Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Biologie der Ästhetik auf der Spur

16.10.2007
Interfakultatives Projekt der Universität Jena erforscht die Regeln des Schönen

Wenn sich ein Mediziner und ein Informatiker zusammenfinden, um gemeinsam dem Wesen ästhetischen Empfindens der Menschen auf die Spur zu kommen, verspricht das spannend zu werden. Genau diesem Thema widmet sich ein interfakultatives Forscherteam der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Bereits seit Jahren beschäftigt den Neurobiologen Prof. Dr. Dr. Christoph Redies, Direktor des Instituts für Anatomie I und passionierter abstrakter Maler, die Frage, ob es allgemeingültige Regeln gibt, mit denen es möglich ist, Schönes von weniger Schönem zu unterscheiden. In Prof. Dr. Joachim Denzler, dem Lehrstuhlinhaber für Digitale Bildverarbeitung, fand er vor zwei Jahren den kongenialen Partner. Gemeinsam forschen sie seither nach physikalisch messbaren Merkmalen der ästhetischen Wahrnehmung. Jetzt startet ein neues gemeinsames Forschungsprojekt, das die langjährige Forschung weiter voranbringen soll.

"Kunstbilder besitzen ein statisches Merkmal, das man auch in Bildern der Natur findet", bringt Prof. Redies das Hauptergebnis ihrer bisherigen Untersuchungen auf den Punkt. "Hinter diesem als Skalierungsinvarianz bezeichneten Phänomen verbirgt sich die Tatsache, dass die Frequenzen, also die Anteile hoher und niedriger räumlicher Schwingungen, in etwa gleich bleiben, wenn man in ein Bild hinein- beziehungsweise hinauszoomt", ergänzt Prof. Denzler. Dieses Prinzip sei jedem Menschen vertraut, der beispielsweise ein Gebirge, eine Wolkenformation oder die Verästelungen eines kahlen Baumes betrachte. Wenn man näher herangehe, kämen immer wieder Strukturen mit ähnlichen statistischen Eigenschaften zum Vorschein, so dass die räumlichen Frequenzen für die Wahrnehmung ungefähr konstant blieben, machen die Jenaer Wissenschaftler deutlich.

... mehr zu:
»Bildverarbeitung »Biologie

Strukturen, die sich wiederholen, aber nie genau gleichen

Bereits 1999 habe der amerikanische Forscher Richard Taylor entdeckt, dass der Künstler Jackson Pollock (1912-1956) - allerdings unbewusst - abstrakte "Klecks-Bilder" mit ebendiesen Eigenschaften malte, sagt Redies. Er und Denzler fanden nun heraus, dass nicht nur Pollocks Bilder Strukturen aufweisen, die sich wiederholen, aber nie genau gleichen (Fraktalität), sondern auch Hunderte von Bildern aus verschiedenen Epochen westlicher Kulturen, die sie untersuchten. "Diese Beobachtung lässt sich möglicherweise damit erklären, dass das Sehsystem des Menschen im Laufe der Evolution derart optimiert wurde, dass es Eindrücke von komplexen natürlichen Szenen besonders effizient verarbeiten kann", vermutet das Jenaer Forscherteam. Diese Anpassung - so ihre Hypothese - könnte einer der Gründe sein, warum Menschen das Betrachten der Natur als angenehm und schön empfinden. Eine ähnliche ästhetische Wirkung würden Künstler mit ihren Bildern erzielen. Den Grund dafür, dass Menschen sowohl natürliche Szenen als auch Kunstbilder als schön empfinden können, vermuten die Wissenschaftler in eben jener Optimierung des Sehsystems.

Die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlichen Prof. Redies und Prof. Denzler jetzt in drei internationalen Publikationen. Besondere Anerkennung erfährt sie zudem durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die das ungewöhnliche Forschungsprojekt in den nächsten zwei Jahren mit rund 170.000 Euro fördert. "In dieser Zeit wollen wir versuchen, die Bildmerkmale von natürlichen Szenen und Kunstbildern näher zu charakterisieren", steckt der Gehirnforscher Redies das Ziel ab. Dazu wird es auch Versuche geben, in denen Menschen beurteilen, ob sie das Original oder ein gezielt verändertes Abbild als schöner empfinden. "Daraus wollen wir Modelle entwickeln, die unsere Hypothese entweder bestätigen, vielleicht aber auch widerlegen", ergänzt der Informatiker Denzler. Wenn es gelinge, mathematisch fassbare Merkmale für ästhetisch wirkende Bilder zu finden und diese mit der biologischen Informationsverarbeitung im Gehirn in Zusammenhang zu bringen, "wäre das nicht nur eine Fußnote in der Wissenschaftsgeschichte, sondern würde uns in die Lage versetzen, die biologischen Grundlagen des menschlichen Schönheitsempfindens genau zu analysieren", sind sich die Jenaer Forscher sicher.

Der Werbeindustrie eine neue Dimension eröffnen

Auf eine gezielte Anwendung sind die Grundlagenforschungen der Jenaer Wissenschaftler naturgemäß nicht ausgerichtet. Sollten sich ihre Annahmen jedoch bestätigen, könnte das beispielsweise der Werbeindustrie ganz neue Dimensionen eröffnen. "Auf der Basis der von uns entwickelten Modelle könnte man herausfinden, was Menschen anspricht und entsprechend gezielt Werbeprospekte entwickeln", wagt Prof. Denzler einen Blick in die Zukunft.

Kontakt:
Prof. Dr. Dr. Christoph Redies
Institut für Anatomie I
Medizinische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Teichgraben 7, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 938511
E-Mail: redies[at]mti.uni-jena.de
Prof. Dr. Joachim Denzler
Lehrstuhl für Digitale Bildverarbeitung
Fakultät für Mathematik und Informatik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Ernst-Abbe-Platz 2, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 946420
E-Mail: denzler[at]informatik.uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.anatomie1.uniklinikum-jena.de
http://www.inf-cv.uni-jena.de/
http://www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Bildverarbeitung Biologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht ROBOLAB generiert neue Forschungsansätze und Kooperationen
08.05.2017 | Hochschule Mainz

nachricht Wie Coronaviren Zellen umprogrammieren
28.04.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Methode für die Datenübertragung mit Licht

Der steigende Bedarf an schneller, leistungsfähiger Datenübertragung erfordert die Entwicklung neuer Verfahren zur verlustarmen und störungsfreien Übermittlung von optischen Informationssignalen. Wissenschaftler der Universität Johannesburg, des Instituts für Angewandte Optik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) präsentieren im Fachblatt „Journal of Optics“ eine neue Möglichkeit, glasfaserbasierte und kabellose optische Datenübertragung effizient miteinander zu verbinden.

Dank des Internets können wir in Sekundenbruchteilen mit Menschen rund um den Globus in Kontakt treten. Damit die Kommunikation reibungslos funktioniert,...

Im Focus: Strathclyde-led research develops world's highest gain high-power laser amplifier

The world's highest gain high power laser amplifier - by many orders of magnitude - has been developed in research led at the University of Strathclyde.

The researchers demonstrated the feasibility of using plasma to amplify short laser pulses of picojoule-level energy up to 100 millijoules, which is a 'gain'...

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebensdauer alternder Brücken - prüfen und vorausschauen

29.05.2017 | Veranstaltungen

49. eucen-Konferenz zum Thema Lebenslanges Lernen an Universitäten

29.05.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz an der Schnittstelle von Literatur, Kultur und Wirtschaft

29.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligente Sensoren mit System

29.05.2017 | Messenachrichten

Geckos kommunizieren überraschend flexibel

29.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

1,5 Millionen Euro für vier neue „Innovative Training Networks” an der Universität Hamburg

29.05.2017 | Förderungen Preise