spektralbereich, den die meisten Satelliten gar nicht messen.“ LED-beleuchtete Gebiete würden dadurch dunkler erscheinen, als sie wirklich sind.

Mittlerweile kann die App in insgesamt 15 Sprachen kostenlos heruntergeladen werden. „Gerade die Zeit zwischen dem 11. und 24. November eignet sich hervorragend für Messungen“, gibt Christopher Kyba Interessierten als Rat mit auf den Weg. Dann gäbe es kaum Mondlicht, umso mehr Sterne seien sichtbar.

https://play.google.com/store/apps/details?id=com.cosalux.welovestars  (Android)
https://itunes.apple.com/de/app/loss-of-the-night/id928440562  (iOS)

Seit April 2013 wurde die Android-Version der App über 26.000 Mal heruntergeladen. Von der Weiterentwicklung erhoffen sich die Wissenschaftler nun noch mehr begeisterte Sternengucker und somit eine größere Datenmenge.

Gefördert wurde die App vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklungen (FONA)“. Die erste Version der App wurde zusammen mit der Agentur Cosalux entwickelt, die neue App entstand mit der Berliner Firma interactive scape GmbH.

Kontakt:
Dr. Christopher Kyba
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin &
Deutsches GeoForschungsZentrum, Potsdam
Telefon: +49 (0)30 838-71140
E-Mail: christopher.kyba@wew.fu-berlin.de

PD Dr. Franz Hölker
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), Berlin
Telefon: +49 (0)30 64 181 665
E-Mail: hoelker@igb-berlin.de

Zum Projekt „Verlust der Nacht“:
Verlust der Nacht ist das weltweit einzige interdisziplinäre Projekt, in dem Wissenschaftler gemeinsam die ökologischen, gesundheitlichen sowie kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen, aber auch die Ursachen für die zunehmende Beleuchtung der Nacht untersuchen. Koordiniert wird der Forschungsverbund vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Beteiligt sind fünf weitere Leibniz-Institute, ein Helmholtz-Zentrum und zwei Universitäten. Auf Grundlage der Forschungsergebnisse sollen Lösungsansätze für moderne Beleuchtungskonzepte und nachhaltige Techniken entstehen. Finanziert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltige Entwicklungen (FONA)“ und der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung Berlin. Zurzeit wird „Verlust der Nacht“ durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit unterstützt.

Zum IGB:
Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ist das bundesweit größte Forschungszentrum für Binnengewässer. Es gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die vielfach ausgezeichneten Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft.


Weitere Informationen:

http://www.verlustdernacht.de  (Projekt-Website)
https://www.youtube.com/watch?v=_YuYz1f6650  (Dokumentation)
http://lossofthenight.blogspot.com  (Blog)
https://play.google.com/store/apps/details?id=com.cosalux.welovestars  (Android)
https://itunes.apple.com/de/app/loss-of-the-night/id928440562  (iOS)
http://www.igb-berlin.de

Karl-Heinz Karisch | Forschungsverbund Berlin e.V.

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Speiseröhrenkrebs einfacher erkennen
06.03.2017 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

nachricht Neues Labor für die Aufbautechnik von ultradünnen Mikrosystemen
21.02.2017 | Hahn-Schickard

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Latest News

Researchers use light to remotely control curvature of plastics

23.03.2017 | Power and Electrical Engineering

Sea ice extent sinks to record lows at both poles

23.03.2017 | Earth Sciences

Inactivate vaccines faster and more effectively using electron beams

23.03.2017 | Life Sciences