Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sprachpolitik in den muslimischen Staaten der ehemaligen UdSSR

31.10.2001


Aserbaidschan, Usbekistan, Kasachstan, Kyrgyzstan, Turkmenistan, Tadschikistan

Durch die jüngsten Ereignisse geraten die muslimischen Staaten entlang der Seidenstraßen noch mehr in das Blickfeld der internationalen Politik. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion spaltete sich das Riesenreich in selbständige Republiken auf, die durch den GUS-Verband mehr oder weniger enge Beziehungen untereinander und mit der ehemaligen Kolonialmacht Russland pflegen. Die Lingua franca in der Sowjetunion war Russisch: Eine Sprache, die alle spätestens mit Beginn der Schulausbildung erlernen mussten. Russisch war die Verständigungssprache zwischen den verschiedenen Nationen und Nationalitäten. Das Ende der Sowjetunion bedeutete in den nunmehr unabhängigen Republiken auch das Ende der Vorherrschaft der russischen Sprache. Die Schwierigkeiten, eine neue Sprachpolitik zu entwickeln und umzusetzen, haben Jacob M. Landau/Hebrew University, Jerusalem, und Barbara Kellner-Heinkele vom Institut für Turkologie der Freien Universität Berlin untersucht.

Die zentralasiatischen Völker besaßen zum Teil eine jahrhundertealte Literaturtradition. Mit der Konsolidierung der Sowjetherrschaft wurde das in den zentralasiatischen Schriftsprachen gebräuchliche persisch-arabische Alphabet durch jeweils unterschiedliche Varianten des lateinischen Alphabets ersetzt. Der politisch-kulturelle Hintergrund dieser Maßnahme war die "Abkehr vom Feudalismus" und die Hinwendung zur "modernen Zivilisation und zum Internationalismus". Das arabisch-persische Alphabet wurde zum Synonym für Rückständigkeit und Fortschrittsfeindlichkeit. Mit seiner Abschaffung wurden die starken religiösen, kulturellen und, nicht zu vergessen, sprachlichen Bindungen zu den islamischen Nachbarstaaten und zur eigenen kulturellen Tradition gekappt.

Mit der Kampagne zur Abschaffung des Analphabetentums, mit der Förderung der nationalen Kulturen und mit der Entstehung moderner Eliten ging die unbeabsichtigte Stärkung der nationalen und politischen Identität der nichtrussischen Völker der Sowjetunion einher. Dennoch begann das Russische als "Sprache des Imperiums" seit Ende der 30er Jahre die Bereiche höhere Bildung und Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Technik zu beherrschen. Die Titularsprachen, z.B. das Usbekische in Usbekistan, wurden in den alltäglichen Umgang, die Folklore und die schöne Literatur zurückgedrängt. Um 1940 wurde außerdem in allen Sprachen Zentralasiens das lateinische Alphabet durch das kyrillische ersetzt, auch die kulturelle Vielfalt mehr und mehr einer Sowjetisierung unterworfen. Publikationen in den einzelnen nichtrussischen Sprachen waren rückläufig. Das Russische sollte die gemeinsame Sprache der Sowjetmenschen, die "Sprache des Sozialismus" und der "Zement der Union" werden.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion bestärkte in den neu entstandenen Republiken die seit den 1980er Jahren zunehmenden Tendenzen "Zurück zu den eigenen Wurzeln". Die nationalen Eliten forderten die Anhebung des Status ihrer Nationalsprache, eine neue Bewertung der nationalen Geschichte, Literatur und Tradition. Literarische Werke zur Wiederbelebung der Vergangenheit der Turkvölker oder der iranischen Zivilisation erschienen und bereiteten ideologisch den Boden für Veränderungen.

In den sechs muslimischen Staaten (Usbekistan, Kasachstan, Kyrgystan, Turkmenistan und Tadschikistan sowie Aserbaidschan im Kaukasus) bedeutete dies, dass die Sprache der Titularnation zur Staatssprache erhoben wurde. In allen sechs Staaten wird die Nationalsprache planvoll gefördert und gestärkt. In Usbekistan, Turkmenistan und Aserbaidschan befindet sich das bis zur Unabhängigkeit dominante Russisch in einem Verdrängungsprozess, während es in Kasachstan, Kyrgyzstan und Tadschikistan weiterhin eine bedeutende Position behauptet. Jedoch wurden geographische Bezeichnungen, Landes-, Städte- und Straßennamen durch Namen in der Landessprache ersetzt. Auch die Wissenschafts- und Medienlandschaft wandelte sich: Publikationen wurden nun immer häufiger in die Staatssprachen übersetzt, dieselbe Tendenz ist in Fernsehen, Rundfunk und Pressewesen zu erkennen. Innerhalb von nur zehn Jahren wurde in dieser Weise das Russische auf den zweiten Rang verwiesen, ja mitunter der Sprache einer "einfachen" Minderheit gleichgesetzt.

