Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auf dem Weg zur Macht: Forscher untersuchen feierliche Rituale und alltägliche Umgangsformen

19.09.2007
Ob Bischofsweihe oder Kaiserkrönung - symbolische Akte begleiten den Weg zur Macht. Den Einfluss symbolischer Kommunikation auf die Gesellschaft untersuchen an der Universität Münster die Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs (SFB) 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution".

Das Augenmerk der insgesamt 16 Teilprojekte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden, richtet sich dabei auf das vormoderne Europa. 2008 wird eine Ausstellung in Magdeburg Einblicke in die Arbeit des münsterschen SFB geben.

Die Geltungskraft von Machtstrukturen, Werten und Normen einer Gesellschaft beruht darauf, dass die Symbole, durch die sie repräsentiert werden, gesellschaftlich akzeptiert werden, so die Annahme der Forscher. Symbolische Kommunikation umfasst nicht nur feierliche Rituale wie Kaiserkrönungen und Bischofsweihen, sondern auch alltägliche Umgangsformen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in Werken der Kunst und Literatur wider, die von den Wissenschaftlern analysiert werden. Wie haben sich die Formen und Wirkungsweisen symbolischer Kommunikation vom frühen Mittelalter bis zum Anbruch der Moderne verändert, und wie haben die Zeitgenossen dies reflektiert? Die SFB-Forscher wollen durch ihre Arbeit nicht nur zum Verständnis historischer Gesellschaften beitragen, sondern auch das Bewusstsein für die symbolische Kommunikation der Gegenwart schärfen.

"Im Theater kommen die Wertevorstellungen einer Zeit zur Sprache", beschreibt Prof. Dr. Heinz Meyer einen Ort, an dem Symbolik eine wichtige Rolle spielt. Gemeinsam mit Prof. Dr. Christel Meier-Staubach leitet er ein Teilprojekt, das sich mit der symbolischen Kommunikation im europäischen Theater des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit beschäftigt. Die Forscher analysieren die Wertevorstellungen, die in Form symbolischer Darstellung auf die Bühne gebracht wurden, beispielsweise durch die Metaphern der Texte, die Bühnenausstattung oder die Spielfiguren selbst. "Im Theater stand die Moral im Vordergrund; ideale oder verwerfliche menschliche Eigenschaften wurden den gesellschaftlichen Normen entsprechend dargestellt", so Prof. Meyer. Auch Kontroversen spiegelten sich wider, etwa in protestantischen Aufführungen, die gegen das Papsttum polemisierten.

... mehr zu:
»Mittelalter »Neuzeit »Ritual »Umgangsform
Symbolische Kommunikation findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch in der Kirche. Im Gottesdienst spielt sie eine zentrale Rolle. Die Mess-Liturgie im Mittelalter ist daher Forschungsgegenstand eines kirchengeschichtlichen Teilprojekts. "Wir konzentrieren uns auf das Opfer der Messe", beschreibt Projektleiter Prof. Dr. Arnold Angenendt. In Darstellung und Praxis der mittelalterlichen Messliturgie gewinnen die Sachopfer Bedeutung in einer Dimension, die für uns heute kaum vorstellbar ist. "Die Bezeichnung Messe für große Verkaufsausstellungen rührt von den mittelalterlichen Gepflogenheiten her, nach denen die geopferten Gaben anschließend auf dem Markt für wohltätige Zwecke verkauft wurden", so Prof.

Angenendt.

Einen eigenen "Mikrokosmos", in dem die Konflikte zwischen Bevölkerung und Kirche auf engem Raum ausgetragen und kommuniziert wurden, bildeten die ländlichen Kirchhöfe Westfalens, die einerseits heilige Stätte waren, andererseits Ort des profanen Lebens: Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Kirchhöfe nicht nur letzte Ruhestätte für die Toten, sondern sie dienten auch den Armen des Dorfes als Wohnraum, waren Marktplatz und Viehstall. "Im Zuge der Gegenreformation nach der Glaubensspaltung haben sich das religiöse und das profane Leben auf den Kirchhöfen verändert", beschreibt Prof. Dr. Werner Freitag, dessen Arbeitsgruppe exemplarisch die symbolische Kommunikation innerhalb der Kirchhöfe im Oberstift Münster des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit untersucht.

Bei Ritualen wie Beerdigungen oder Andachten bestand die katholische Kirche auf einer strengeren Einhaltung der liturgischen Vorgaben aus Rom. "Die Bedürfnisse der Lebenden störten die Totenruhe und kollidierten mit den Interessen der Kirche - ein riesiges Konfliktpotential, das 200 Jahre lang das Leben innerhalb der Kirchhöfe beeinflusste", so Prof. Freitag.

Sind Rituale überflüssige Spektakel? Der SFB 496 und das Kulturhistorische Museum Magdeburg präsentieren ab September 2008 eine gemeinsame Ausstellung ("Spektakel der Macht - Rituale im alten Europa 800-1800"), die die Bedeutung von Ritualen unter historischen Gesichtspunkten beleuchtet.

Ausstellungsbesucher werden im Vergleich mit den Epochen des Mittelalters und der frühen Neuzeit erfahren, was Rituale sind und was sie bewirken. Sie erhalten einen Einblick in die vielfältige Forschung der münsterschen Wissenschaftler und lernen dabei auch "verkehrte Rituale" kennen - Parodierungen, die Machtansprüche hinterfragen oder umgekehrt ablaufende Rituale. Ein Beispiel: Während Bischöfe und Päpste bei Amtsantritt feierlich angekleidet wurden, besiegelte ihre Entkleidung die Absetzung.

Zur wissenschaftlichen Vorbereitung der Ausstellung trägt eine vom SFB 496 ausgerichtete Tagung ("Die Bildlichkeit symbolischer Akte") bei, die vom 10. bis zum 12. August in Münster stattfindet.

| Uni Münster
Weitere Informationen:
http://www.spektakeldermacht.de/
http://www.uni-muenster.de

Weitere Berichte zu: Mittelalter Neuzeit Ritual Umgangsform

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Blick unter den Gletscher
12.06.2017 | Universität Bern

nachricht ROBOLAB generiert neue Forschungsansätze und Kooperationen
08.05.2017 | Hochschule Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie