Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wo die Erinnerungen zu Hause sind...

21.11.2006
Das "Ich" im Wandel der Jahre: Sozialpsychologen und Neurowissenschaftler legen Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojekts vor über die besonderen Leistungen des menschlichen Gedächtnisses

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kuss? Oder wie Sie das Abitur bestanden haben? "Ja klar!", werden Sie vermutlich antworten und vor allem auch daran denken, wie Sie sich damals gefühlt haben, ob es schön oder schrecklich, lustig oder traurig war. Anders als unser sachliches Wissen über die Welt verbinden sich unsere persönlichen Erinnerungen immer auch mit Stimmungen und Emotionen.

Wir merken uns nicht, in welcher Situation wir gelernt haben, dass Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, aber unsere erste Reise nach Paris als Frischverliebte wird uns als romantisches Erlebnis noch sehr präsent sein - im so genannten autobiografischen Gedächtnis.

Unsere Biografie wird uns nicht in die Wiege gelegt. Sie entsteht erst im Laufe der Jahre - ebenso wie das autobiografische Gedächtnis. Ein wesentlicher Teil der Entwicklung des menschlichen Gehirns, wie etwa Wachstum und Reifung der neuronalen Netze, erfolgt erst nach der Geburt und unterliegt somit sozialen und kulturellen Einflüssen. Daher ist das autobiografische Gedächtnis ein ideales Forschungsfeld für Zusammenhänge zwischen neuronaler Entwicklung und sozial-kultureller Prägung. Ein interdisziplinär aufgestelltes Team um den Sozialpsychologen Professor Dr. Harald Welzer vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen im Wissenschaftszentrum NRW und den Neurowissenschaftler Professor Dr. Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld stellte dementsprechend den sich erinnernden Menschen ins Zentrum seiner Forschung. Die Wissenschaftler des Projekts "Erinnerung und Gedächtnis" - es wurde von der VolkswagenStiftung über einen Zeitraum von fünf Jahren mit 680.000 Euro gefördert - haben jetzt ihre Ergebnisse vorgelegt.

... mehr zu:
»Erlebnis »Gedächtnis

Wie funktioniert das autobiografische Gedächtnis? Wie stark ist es durch soziale Einflüsse geprägt, und wie verändert es sich im Laufe der Jahre? Diesen Fragen gingen die Wissenschaftler in mehreren Teilstudien mit Personen unterschiedlichen Alters nach. Sie kombinierten dabei verschiedene Erhebungsmethoden: Mit freien Interviews und standardisierten Gedächtnistests spürten sie den sozialen und kulturellen Dimensionen nach; bildgebende Verfahren dokumentierten, welche Hirnregionen aktiviert werden. Dies ermöglichte es, sowohl die subjektive Bedeutung als auch die neuronalen Entsprechungen zentraler Lebenserinnerungen in ihrer zeitlichen Entwicklung zu untersuchen.

"Das autobiografische Gedächtnis erlaubt es dem Menschen, Zeitreisen in die eigene Vergangenheit zu machen", erklärt Harald Welzer. "Es gibt jedem das Gefühl, eine relativ einheitliche und kontinuierliche Persönlichkeit zu sein." Beim Abruf solch persönlicher Erinnerungen werden dabei andere Hirnregionen aktiviert als beim Abruf von Faktenwissen - so viel wurde vermutet. Was nun haben die Untersuchungen ergeben? Kurz gefasst: Das autobiografische Gedächtnis arbeitet je nach Lebensalter verschieden. Kleinkinder erinnern anders als Teenager, Oma und Opa anders als Erwachsene im mittleren Alter.

Die Tests an jungen Erwachsenen im Alter von 20 und 21 Jahren zeigten, wie sich Erinnerungen aus bestimmten Zeitphasen im Gehirn darstellen. Während die Testpersonen im Kernspintomographen lagen, wurden ihnen ihre persönlichen Erlebnisse vom Tonband vorgespielt, die sie in einem Interview erzählt hatten: aus dem Kindergartenalter, der Grundschulzeit, der Pubertät und der jüngsten Vergangenheit. Ergebnis: "Zum einen fanden sich Indizien dafür, dass das autobiografische Gedächtnis erst nach den ersten drei Lebensjahren entsteht - davor fallen alle Erlebnisse der so genannten kindlichen Amnesie zum Opfer", erläutert Harald Welzer. Erinnerungen des bis dato letzten Lebensjahres bilden sich darüber hinaus - im Gegensatz zu frühen Erinnerungen aus dem Lebensalter von drei bis sechs Jahren - neuronal in einer bestimmten Region in der Mitte des Stirnhirns ab; erst nach dem sechsten Lebensjahr findet das autobiografische Gedächtnis offenbar zu einer stabilen Verarbeitungsform. Dieser Bereich des Kortex wird darüber hinaus beim Abruf von Fakten nicht aktiviert, scheint also spezifisch die eigene Biografie zu verankern. Die beiden Projektleiter messen diesem Befund hohe Bedeutung bei, da in der Forschung gegenwärtig noch Unklarheit über die neuroanatomische Identifizierung des autobiografischen Gedächtnisses besteht.

