Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schädelchirurgie im Mittelalter: Hirnoperation mit Schlafschwamm

25.09.2001


Der Würzburger "Wundenmann", eine Darstellung aus dem Jahr 1495, zeigte den Ärzten des Mittelalters, welche Waffen welche Verletzungen hervorrufen und wie diese zu behandeln sind. Quelle: "Fasciculus medicinae", Venedig, Gebrüder Gregorii.


Die Kriegsärzte des Spätmittelalters entwickelten besonders die chirurgische Behandlung von Schädelverletzungen weiter. Mit den kriegschirurgischen Texten und Abbildungen aus den Handbüchern jener Zeit setzt sich an der Universität Würzburg ein Projekt am Institut für Geschichte der Medizin auseinander.

Unter anderem wollen die Würzburger Medizinhistoriker einen Epoche machenden Operationsbericht aus dem 14. Jahrhundert publizieren, der die operative Entfernung eines Hirntumors unter Vollnarkose beschreibt. Hierzu hatten die frühmittelalterlichen Chirurgen ein Narkoseverfahren entwickelt, das seit dem 9. Jahrhundert bezeugt ist und sich bis ins ausgehende 15. Jahrhundert behauptete: Sie hielten dem Patienten einen so genannten Schlafschwamm an die Nase. Dieser war mit anästhesierenden Pflanzenextrakten (Opium, Alraune, Schierling) getränkt und der Patient atmete die narkotisierenden Dämpfe ein. Anschließend öffneten die Ärzte die Schädeldecke mit Hilfe eines Bohrers und schnitten den Tumor heraus.

Die Überlebensrate bei dieser Operation war erstaunlich hoch: Sie betrug annähernd 100 Prozent, wenn die harte Hirnhaut unversehrt blieb. Wurde sie dagegen verletzt, dann überstanden weniger als 70 Prozent der Patienten den Eingriff. Bei einer Verletzung der weichen Hirnhaut lag die Überlebensrate bei unter 50 Prozent. Untersuchungen an frühmittelalterlichen Schädeln aus dem Elsass und der Schweiz zeigten, dass Patienten eine solche chirurgische Behandlung sogar dann überlebten, wenn dabei sehr viel Hirnsubstanz verloren gegangen war.

Das Vorhaben am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin wird von Prof. Dr. Dr. Gundolf Keil und PD Dr. Werner Gerabek geleitet. Es ist ein Teilprojekt der Regensburger Forschergruppe "Formen und Funktionen des Krieges im Mittelalter", die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.

Vor allem will das Würzburger Teilprojekt an Hand der chirurgischen Fachliteratur sowie der entsprechenden Bildüberlieferungen vom späten 12. bis ins ausgehende 15. Jahrhundert verfolgen, auf welche Weise die damaligen Chirurgen waffentechnische Voraussetzungen und neue Strategien der Kriegsführung als Herausforderung erkannten und wie sie darauf reagierten.

Beispiel: Seit dem späten 14. Jahrhundert spielten kleinkalibrige Schussverletzungen zunehmend eine Rolle, so dass parallel zum Aufkommen der Hakenbüchsen die Diskussion entstand, welche Spezialbehandlung bei Schussverletzungen angewandt werden solle. Dr. Gerabek: "Auch hier bietet der Bereich der Schädel-Traumatologie beispielhafte Voraussetzungen, um die Entwicklung des Kampfgeschehens an den therapeutischen Bemühungen der Feldchirurgie ablesen zu können."

Dabei soll auf die Stellung der Wundärzte bei der sanitätsdienstlichen Versorgung in den Landsknechtsheeren ebenso eingegangen werden wie auf ihre Position in Städten und Gebietskörperschaften. Die ärztlichen Antworten auf die Veränderungen der Kriegsführung sollen als kulturelles Phänomen sichtbar gemacht werden, das sich in der Entfaltung einer innovativen Terminologie sowie in der Entwicklung einer neuen Literaturgattung manifestierte, welche den chirurgischen Dialog mit den kriegsgeschichtlichen Abläufen widerspiegelt.

Weitere Informationen: PD Dr. Werner Gerabek, T (0931) 79 678-15, Fax (0931) 79 678-78, E-Mail: 
werner.gerabek@mail.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw

Weitere Berichte zu: Hirnhaut Mittelalter Schlafschwamm Schädelchirurgie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Mit Nanopartikel-Tandems gegen den Herzinfarkt
01.12.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Virtuelle Realität für Bakterien
01.12.2017 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik