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Berliner Zuwanderer unterstützen Demokratie

15.01.2002


Zuwanderer in Berlin unterstützen demokratische Werte
Umfrage zeigt, dass weder Parallelgesellschaft noch Kulturkampf zu befürchten sind

Zuwanderer in Berlin zeigen eine ähnliche oder sogar größere Unterstützung für demokratische Werte, als dies bei den deutschen Berlinern der Fall ist. Eine im November 2001 durchgeführte repräsentative Umfrage des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) erweist, dass sie sich meistens stärker mit der Stadt Berlin verbunden fühlen als mit ihrem Herkunftsland. Ihre politischen Aktivitäten und Vereinsmitgliedschaften richten sich öfter auf Deutschland und Berlin als auf die eigene Gruppe oder das Herkunftsland. Die meisten Zuwanderer wie auch die Deutschen sehen das Zusammenleben verschiedener Kulturen durch die Ereignisse des 11. September nicht ernsthaft gefährdet.

Gerade nach den Anschlägen des 11. September stehen die politischen Risiken von Zuwanderung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zuwanderung könne zur Herausbildung von ethnischen Parallelgesellschaften führen, deren Wertvorstellungen und politische Aktivitäten unter Umständen in Konflikt zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung stünden. Die Umfrage, die im November 2001 unter Leitung von Ruud Koopmans vom WZB in Zusammenarbeit mit der Universität Amsterdam und dem Zentrum für Türkeistudien unter drei Zuwanderergruppierungen (Türken, Italiener und Russischstämmige) sowie einer deutschen Vergleichsgruppe mit insgesamt 1.500 Befragten in Berlin durchgeführt wurde, zeigt, dass solche Befürchtungen für die Bundeshauptstadt unbegründet sind.

Die Unterstützung demokratischer Grundwerte ist bei Zuwanderern manchmal größer als bei Deutschen und entspricht keineswegs den Stereotypen, die in der Öffentlichkeit vorherrschen. So treten die Türken mit Abstand am entschiedensten für eine Trennung von Religion und Politik ein, auch die Demonstrationsfreiheit wird von allen Zuwanderergruppen stärker unterstützt als von den Deutschen. Lediglich bei der Gleichbehandlung von Männern und Frauen weicht eine Zuwanderergruppe deutlich im negativen Sinne von den anderen Gruppen ab. Allerdings sind dies nicht die Türken, wie man vielleicht hätte erwarten können, sondern die russischstämmigen Zuwanderer.

Die Studie zeigt weiter, dass alle drei Zuwanderergruppen sich stärker mit der Stadt Berlin verbunden fühlen als mit ihrem Herkunftsland oder Deutschland. Andere Studien, wie eine kürzlich von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichte, legen den Schluss nahe, dass eine solche starke Identifikation nur in den wenigsten deutschen Städten und Bundesländern zu finden ist. Hätten alle Berliner das Wahlrecht, würden fast ebenso viele Türken und Italiener bei Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus ihre Stimme abgeben wie Deutsche. Lediglich die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion sind etwas zurückhaltender, obwohl die Aussiedler unter ihnen als einzige untersuchte Gruppe mehrheitlich über die deutsche Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht verfügen. Auch das Wahlverhalten unterscheidet sich zwischen den Gruppen. Während Türken überwiegend SPD wählen würden, wählen deutschstämmige Aussiedler CDU.

Auch bei sonstigen politischen Aktivitäten (wie Geldspenden, Unterschriftenaktionen oder Demonstrationen) sowie Vereinsmitgliedschaften sind alle drei Zuwanderergruppen stärker auf die deutsche bzw. Berliner Politik und Gesellschaft ausgerichtet als auf ihr Herkunftsland und die eigene ethnische Gruppe. Auf die eigene Gruppe oder das Herkunftsland gerichtete Aktivitäten spielen am ehesten bei den Türken eine Rolle. Für die Türken wie für die anderen Gruppen gilt aber, dass politische und soziale Integration in der eigenen ethnischen Gruppe und in der Berliner Gesellschaft nicht in einem Spannungsverhältnis stehen. Im Gegenteil: diejenigen, die in ethnischen Vereinen aktiv sind, sind es auch häufiger in deutschen Vereinen, und politische Aktivitäten in Bezug auf das Herkunftsland gehen meistens mit einer stärkeren Beschäftigung mit der deutschen und Berliner Politik einher.

Die Zukunft des Zusammenlebens sehen die meisten Zuwanderer wie auch die Deutschen relativ gelassen. Gefragt nach den Folgen der Ereignisse des 11. September für das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen erwarten die meisten keine Veränderung oder höchstens eine geringe Verschlechterung. Nur die Türken sind skeptischer: Immerhin jeder sechste Türke in Berlin befürchtet eine starke Verschlechterung des Verhältnisses.

Was die Verallgemeinerung dieser Ergebnisse für andere deutsche Städte anbelangt, sind die WZB-Forscher zurückhaltend. Vergleiche mit anderen Studien zeigen, dass die politischen Aktivitäten von Zuwanderern in anderen deutschen Städten und Bundesländern oft weitaus stärker auf die Herkunftsländer gerichtet sind, als dies in Berlin der Fall ist. Deshalb könnte der Zusammenhang zwischen Integration in der eigenen ethnischen Gruppe und Integration in der deutschen Gesellschaft anderswo weniger positiv ausfallen.


Weitere Informationen: Dr. Ruud Koopmans, WZB,
Telefon: 030/25491-307,
E-Mail: ruud@medea.wz-berlin.de
Ingrid Hüchtker, Pressereferat, Telefon 030/25491-510, E-Mail: huechtker@wz-berlin.de

Burckhard Wiebe | idw
Weitere Informationen:
http://www.wz-berlin.de/

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