Die Untersuchungen mit 16-Jährigen machten zudem deutlich: In der Pubertät gleichen sich während des Erinnerns die Aktivierungsintensitäten des autobiografischen und des semantischen, für Sachwissen zuständigen Gedächtnisses. Das ist bemerkenswert, waren doch ichbezogenes und sachliches Wissen bei den jungen Erwachsenen Anfang 20 klar voneinander getrennt. Die Forscher erklären sich dieses Ergebnis dadurch, dass für die Jugendlichen die Wissensaneignung und die Ausbildung der Identität Hand in Hand gehen - der Aktivitätsunterschied zwischen den beiden Gedächtnissystemen verringert sich folglich. Die spezifische Speicherung der Erinnerungen im mittleren Stirnhirn scheint somit erst im jungen Erwachsenenalter voll entwickelt zu sein.

Ein weiteres Phänomen der altersspezifischen Gedächtnisverarbeitung hat mit der unterschiedlichen Erinnerungsdichte je nach Lebensphase zu tun: "Bei über 60-Jährigen zeigt sich, dass die Erlebnisse aus der Zeit des jungen Erwachsenenalters auf Hirnebene am stärksten Netzwerke aktivieren. Denkt man an die vergangenen zwei Jahre, so löst dies hingegen kaum Aktivität aus; gleiches gilt für die frühe Jugend und Kindheit", fasst Markowitsch zusammen. Die Erinnerungen an die wichtige Zeit des Einstiegs ins Erwachsenenalter nehmen einen besonderen Stellenwert ein. Sie türmen sich zu so genannten Erinnerungsbergen, auch Reminiscence Bumps genannt. In diesem Alter tun Menschen vieles zum ersten Mal: Sie verlieben sich, ergreifen einen Beruf, ziehen zu Hause aus, heiraten ?Die Gefühle sind dabei als Gedächtnisverstärker aktiv. "Sie filtern, bewerten und heben hervor, was erinnert werden soll."

Noch eine zweite Tendenz ließ sich beobachten: Je weiter die Erinnerung in der Vergangenheit liegt, desto mehr distanziert man sich von ihr auf der emotionalen Ebene. "Erinnerungen verändern sich mit jedem Abruf", erklärt Markowitsch. Sie werden auf diese Weise auch resistenter gegenüber Veränderungen und Reflexionen. "Der ältere Mensch behandelt sie wie Faktenwissen und nicht mehr so sehr wie ein persönliches Erlebnis", ergänzt Welzer. "Neurobiologisch gibt es demnach eine Erklärung dafür, warum Zeitzeugen eine Sicht auf die selbst erlebte Geschichte haben, die den historischen Fakten nicht unbedingt entspricht."

Wie wir unsere Lebensgeschichte erzählen und bestimmte Ereignisse bewerten, verändert sich folglich im Laufe des Lebens durch ein Wechselspiel biologischer und sozialer Einflussfaktoren. Auch auf neuronaler Ebene spiegeln sich diese Verschiebungen wider. Ein von Welzer und Markowitsch entwickeltes interdisziplinäres, so genanntes bio-psychosoziales Modell des autobiografischen Gedächtnisses soll die Forschungsresultate bündeln: Es bildet sowohl die Prozesse der Gehirnreifung als auch die entstehenden Fähigkeiten des Erinnerns sowie altersspezifisch mögliche Wechselwirkungen ab.

Eine Frage jedoch haben die beiden Forscher bei ihrer Zusammenarbeit bewusst ausgeklammert, weil sie zwischen Sozialwissenschaftlern und Hirnforschern immer wieder zu Streit führt: Sind die neuronalen Aktivitäten Spiegel oder Ursache psychischer Erlebnisse? "Unsere Grundregel Nummer eins war: Nie über Grundsätzliches sprechen", erklären beide Projektleiter einhellig. So konzentrierte sich die Gruppe stattdessen pragmatisch darauf, empirische Bezüge zwischen Hirn und Psyche auszuloten, und konnte auf diese Weise eine ganze Reihe neuer Einsichten gewinnen.

Literatur:
Markowitsch, Hans J. & Welzer, Harald:
Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung.

Stuttgart: Klett-Cotta, 2005, 302 Seiten, ISBN: 3608944060

Welzer, Harald & Markowitsch, Hans J (Hg.).:
Warum Menschen sich erinnern können. Fortschritte der interdisziplinären Gedächtnisforschung.

Stuttgart: Klett-Cotta, 2006, 348 Seiten, ISBN: 3608944222

Kontakt
VolkswagenStiftung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Christian Jung
Telefon: 0511 8381 380
E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de
Kontakt Projekt
Wissenschaftszentrum NRW
Kulturwissenschaftliches Institut Essen
Prof. Dr. Harald Welzer
Telefon: 02 01/72 04 211
E-Mail: harald.welzer@kwi-nrw.de
Prof. Dr. Hans J. Markowitsch
Tel.: 04 221/91 60 213
E-mail: hjmarkowitsch@uni-bielefeld.de

Dr. Christian Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.volkswagenstiftung.de
http://www.volkswagenstiftung.de/service/presse.html?datum=20061121

Weitere Berichte zu: Erlebnis Gedächtnis

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues interdisziplinäres Zentrum für Physik und Medizin in Erlangen
25.07.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

nachricht Entzündungshemmende Birkeninhaltsstoffe nachhaltig nutzen
03.07.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Robuste Computer für's Auto

26.07.2017 | Seminare Workshops

Läuft wie am Schnürchen!

26.07.2017 | Seminare Workshops

Leicht ist manchmal ganz schön schwer!

26.07.2017 | Seminare Workshops