Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das gemeinsam zu erreichende Ideal

03.12.2001


Ein für die Staatengemeinschaft wichtiges Ereignis, das man sich ob der politischen Geschehnisse der vergangenen Wochen umso deutlicher ins Bewusstsein rufen sollte, jährt sich demnächst wieder: am 10. Dezember vor 53 Jahren wurde die "Universale Erklärung der Menschenrechte" verabschiedet. Die Wirkungsgeschichte dieser UN-Menschenrechtscharta hat in den vergangenen Jahren ein Wissenschaftlerteam um Professor Dr. Klaus Dicke von der Universität Jena erforscht, unterstützt von der VolkswagenStiftung mit rund 100.000 Euro. "Ohne den weltweit von fast allen Staaten anerkannten Kanon der Menschenrechte als ethisches Fundament", so der Jenaer Politikwissenschaftler, "wären heute politisches Handeln und eine globale Verständigung kaum denkbar."

Die UN-Deklaration umfasst den klassischen Katalog an Freiheitsrechten, wie er auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eingeflossen ist, ferner soziale und kulturelle Menschenrechte. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Erklärung, dass es vor allem Details des nationalsozialistischen Terrorregimes waren, die den Inhalt der in der Erklärung enthaltenen Rechte bestimmten. Andererseits war es gerade das spürbar eurozentristische Weltbild hinter dem universellen Geltungsanspruch, das von einigen dem Westen ferner stehenden Kulturen immer wieder kritisiert wurde.

Ziel der Jenaer Forscher war es nun, vor dem Hintergrund der ursprünglichen Absicht der Verfasser der Charta die tatsächliche Wirkung dieser formell nicht rechtsverbindlichen, wohl aber am häufigsten zitierten und wirkungsträchtigsten Deklaration der UN-Generalversammlung auf verschiedenen Ebenen zu untersuchen. Sichtbar sei geworden, beschreibt Dicke die Entwicklung, dass die internationale Politik in den vergangenen fünfzig Jahren die Menschenrechte immer weniger als eine innerstaatliche und immer mehr als eine weltpolitische Aufgabe begriffen habe. Damit hätten zwar die Konflikte auf der Welt keineswegs abgenommen, wohl aber begriffen sich die Staaten doch in viel stärkerem Maße als eine Wertegemeinschaft, "die um ihrer Wertordnung willen solche Konflikte zu verhindern und die Austragung von Konflikten in rechtliche Bahnen zu lenken versucht", sagt Dicke.
------------------------------------------------------------


Kontakt: Professor Dr. Klaus Dicke, Universität Jena, Telefon: 03641/945430, Fax: 03641/945432,

 E-Mail: s6woma@rz.uni-jena.de
------------------------------------------------------------
Von zentraler Bedeutung ist auch Art. 21, der auf den deutschen Juristen und Emigranten Karl Loewenstein zurückgeht. Dieser Passus verbrieft die politische Mitwirkung, wonach also jeder Mensch das Recht hat, "an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter teilzunehmen" - was durch das Recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern sowie durch die Volkssouveränität und allgemeines wie gleiches Wahlrecht näher konkretisiert wird. In mehreren Schriften hat Loewenstein dargelegt, dass freie Wahlen in regelmäßigen Abständen die einzig verlässliche Garantie für ein menschenrechtskonformes Regime abgeben. Dabei sei die Staatsform eher zweitrangig, entscheidende Bedeutung komme der Regierungsform zu.

Daraus lasse sich die Einsicht formulieren, so Dicke, dass um der Würde der Menschen willen sich die internationale Gemeinschaft der Verantwortung für die Regierungsform in welchem Staat auch immer nicht entziehen könne. "Der Geist der Universalen Erklärung der Menschenrechte lässt alles in al-lem erkennen, dass die Durchsetzung der Menschenrechte auf ein funktionierendes Ineinandergreifen von drei Instanzen angewiesen ist: den demokratischen Verfassungsstaat, die internationale Gemeinschaft und ihre Organe sowie die politische Öffentlichkeit."

Im Verlauf der Jahrzehnte nach der Verabschiedung hat sich das Gedankengut aus der Menschenrechtscharta auch auf einer nichtstaatlichen Ebene entfaltet. So wird zivilcouragiertes Handeln grenzübergreifend gerade von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) exemplarisch vorgelebt. Dicke: "Globale Vereinbarungen zum Umweltschutz wie etwa das Kyoto-Protokoll, der Strafgerichtshof in Den Haag, die Anti-Personenminen-Konvention oder das Zusatzprotokoll zur Kinderrechtskonvention wären ohne Beteiligung der NGOs so nicht zustande gekommen." Der Einfluss reiche gar bis auf die kommunalpolitische Ebene, wie man etwa an den Agenda-21-Programmen erkennen könne.

Der Politikwissenschaftler sieht in den Nicht-Regierungsorganisationen künftig unverzichtbare Stützen des Menschenrechtsgedankens - und in dieser Entwicklung hin zu weit entfalteter Unabhängigkeit von einzelstaatlicher Regierungspolitik eine Art Zukunftssicherung der Menschenrechtspolitik. Dennoch - oder vielleicht auch gerade deshalb - wird mancherorts zunehmend die Frage gestellt, ob die Erklärung der Menschenrechte von 1948 inzwischen nicht unter Umständen reform- oder ergänzungsbedürftig sei. Forderten doch zuletzt beispielsweise Staaten wie Malaysia, Kuba oder Mexiko eine Überarbeitung derselben ...

Über all dem verblasst die Leistung der Verfasser der Deklaration nicht. Sie ist wohl zuallererst darin zu sehen, dass ihnen ein Text gelang, der in einer denkbar klaren und einfachen Sprache einen Maßstab formuliert, an dem sich die Politik nach Auschwitz orientieren konnte.


------------------------------------------------------------
Kontakt Förderprojekt VolkswagenStiftung, Dr. Alfred Schmidt, Telefon: 0511/8381-237, Fax: 0511/8381-344, E-Mail: schmidt@volkswagenstiftung.de
------------------------------------------------------------
Kontakt Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, VolkswagenStiftung: Christian Jung, Telefon: 0511/8381-380, Fax: 0511/8381-344,E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de
------------------------------------------------------------

Dipl.Biol. Christian Jung | idw

Weitere Berichte zu: Deklaration Regierungsform Verfasser

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Innovation: Optische Technologien verändern die Welt
01.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht SeaArt-Projekt startet mit Feldversuchen an Nord- und Ostsee
18.11.2016 | Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie