Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unternehmen an der deutsch-polnischen Grenze

16.11.2001


Unternehmen an der deutsch-polnischen Grenze: zwischen Expansionshoffnungen und Rückzug
Im Vorfeld der EU-Osterweiterung wächst die Verunsicherung bei den wirtschaftlichen Akteuren im deutsch-polnischen Grenzraum. Diese Entwicklung verwundert den unbeteiligten Beobachter, der noch vor wenigen Monaten zuversichtliche Stellungnahmen von Lokal-, Landes- und Bundespolitikern konstatieren konnte. In den 90er-Jahren war in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, dass grenz-überschreitende Verflechtungsprozesse, die auf der Ebene der politischen Organisationen zustande gekommen waren, auch die Wirtschaft positiv stimmen und zu eigenen Kooperationsbemühungen veranlassen könnten. Dieser Eindruck verliert sich spätestens zur Jahrtausendwende. Symbolische politische Handlungen der Grenzüberschreitung haben ökonomische Formen der Zusammenarbeit und des Informationsaustausches offenbar kaum berührt. Unternehmens-Kooperationen über die Grenze hinweg kommen trotz punktueller Unterstützung durch die brandenburgische Landesregierung meist nur mühsam zustande.
Es handelt sich um eine mehrfache Verunsicherung:

  1. Einschätzungen der künftigen Wirtschaftsentwicklung der Grenzregion durch lokale Unternehmen pendeln zwischen den Extremen "Grenzregion als bevorzugter Kontakt- und Entwicklungsraum zwischen älteren und neuen EU-Mitgliedsregionen" und "Grenzregion als Schrumpfungsraum und neue Peripherie".
  2. Auf der Ebene betriebswirtschaftlicher Kalküle werden Verschlechterungen der gegenwärtigen Wettbewerbssituation durch die zunehmend krisenhafte Entwicklung der Wirtschaft im Grenzraum erwartet. Zudem werden neue Konkurrenzen durch polnische und andere ostmitteleuropäische Unternehmen befürchtet.
  3. Auf der soziokulturellen Nahraumebene werden die Einbettung der Unternehmer in lokale Milieus und die Verwicklung von Unternehmen in lokale Spreizungsprozesse zu einem zunehmenden Moment der Verunsicherung.

Auf der Basis einer lokalen Fallstudie (der deutsch-polnischen Doppelstadt Guben-Gubin) werden Milieubezüge und die alltäglichen Umfelder grenzüber-schreitender Kooperationstätigkeiten ökonomischer Akteure im Grenzraum diskutiert. Zudem wird die Frage nach Institutionalisierungsprozessen gestellt, die aus den jeweiligen Milieubezügen erwachsen. Die folgenden Ergebnisse werden zur Diskussion gestellt:

  • Entgegen landläufigen Annahmen hilft eine Verankerung in lokalen sozialen Milieus und Politiknetzwerken den Unternehmern nicht entscheidend dabei, stabile Orientierungen und grenz-überschreitende Handlungsperspektiven zu gewinnen. Grenzüberschreitende Kooperationen werden bislang eher von denjenigen realisiert, die nur einen lockeren Milieubezug haben oder in globalen Zusammenhängen agieren, die die Region selbst kaum berühren.
  • Kennzeichnend für die Situation in der Grenzregion sind Spreizungen zwischen der Ebene der Kommunalpolitik und dem lokalen Unternehmertum. Während lokale Politiker eine symbolische Politik im Dienste der europäischen Einigung und der deutsch-polnischen Verständigung praktizieren, fühlen sich viele Unternehmer mit ihren Bemühungen allein gelassen und wenden sich von der Lokalpolitik ab. Ihre Ansprechpartner suchen sie häufig eher in politischen Akteuren und Verbänden außerhalb der Grenzregion und in der Landespolitik.
  • Findet eine intensive Einbettung von Unternehmen in lokale Milieus und Politiknetzwerke statt, so geht sie oft mit Abschottungstendenzen gegenüber der polnischen Seite einher. Der sog. Lokalismus, d.h. eine auf den Ort bezogene, bodenständige Orientierung der Akteure, die in anderen regionalen Entwicklungszusammenhängen
    eine ausgesprochen positive endogene Ressource darstellt, wirkt sich in der deutsch-polnischen Grenzregion eher kontraproduktiv aus: Hier wird allenfalls die Förderung des deutschen Teils der Grenzregion, nicht jedoch einer neuen grenz-überschreitenden Region angestrebt.
  • Dennoch herrschen in dem weit verbreiteten "EU-Einigungsskeptizismus" der lokalen Kleinunternehmer und -händler nicht ausschließlich negative Einschätzungen vor. In der Regel vermischen sich Konkurrenzängste mit vagen Entwicklungshoffnungen. Eine Taktik des vorsichtigen Abwartens bei latent vorhandener Abwanderungsbereitschaft dürfte auch für die kommenden Jahre kennzeichnend sein.
  • Aufgrund ausbleibender Erfolge der politischen Stützungsversuche für grenzüberschreitende Kontaktaufnahmen und Kooperationen bleibt die Kooperationsszenerie von wenigen, isoliert operierenden Einzelunternehmern mit z.T. langjährigen Erfahrungen und großem persönlichen Engagement geprägt. Ein schnelles Zusammenwachsen der Regionen beiderseits der Grenze, gar unter Beteiligung von neuen, belastbaren Kooperationsnetzwerken, ist derzeit kaum absehbar.
  • Umso wichtiger ist es, lokale Handlungsansätze unter dem Vorzeichen der "Lernenden Region" zu entwickeln, die die beschriebenen Abschottungen auflockern und neue Verständigungswege zwischen den Akteuren erschließen.

Erkner bei Berlin

Direkter Kontakt im IRS:
Prof. Dr. Hans-Joachim Bürkner
Fax: 03362/793-111
Tel.: 03362/793-279
E-Mail: Buerkner@irs-net.de

Gerhard Mahnken | idw

Weitere Berichte zu: Akteur Grenzraum Grenzregion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Placebo-Effekt hilft nach Herzoperationen
11.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

nachricht Innovation: Optische Technologien verändern die Welt
01.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie