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Gewinn muss nicht klimpern

01.03.2006


Plöner und Hamburger Max-Planck-Forscher finden Zusammenhang zwischen öffentlicher Anerkennung und der Bereitschaft, das Klima zu schützen


Die Investitionen der Spieler. "Gut informierten" Spielerunden entsprechen rote Markierungen, "wenig Informierte" sind blau markiert. Falls die Spieler völlig anonym blieben, sind die Markierungen leer, falls dagegen die Pseudonyme bekannt gemacht wurden, sind sie Markierungen ausgemalt. Das Ergebnis: Bei informierten und nicht anonymen Spielern landete in jeder Runde das meiste Geld im Pool. Bild: Max-Planck-Institut für Limnologie



Das globale Klima kann man als öffentliches Gut ansehen. Doch wie kann man Menschen dazu gewinnen, sich altruistisch für dessen Erhalt einzusetzen? In einem Experiment gingen Forscher des Plöner Max-Planck-Instituts für Limnologie und des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie dieser Frage nach. Ihre Versuchspersonen sollten entscheiden, ob sie Geld für eine Zeitungsanzeige des Max-Planck-Institutes für Meteorologie spenden wollten, in welcher der Öffentlichkeit die Folgen klimaschädlichen Verhaltens und einfache Regeln zum Klimaerhalt dargestellt werden sollten. Das Ergebnis der Forscher: Menschen setzen sich vor allem dann für gemeinnützige Ziele ein, wenn sie gut informiert sind und ihre gute Tat öffentlich gemacht wird - denn so gewinnen die edlen Spender öffentliche Anerkennung, die ihnen so viel wert sein kann wie Geld (PNAS, Early Edition, 28. Februar 2006).



Das Verhältnis zwischen Altruismus und Egoismus wird seit langem von Psychologen, Soziologen und Spieltheoretikern untersucht. Ein Klassiker ist das folgende Experiment: Man gibt vier Versuchspersonen einen Geldbetrag von 10 Euro; in jeder Runde dürfen die Spieler davon zwischen 0 und 10 Euro in einen gemeinsamen Pool einzahlen, ohne dass ihre Mitspieler die Höhe der Summe erfahren. Ein Spielleiter sammelt das Geld ein, fügt denselben Betrag hinzu und teilt den Betrag unter allen Mitspielern gleich auf.

Gibt jeder alles, was er zur Verfügung hat, dann erhalten am Ende alle das Doppelte zurück. Spendet dagegen nur ein einzelner Mitspieler etwas und die anderen nichts, dann verliert er die Hälfte seines Einsatzes, während seine Mitspieler Gewinn ohne Verlustrisiko machen. Üblicherweise zahlt daher niemand freiwillig in den Pool ein: Nur so vermeidet man das hohe Verlustrisiko.

Dieses Experiment wandelten die Max-Planck-Wissenschaftler ab. Sie informierten die Spieler darüber, dass ihr Einsatz nach dem Spiel nicht ausgezahlt werde, sondern verdoppelt und in eine Zeitungsannonce investiert würde. Darin würde das Max-Planck-Institut für Meteorologie die Öffentlichkeit über den Zustand und die erwartete Entwicklung des globalen Klimas informieren und eine Liste einfacher, aber effektiver Regeln geben, wie jeder Mensch die Emission von Kohlendioxid verringern kann.

Die Spieler - insgesamt 156 Hamburger Studentinnen und Studenten - durften abwechselnd anonym oder unter Bekanntgabe ihrer Pseudonyme entscheiden, ob und wie viel sie von ihrem persönlichen Budget für den gemeinsamen Anzeigen-Pool spenden wollten. Dazwischen fanden immer wieder Runden eines anderen Spiels statt, in dem man von Mitspielern eher etwas bekommt, wenn man eine hohe "Reputation" hat. Jeder Spieler wird gefragt, ob er einem anderen Spieler Geld geben will. Der Empfänger erhält im positiven Fall das Doppelte des Gebereinsatzes. Vorher wird der Geber und alle anderen Mitspieler informiert, ob und wie viel der Empfänger in jeder nicht-anonymen Klimarunde und in Reputationsrunden eingezahlt hat. So kann sein Einsatz für den Klimaerhalt und sein Belohnungsverhalten belohnt werden. Zudem erhielt jede zweite Gruppe von sechs Spielern wissenschaftliche Informationen über Ursachen und Folgen des Klimawandels.

Das Ergebnis überraschte die Wissenschaftler: Alle Mitspieler spendeten Geld für die Anzeige; die größte Bereitschaft zeigten über den Klimawandel informierte Spieler, wenn sie öffentlich in den Klimapool einzahlen konnten (s. Abb.). In den Zweierrunden belohnten Geber bevorzugt solche Empfänger, die zuvor für den Anzeigen-Pool gespendet hatten. Anonym, also ohne Reputationsgewinn, wurde sehr wenig in den Klimapool eingezahlt. Es kann sich also auszahlen, in den Klimaerhalt zu investieren - über den damit verbundenen Reputationsgewinn: "Tue Gutes, wenn andere das auch sehen können". Aber auch wissenschaftliche Information hat einen signifikanten Effekt auf die Bereitschaft, öffentlich oder anonym in den Klimaerhalt zu investieren.

Die Wissenschaftler raten Politikern, sich verstärkt um die Entwicklung von Strategien kümmern, mit denen Investitionen von Mitbürgen in den Klimaerhalt publik gemacht werden können.

Originalveröffentlichung:

Manfred Milinski, Dirk Semmann, Hans-Jürgen Krambeck, Jochem Marotzke
Stabilizing the Earth’s climate is not a losing game: supporting evidence from public goods experiments

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

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