Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Euro - ein Experiment zu seiner Wertschätzung

08.04.2002


Gießener Psychologen untersuchen die Einstellung von Studierenden zum Euro

Die Einführung des Euro hat sowohl zahlreiche Hoffnungen als auch Befürchtungen ausgelöst. Offiziell wurde der Euro in den meisten EU-Staaten schon zum 1. Januar1999 eingeführt. Dies äußerte sich jedoch für die Mehrheit der Bevölkerung lediglich im Wegfall der Wechselkursschwankungen zwischen den am Euro teilnehmenden Währungen. Die Einführung neuer Geldnoten und -münzen erfolgte dann am 1. Januar diesen Jahres. Zu diesem Zeitpunkt musste tatsächlich von den alt vertrauten Zahlungsmitteln Abschied genommen werden.

Obwohl dieser Wechsel mit einer Verbesserung der ökonomischen Rahmenbedingungen in der EU begründet wurde, gab es Anzeichen dafür, dass viele Vorbehalte gegen den Euro bestanden. Öffentliches Aufsehen erzielte in Deutschland 1998 die Ablehnung der von Manfred Brunner, dem Vorsitzenden des "Bundes Freier Bürger", beim Bundesverfassungsgericht eingereichten sogenannten "Euro-Klage". Nach Einführung auf den Kapitalmärkten verlor der Euro gegenüber anderen Währungen, insbesondere dem US-Dollar, gut zwei Jahre lang - von kleineren Aufwärtsbewegungen abgesehen - ständig an Wert. Obwohl dieser Kursverfall für den EU-Raum auch positive Aspekte hatte, leistete er einem negativen Image des Euro Vorschub, das sich u. a. in diversen Euro-skeptischen populärwirtschaftswissenschaftlichen Publikationen niederschlug.

Unabhängig davon, ob die Vorbehalte gegen den Euro nun rational begründet waren oder nicht: Mangelndes Vertrauen ist eine denkbar schlechte Startbedingung für die neue Währung. Zur Einführung des Euro gab es zahlreiche Umfragen, in allen wurde jedoch die Einstellung zum Euro direkt verbal erfragt. Die Antwort der Befragten erfolgte reaktiv: Sie wussten, dass sie Auskunft über ihre Einstellung zum Euro gaben. Dies konnte aber zur Folge haben, dass die Befragten ihre Antworten im Hinblick auf verschiedene Faktoren überdachten. Hierbei könnte es sich zum Beispiel um "soziale Erwünschtheit" (’man muss für Europa sein’) oder um "Zweckoptimismus" (’Einführung des Euro als unwiderrufbare Entscheidung, mit der man sich arrangieren muss’) handeln, durch die die Antworten beeinflusst wurden.

Im Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen haben deshalb Dr. Günter Molz und zwei Studierende im Projekt "Der Euro - ein soziales Akzentuierungsexperiment" versucht, non-reaktiv die Einstellung zum Euro ohne Beeinflussung durch Faktoren wie "soziale Erwünschtheit" zu erfragen. Dabei wollten sich die Organisatoren der Untersuchung das sozialpsychologische Phänomen der sozialen Akzentuierung nutzbar machen. Soziale Akzentuierung führt u. a. dazu, dass wertbehaftete Objekte, wie beispielsweise Münzen, größer eingeschätzt werden als gleich große nicht-wertbehaftete Objekte (z. B. Pappscheiben).

Im Juli letzten Jahres wurde mit 32 Studierenden ein kontrolliertes Experiment durchgeführt: Auf Computer-Bildschirmen wurden ihnen Euro-/Cent-Münzen und DM-/Pfennig-Münzen gezeigt. Beide Münzsorten wurden hierbei jeweils in gleicher Größe präsentiert. Die Aufgabe der Versuchspersonen bestand dann darin, den Durchmesser der Münzen in Millimetern zu nennen. Es stellte sich heraus, dass die Euro-Münzen insgesamt kleiner als die DM-Münzen eingeschätzt wurden. Dies wurde als Anzeichen für eine geringere Wertschätzung des Euro im Vergleich zur DM interpretiert. Es war naheliegend, dieses Experiment dann nach der Einführung des Euro-Bargeldes zu wiederholen. Dies geschah Ende Januar diesen Jahres. An dem Experiment nahmen wiederum 32 Studierende teil. Hierbei handelte es sich nicht um die selben Personen, um so "Erinnerungseffekte" an das erste Experiment auszuschließen. Die Ergebnisse diesmal waren anders als im Juli 2001: Abgesehen von der Ein- Euro- bzw. Ein- DM-Münze wurden die in gleicher Größe präsentierten Münzen auch gleich groß eingeschätzt. Die Vorbehalte, die sich im Juli in der Unterschätzung der Größe der Euro-Münzen gezeigt hatten, schienen also einen Monat nach der Einführung der Münzen nicht mehr oder zumindest in geringerem Maße zu bestehen.

An dem Projekt beteiligt waren die Studierenden Andreas Hopf, der vor allem die Programmierung des Versuchsablaufs besorgte, und Laura Nonnenmacher, die im Rahmen dieser Untersuchung ihre Semesterarbeit erstellte. Ausführlicher veröffentlicht sind die Studien in: Molz, G. & Hopf, A. (2002). The Euro - A Social Accentuation Experiment. Economic Sociology, 3(2), 26-31.

Kontaktadresse:

Dr. Günter Molz
Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft


Otto-Behaghel-Str. 10F
35394 Gießen
Tel.: 0641/99-26122 und 99-26121 (Sekretariat)

Fax: 0641/ 99-26139
E-Mail: guenter.molz@psychol.uni-giessen.de

Christel Lauterbach | idw
Weitere Informationen:
http://www.siswo.uva.nl/ES/esfeb02.pdf

Weitere Berichte zu: Akzentuierung Münze Psychologie Wertschätzung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Placebo-Effekt hilft nach Herzoperationen
11.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

nachricht Innovation: Optische Technologien verändern die Welt
01.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie