Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn in deutschen Städten der Muezzin zum Gebet ruft

04.10.2001


Münchner Geograph hat Konflikte um die Errichtung und Nutzung von Moscheen in Deutschland untersucht

Der Islam gerät in Deutschland zunehmend in das öffentliche Bewusstsein. Angesichts der tagespolitischen Ereignisse mag eine solche Aussage allzu schnell auf terroristische Gewalttäter mit einem religiös-ideologischen, in diesem Fall islamischen, Hintergrund bezogen werden. Thomas Schmitt, Geograph aus München, stieß indes bei seinen Untersuchungen über Konflikte um die Errichtung und Nutzung von Moscheen in Deutschland auf ein Phänomen, das sich auch in der gegenwärtig aufgeheizten massenmedialen Berichterstattung - aller scheinbaren Differenziertheit im ’Kleingedruckten’ zum Trotz - bemerkbar macht: die reflexartige Gleichsetzung von Islam und Fundamentalismus (und Terrorismus). Im Zusammenhang eines Vortrags beim 53. Deutschen Geographentag in Leipzig, in dem Thomas Schmitt die Ergebnisse seiner Dissertation vorgestellt hat, bezieht sich der Eingangssatz freilich auf die Diskussionen eines ganzen Jahrzehnts.
Mit Beginn der neunziger Jahre wurde aus einer Gastarbeiter-Religion eine inländische Religion. Damals begann sich abzuzeichnen, dass die Arbeitsmigranten und ihre Nachkommen nur zu einem geringen Teil in ihre Herkunftsländer zurückkehren, sondern sich in der Mehrzahl in Deutschland etablieren würden. Dabei wurden und werden Provisorien durch dauerhafte Lösungen ersetzt. So treten etwa an die Stelle äußerlich unauffälliger Gebetsräume, die so genannten Laden- und Hinterhofmoscheen, mehr und mehr repräsentative Moscheebauten mit erkennbar islamischer Architektur. Diese verändern das sichtbare Stadtbild und, so Thomas Schmitt, bereichern es auch.

Gesellschaftlicher Wandel ist fast ausnahmslos von Konflikten begleitet. Dies trifft auch auf die Errichtung repräsentativer Moscheebauten oder die Einführung des islamischen Gebetsrufes zu. In mehreren deutschen Städten gab es in den letzten Jahren erregte Debatten um diese Fragen. Ein erbitterter Streit war 1996/97 um die Einführung des Gebetsrufes in Duisburg entbrannt, der nicht zuletzt durch das Auftreten von ’Scharfmachern’ aus dem christlich-fundamentalistischen Lager eskalierte.
Fast drei Jahre lang hat sich Thomas Schmitt mit Konflikten um die Errichtung von Moscheen und die Einführung des islamischen Gebetsrufes beschäftigt. Seine Untersuchungen konzentrierten sich auf die Städten Lauingen, Bobingen, Gladbeck, Lünen und Duisburg. Er führte zahlreiche Interviews mit den Vertretern der Konfliktparteien, wertete Presseberichte und viele andere schriftliche Quellen, darunter auch Stadtratsprotokolle, aus. Dabei zeigte sich, dass sich die Konflikte in ihren Austragungsformen und Ergebnissen in markanter Weise unterscheiden: Während etwa in Duisburg Befürworter und Gegner des Muezzin-Rufes vor laufenden Fernsehkameras, mit großformatigen Zeitungsanzeigen und Flugblättern miteinander rangen, scheuten anderswo die Kontrahenten die öffentliche Debatte. Dort wurde der Konflikt vor allem anhand von Rats- und Gerichtsprotokollen greifbar.

Ungeachtet aller Unterschiede in den Konfliktverläufen und ihren Austragungsformen zeigen die Fallstudien, dass sowohl die Befürworter als auch die Gegner immer wieder ähnliche Argumente anführen. Gelegentlich reichen die Ähnlichkeiten bis in die Formulierungen hinein, wenn etwa in Duisburg wie in Dortmund behauptet wurde, der Muezzin-Ruf sei der "i-Punkt", der für die deutsche Bevölkerung "das Fass zum Überlaufen" bringe.

Die Argumente lassen sich in der Regel drei Bereichen zuordnen. In den raumbezogenen-städtebaulichen Bereich gehören etwa solche Argumente, wonach die Moschee zu Parkproblemen und Lärmbelästigungen im Umfeld führe. Umgekehrt haben Befürworter bisweilen argumentiert, dass eine Moschee durchaus eine städtebauliche Bereicherung für das jeweilige Quartier darstellen könne. Dem ethnisch-kulturellen Bereich sind jene oft vorschnell geäußerten Einwände zuzuordnen, eine neue Moschee sei der Integration von Ausländern nicht dienlich. Teilweise wurde ohne jeglichen Anhaltspunkt die Finanzierung der Moschee mit Rauschgiftgeschäften in Verbindung gebracht. Was dabei übersehen wurde: Moscheen mit reger Gemeinde können eine integrative Funktion für die Muslime haben. Sie können darüber hinaus zu einem Brücken-Ort zwischen Christen und Muslimen, Deutschen und Migranten werden, der über die Stadtteilgrenzen ausstrahlt und zu einer festen Institution in der städtischen Gesellschaft wird - wie etwa im nordrhein-westfälischen Gladbeck.

Schließlich lässt sich ein Teil der Argumente dem religiösen Bereich zuordnen. Zum Teil wird dabei der Islam unbesehen als fundamentalistische, totalitäre Religion dargestellt, in Verkennung und Unkenntnis der innerislamischen Vielfalt und auch Pluralität. Als angeblich antiwestliche, antidemokratische und antichristliche Religion wird der Islam geradezu dämonisiert, die lokalen Vertreter der Moscheevereine sozusagen in Sippenhaft genommen für sämtliche Fehlentwicklungen in der islamischen Welt. Hingegen verweisen Muslime und Christen, die den Bau von Moscheen und den Ruf des Muezzin befürworten, auf die gemeinsamen Wurzeln der so genannten abrahamitischen Religionen Christentum, Judentum und Islam.
Wie Thomas Schmitt betonte, lassen sich die Konflikte um Moscheebauten und den islamischen Gebetsruf durch eine geschickte Standortwahl allein nicht bewältigen. Vielmehr komme es darauf an, einen intensiven Dialog vor Ort zu führen, sachlich über die Religion des Islam zu informieren und gelungene Beispiele islamischen Lebens und christlich-islamischen Miteinanders in Deutschland darzustellen.

Ihre Ansprechpartner:
Deutsche Gesellschaft für Geographie
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Peter Wittmann
Tel./Fax: (0711) 2 26 14 02
E-Mail: p.wittmann@epost.de
(bis 5.10.01 unter 0341-973 11 51 im Pressebüro des 53. Deutschen Geographentags in Leipzig)

Thomas Schmitt
Am Wald 17, 66763 Dillingen
Tel.: (06831) 76 98 80 oder (06831) 76 97 27
E-Mail: Thomas.Schmitt12@epost.de

Dr. Peter Wittmann | idw

Weitere Berichte zu: Gebetsruf Moschee Moscheebaute Muezzin Muslim

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Multidisziplinäre Studie regt neue Strategie zur Medikamentenentwicklung an
15.01.2018 | Heidelberger Institut für Theoretische Studien gGmbH

nachricht Interaktionen zwischen einfachen molekularen Mechanismen führen zu komplexen Infektionsdynamiken
09.01.2018 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Im Focus: Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen

Forscher schaffen neue Generation von Knochenimplantaten

Wissenschaftler am Julius Wolff Institut, dem Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien und dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

Fachtagung analytica conference 2018

15.01.2018 | Veranstaltungen

Tagung „Elektronikkühlung - Wärmemanagement“ vom 06. - 07.03.2018 in Essen

11.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal mit neuem Onlineauftritt - Lösungskompetenz für alle IT-Szenarien

16.01.2018 | Unternehmensmeldung

Die „dunkle“ Seite der Spin-Physik

16.01.2018 | Physik Astronomie

Wetteranomalien verstärken Meereisschwund

16.01.2018 | Geowissenschaften