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Einzigartiger Fund

23.10.2007
Archäologen und Mineralogen der WWU Münster arbeiten Hand in Hand bei Ausgrabungen

Seit 2001 untersucht die Forschungsstelle Asia Minor an der WWU Münster unter Leitung von Prof. Dr. Engelbert Winter den Gipfelbereich des Dülük Baba Tepesi, eines in der Südosttürkei nahe der antiken Stadt Doliche gelegenen Berges.

Hier liegen der Ursprung und das Zentrum der Verehrung eines der wichtigsten "orientalischen" Götter im römischen Reich. Dieser Gott von Doliche fand als "Iupiter Dolichenus" Anhänger vor allem in den westlichen Provinzen des römischen Reiches. Trotz einer weitgehenden Zerstörung des römischen Heiligtums geben die laufenden Grabungen einen zunehmend präzisen Überblick über Entwicklung und Gestalt des Kultplatzes und damit auch Hinweise auf die religionsgeschichtlich wichtige Frage nach dem Charakter des Kultes.

Ein zentrales und in dieser Form überraschendes Ergebnis der jüngsten Grabungskampagne ist die weit zurück reichende Kult- und Siedlungskontinuität. Unter den frühen Funden sticht ein in Quantität wie Qualität einzigartiger Komplex von bislang insgesamt 225 überwiegend späteisenzeitlicher Stempel- und Rollsiegeln aus dem achten bis fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung aus verschiedenen Regionen des Nahen Ostens hervor. Zwar entsprechen sie zumeist gut bekannten Typen. Aus gesicherten Grabungskontexten sind solche Siegel in dieser Vielzahl bislang allerdings kaum bekannt.

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Dieser Fundkomplex eignet sich daher hervorragend für Untersuchungen sowohl zum kulturellen Milieu des frühen Heiligtums als auch zur Erforschung späteisenzeitlicher Glyptik an sich.

Eine große Gruppe der Siegel besteht aus Glas oder Quarzkeramik. Um Fragen ihrer Herkunft und Gruppierung besser beantworten zu können, bot sich die Möglichkeit einer naturwissenschaftlichen Untersuchung an - ein Desiderat für entsprechende Funde dieser Zeitstellung und aus dieser Region. Die Förderung durch die Fritz-Thyssen-Stiftung hat solche Untersuchungen nun ermöglicht. Erstmals lassen sich Ergebnisse erzielen, deren Bedeutung weit über die lokale Geschichte hinausreicht.

Von Menschenhand hergestelltes Glas ist für den Mittelmeerraum bereits für das 16. Jahrhundert vor Christus nachgewiesen worden. Die dafür benötigen Rohstoffe waren im Wesentlichen Quarzsand, Kalk sowie Soda, ein natriumhaltiges Mineral. Das Natrium wirkt dabei als eine Art Schmelzmittel, das Kalzium gibt dem Glas Festigkeit. Die daraus hergestellten Gläser werden als Soda-Kalk-Gläser bezeichnet. Vor allem Soda war jedoch ein seltener Rohstoff und musste über große Entfernungen aus trockenen Gebieten wie dem namengebenden Wadi An-Natrun, einem Salzsee im nördlichen Ägypten, importiert werden.

Alternativ bot sich an, statt Kalkstein und Natron einfach die Asche von Salzpflanzen, welche heute noch in großer Zahl im Mittelmeergebiet wachsen, mit Quarzsand zu vermischen. Der hohe Salzgehalt dieser Pflanzen sowie eine ebenfalls ausreichend Menge Kalzium reichten aus, um hochwertige, so genannte Soda-Asche-Gläser herzustellen.

Genaue chemische Analysen solcher Gläser können Aufschluss geben über deren exakte Zusammensetzung und die Art der verwendeten Rohstoffe. Diese wurde jetzt am Institut für Mineralogie der WWU Münster unter Leitung von Dr. Jasper Berndt-Gerdes an 87 der Siegel vom Dülük Baba Tepesi durchgeführt. Zu diesem Zweck wurden millimetergroße Stücke präpariert und mit der Elektronenstrahlmikrosonde untersucht. Bei dieser Methode wird das Glas im Vakuum mit Elektronen beschossen. Die Elemente, aus denen das Glas besteht, senden dadurch charakteristische Röntgenstrahlung aus, welche gemessen werden kann. Durch dieses Verfahren kann die Zusammensetzung sehr genau ermittelt werden. Es zeigte sich, dass der überwiegende Teil der Siegelstempel aus Soda-Kalk-Gläsern besteht.

Jedoch konnten auch Soda-Asche-Gläser nachgewiesen werden. Es sind also verschiedene Herstellungsverfahren zur Anwendung gekommen. Auch eine Reihe färbender Substanzen konnte bestimmt werden.

Anhand der präzise bestimmten chemischen Merkmale der Glassiegel vom Dülük Baba Tepesi ergeben sich aber nicht nur Hinweise auf die Herkunft der Siegel und eine mögliche lokale Produktion oder auf Herstellungstechniken. Vor allem lassen sich Gruppen bilden, die mit denjenigen abgeglichen werden können, die aufgrund archäologischer Merkmale definiert worden sind. Auf diese Weise lassen sich nunmehr Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen Material, Form, Bild und dem kulturellen Hintergrund dieser Fundgruppe ziehen. Erstmals bietet sich somit die Möglichkeit, Siegel dieser Art geographisch, chronologisch und kulturhistorisch einzuordnen und damit Ergebnisse zu erzielen, deren Bedeutung weit über die lokale Geschichte des Dülük Baba Tepesi hinausreicht.

| Uni Münster
Weitere Informationen:
http://www.asiaminor.de/
http://www.uni-muenster.de

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