Die Veränderungen gehen aber noch weiter: Aserbaidschan z.B. war das erste Land, das wieder das lateinische Alphabet einführte, wenig später gefolgt von Usbekistan und Turkmenistan. Die Öffnung nach Westen erleichtert die Ausbeutung wirtschaftlicher Ressourcen, und in der Wirtschaft setzt sich, gefördert durch ausländische Investitionen, vielerorts das Englische als business language durch.

Die Minoritäten in den jeweiligen Staaten spielen in der Sprachpolitik nur eine untergeordnete Rolle. Die Russen, die seit der Eingliederung des Kaukasus und Zentralasiens in das Zarenreich zur Führungsschicht gehörten und in der Sowjetunion den Hauptanteil an der Nomenklatura bildeten, werden in den neuen Staaten zunehmend zur Minderheit neben anderen Minderheiten: den Deutschen und Koreanern, den Tadschiken in Usbekistan, den Usbeken in Tadschikistan etc. - jeder dieser Staaten ist multiethnisch. Teile der russischen Bevölkerung grenzen sich auch selbst aus, indem sie sich weigern, die Staatssprache zu erlernen. Die Sprachenpolitik der unabhängigen Staaten wird von vielen Russen als diskriminierend empfunden und viele haben mit Abwanderung reagiert, obwohl sie aufgrund ihrer Kenntnisse weiterhin in allen Bereichen gebraucht werden.

Die Studie von J.M. Landau und B. Kellner-Heinkele untersucht vor dem politischen und kulturellen Hintergrund jedes Landes Wechselbeziehungen von Sprache und Politik, sie beleuchtet diese Entwicklungen auf der Basis von offiziellen Programmen und Dokumenten wie auch von Feldstudien, sie analysiert die entsprechenden politischen Debatten und Auseinandersetzungen und enthält reichhaltiges statistisches Material sowie Übersichten zu den neuen Alphabeten und eine extensive Bibliographie.


Literatur:
Jacob Landau & Barbara Kellner-Heinkele: Politics of Language in the ex-Soviet Muslim States Azerbayjan, Uzbekistan, Kazakhstan, Kyrgyzstan, Turkmenistan, Tadjikistan, London: C. Hurst & Co. 2001, 260 Seiten, 1 Karte, 32 Tabellen, 19 Illustrationen, ISBN 1-85065-442-5


Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Barbara Kellner-Heinkele, Institut für Turkologie der Freien Universität Berlin, Schwendenerstr. 33, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-53955, E-Mail: turkinst@zedat.fu-berlin.de

Hedwig Görgen | idw

Weitere Berichte zu: Alphabet Sprachpolitik

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Forschende der Uni Kiel entwickeln extrem empfindliches Sensorsystem für Magnetfelder
15.02.2018 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Getarntes Virus für die Gentherapie von Krebs
31.01.2018 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Im Focus: Developing reliable quantum computers

International research team makes important step on the path to solving certification problems

Quantum computers may one day solve algorithmic problems which even the biggest supercomputers today can’t manage. But how do you test a quantum computer to...

Im Focus: Innovation im Leichtbaubereich: Belastbares Sandwich aus Aramid und Carbon

Die Entwicklung von Leichtbaustrukturen ist eines der zentralen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft. Besonders in der Luftfahrtindustrie und in anderen Transportbereichen sind Leichtbaustrukturen gefragt. Sie ermöglichen Energieeinsparungen und reduzieren den Ressourcenverbrauch bei Treibstoffen und Material. Zum Einsatz kommen dabei Verbundmaterialien in der so genannten Sandwich-Bauweise. Diese bestehen aus zwei dünnen, steifen und hochfesten Deckschichten mit einer dazwischen liegenden dicken, vergleichsweise leichten und weichen Mittelschicht, dem Sandwich-Kern.

Aramidpapier ist ein etabliertes Material für solche Sandwichkerne. Sein mechanisches Strukturversagen ist jedoch noch unzureichend erforscht: Bislang fehlten...

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

Tag der Seltenen Erkrankungen – Deutsche Leberstiftung informiert über seltene Lebererkrankungen

21.02.2018 | Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Von Hefe für Demenzerkrankungen lernen

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Sektorenkopplung: Die Energiesysteme wachsen zusammen

22.02.2018 | Seminare Workshops

Die Entschlüsselung der Struktur des Huntingtin Proteins

22.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics