Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Projekt soll Tiermehl aus der Nahrungskette fernhalten

12.10.2001


Ingenieur Andreas Frank am FH-Laborreaktor. Das darin aus Tiermehl gewonnene Rohöl ist qualitativ mit dem in den Nordseefeldern geförderten Öl vergleichbar


Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Fachhochschule Gießen-Friedberg und der Universität Tübingen führt zu einer neuartigen Entsorgungslösung: Tiermehl wird im Labormaßstab in Rohöl und Aktivkohle umgewandelt.


Die Tierseuche BSE hat zur Vernichtung großer Viehbestände geführt, bäuerliche Existenzen gefährdet und den Verbraucher verunsichert. Als Ursache steht Tiermehl aus Großbritannien im Verdacht. Folge: Seit dem Dezember 2000 darf Futtermitteln kein Tiermehl beigemischt werden. Tiermehl ist ein Produkt von Tierkörperverwertungsanstalten (TKV). Diese erfüllen eine bedeutende seuchenhygienische Funktion bei der Entsorgung von Schlachthofreststoffen und Tierkadavern. Das Spektrum reicht von totgeborenen Kälbern über verendete Schweine bis hin zu Tieropfern in Folge von Verkehrsunfällen. Die Größenordnung in Deutschland: 2-3 Millionen Tonnen pro Jahr. In Deutschland fielen im Jahre 2000 ca. 775 000 Tonnen proteinhaltiges Tiermehl und ca. 310 000 Tonnen Tierfette an.

Bei den TKV sind inzwischen die Lager voll. Ihre seuchenhygienisch wichtige Funktion können diese Betriebe nur noch deshalb erfüllen, weil sie Tiermehl der Verbrennung in Öfen der Zementproduktion zuführen. Doch aus einem bislang gewinnbringenden Verkaufsprodukt ist nunmehr ein kostenpflichtiger Entsorgungsreststoff geworden.


Aus dieser veränderten Marktsituation heraus wurde an der Fachhochschule Gießen-Friedberg im Verbund mit der Universität Tübingen und verschiedenen Firmen eine neuartige Entsorgungslösung entwickelt. Prof. Dr. Ernst Stadlbauer vom FH-Labor für Entsorgungstechnik schätzt die BSE-Situation pragmatisch ein: "Im Sinne der Langzeitsicherheit kann Tiermehl nur dann aus der Nahrungskette ferngehalten werden, wenn sich für diesen Stoff eine bessere Wertschöpfung in anderen Bereichen erzielen lässt."

Gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Ernst Bayer von der Uni Tübingen entwickelte er im Labormaßstab ein entsprechendes Verfahren. Tiermehl wird unter Luftausschluss auf ca. 350 Grad Celsius erhitzt und unter Mitwirkung von Katalysatoren in Rohöl und Aktivkohle umgewandelt. Vorteil: Für Rohöl und Aktivkohle gibt es einen Markt. Der BSE-Erreger überlebt die thermokatalytische Behandlung nicht. Der im Projekt tätige Ingenieur Andreas Frank erläutert: "Bei diesem Entsorgungsweg für Tiermehl hat Mutter Natur Pate gestanden. Unter ähnlichen Bedingungen haben sich in geologischen Zeiträumen Erdöl- und Kohlelagerstätten gebildet. Je nach Zusammensetzung des Tiermehls erhalten wir ca. 30% Rohöl, 40% Aktivkohle, 20% Wasser und 10% brennbare Gase."

Professor Bayer sieht in dem Verfahren eine ideale Möglichkeit, auch Klärschlamm gewinnbringend zu entsorgen. Er ist der Pionier auf dem Gebiet der Niedertemperaturkonversion. Daraus erklärt sich das Interesse verschiedener in- und ausländischer Firmen an dem neuen Verfahren. Parallel zu den laufenden Untersuchungen in Tübingen und Gießen wird Professor Stadlbauer im Rahmen eines Forschungssemesters im australischen Perth die technisch-wirtschaftliche Umsetzung in einem internationalen Projekt vorantreiben.

Erhard Jakobs | idw

Weitere Berichte zu: Aktivkohle Entsorgungslösung Nahrungskette Rohöl Tiermehl

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Wie Coronaviren Zellen umprogrammieren
28.04.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

nachricht Naturkatastrophen kosten Winzer jährlich Milliarden
26.04.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie