Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Meilenstein der Gedächtnisforschung

07.11.2001


Wer kennt das nicht: Auf einer Party werden uns eine Reihe von Personen vorgestellt, doch im Gedächtnis bleiben uns nur zwei oder drei Namen - der Rest ist für unser Gehirn "Schall und Rauch". Aber was muss in unserem Kopf passieren, damit wir uns später an einen Namen, eine Telefonnummer oder ein Gesicht erinnern und es nicht sofort wieder vergessen? Bonner Wissenschaftler sind der Antwort auf diese Frage einen bedeutenden Schritt näher gekommen. Sie untersuchten bei Epilepsie-Patienten die elektrische Aktivität zweier benachbarter Hirnregionen. Ergebnis: Wenn wir uns später erinnern sollen, müssen die beiden Areale Hand in Hand arbeiten. Die Studie wird in der Dezemberausgabe von Nature Neuroscience veröffentlicht.

Die anatomischen Strukturen, die über Erinnern oder Vergessen entscheiden, liegen in der Tiefe des Schläffenlappens: der sogenannte "Hippokampus" und der "rhinale Kortex". Die Regionen, die lediglich 15 Millimeter auseinander liegen, spielen bei der Gedächtnisbildung eine bedeutende Rolle: Wird eine der beiden Strukturen verletzt, kann die betroffene Person keine neuen Erinnerungen speichern.

Dr. Jürgen Fell und seine Kollegen von der Arbeitsgruppe für kognitive Neurophysiologie unter Leitung von Dr. Guillén Fernández nahmen daher diese "Gedächtnis-Regionen" genauer unter die Lupe. Normalerweise kleben die Mediziner bei derartigen Untersuchungen ihren Versuchspersonen Elektroden auf die Schädeldecke, mit deren Hilfe sie die elektrische Aktivität messen können. Der geringe Abstand von Hippokampus und rhinalem Kortex macht jedoch getrennte Messungen mit Hilfe solcher "Oberflächen-Elektroden" unmöglich.

Bei Patienten mit schweren Epilepsien implantiert man jedoch aus medizinischen Gründen Elektroden direkt in das Gehirn und versucht so, die "Fallsucht" in den Griff zu bekommen. Fell und Fernández untersuchten eine Gruppe von neun Epilepsie-Patienten, denen derartige "Tiefenelektroden" in den mittleren Schläfenlappen implantiert worden waren. Den Wissenschaftlern gelang es so, das Hirnstrom-Muster der beiden Gedächtnis-Regionen aufzuzeichnen. Währenddessen präsentierten sie den Versuchspersonen eine Reihe von Wörtern, die sie sich einprägen sollten. Waren die Hirnströme in den beiden untersuchten Regionen für wenige hundert Millisekunden genau im Gleichtakt, also synchronisiert, konnten die Probanden sich später an das zu dieser Zeit gezeigte Wort erinnern.

Nach Ansicht der Bonner Wissenschaftler spricht die Synchronisation der Hirnströme für eine Zusammenarbeit von rhinalem Kortex und Hippokampus. Man nimmt heute an, dass verschiedene Aspekte eines Sinneseindrucks in unterschiedlichen Hirnregionen verarbeitet werden: Betrachtet man beispielsweise einen grünen Ball, so wird die Information für die Farbe "grün" von anderen Nervenzellen ausgewertet als die Information für die Form "Kugel". Im rhinalen Kortex werden die verschiedenen Aspekte wieder zusammengefügt und im Zusammenspiel mit dem Hippokampus ins Gedächtnis überführt.

Bei ihren amerikanischen Fachkollegen ernteten die Bonner Hirnforscher bereits höchstes Lob für ihre Studien: Der Hirnforscher Anthony Wagner vom Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) bezeichnet die Ergebnisse als "Meilenstein" in der Gedächtnisforschung.

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.verwaltung.uni-bonn.de/presse/gedaechtnis.pdf
http://www.meb.uni-bonn.de/epileptologie/staff/fell/fell.htm
http://www.meb.uni-bonn.de/epileptologie/staff/fernandez/fernandez.htm

Weitere Berichte zu: Gedächtnisforschung Hippocampus Hirnströme Kortex Meilenstein

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Mit Nanopartikel-Tandems gegen den Herzinfarkt
01.12.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Virtuelle Realität für Bakterien
01.12.2017 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik