Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Kinder sich ärgern. Wie entwickelt sich die Ärgerregulierung bei Kindern?

11.09.2001


Na, heute schon geärgert? Jeder erlebt es täglich (statistisch gesehen mindestens einmal), dieses Gefühl des Ärgers, das unsere Gesichtszüge, unsere Stimmlage und u.U. auch unsere Gebärden manchmal entgleisen lässt. Wir kennen 1001 Anlässe, uns mehr oder weniger heftig aufzuregen, mindestens genauso viele mehr oder weniger geeignete Möglichkeiten, den Dampf wieder abzulassen, aber auch die körperlich und psychisch belastenden Folgen, wenn unser Dampf kein geeignetes Ventil findet. Bei Kindern sieht das grundsätzlich ähnlich aus. Da kennen wir z.B. die berühmt-berüchtigte "Trotzphase", während derer auch noch so - aus Erwachsenensicht - nichtige Anlässe zu Wutanfällen gereichen. Diese verlangen selbst den geduldigsten Eltern und Erziehern ein gerütteltes Maß an Selbstbeherrschung ab und treiben die Auflagenzahlen ratgebender Literatur in die Höhe. Wie in dieser und den anderen kindlichen Lebensphasen Ärger entsteht, erlebt, ausgedrückt und verarbeitet (reguliert) wird, das hat Maria von Salisch, Privatdozentin am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie der Freien Universität Berlin, in einem Projekt untersucht. In ihrem Buch "Wenn Kinder sich ärgern" stellt sie ihre eigenen Forschungsergebnisse vor und setzt sie mit anderen Theorien, Modellen und Studien in Beziehung. So ist ein komplexer und zugleich differenzierter Überblick über das Thema "Ärgerregulierung bei Kindern" gelungen.

Ausgangspunkte der Betrachtung sind das "Konzept der Darbietungsregeln" (vgl. Maria von Salisch, "Der Gesichtsausdruck ist die Botschaft", in: Wissenschaftsmagazin der Freien Universität Berlin, fundiert 02/2001, S. 16ff.), wonach der äußerliche Gefühlsausdruck entsprechend kultureller und sozialer Regeln moduliert wird, sowie das "Konzept der Bewältigung", das die innere Verarbeitung - besonders die Verkleinerung - der Gefühle hervorhebt. Zusammengefasst sind diese Konzepte im Begriff der "Emotionsregulierung", definiert als Strategien, den Gefühlsimpuls in Ausdruck, Erleben oder Physiologie umzuformen, und zwar sowohl im Umgang mit anderen als auch mit sich selbst, bezogen auf unterschiedliche Bereiche und Zeitpunkte.

Warum nun macht Maria von Salisch aus dem vielfältigen Kanon des Gefühlslebens ausgerechnet den Ärger zum Gegenstand ihrer Überlegungen und Studien? Als wichtigste Gründe nennt sie die fundamentale Bedeutung für das menschliche Miteinander und die Tatsache, dass Ärger die häufigst empfundene Emotion ist. Dabei steht der Ärger über andere Personen im Vordergrund, den wir besonders dann erleben, wenn wir uns durch diese Personen blockiert oder gekränkt fühlen bzw. wir sie für andere Regelverletzungen verantwortlich machen. Als extremste Ausdrucksformen nicht regulierten Ärgers kennen wir Amokläufe. Auch andere mehr oder weniger aggressive Rache- und Vergeltungsakte sind uns geläufig. Die erfolgreiche Ärgerregulierung ist also besonders wichtig für positive zwischenmenschliche Beziehungen und für ein funktionierendes Gemeinwesen. Auch unsere individuelle Gesundheit leidet, wenn wir unseren Ärger häufig entweder in Form von Feindseligkeit oder depressiver Verstimmung (er-)leben. Wie aber nun - und das ist eine der zentralen Fragen - entwickeln sich im Laufe der Kindheit diese Fähigkeiten, Ärger zu regulieren? Unter welchen Umständen werden sie gelernt?

Verschiedene Beobachtungen und Studien legen nahe, dass Säuglinge etwa ab dem 2. Lebensmonat Ärger ausdrücken können. Sie setzen vor allem den Protest ein, um ihr Ziel zu erreichen. Die rasante neurologische und motorische Entwicklung in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres produziert einerseits vermehrt Ärgeranlässe, ermöglicht andererseits aber auch neue Strategien zur Ärgerregulierung, die die Kinder sich z.T. von ihren erwachsenen Betreuungspersonen "abgucken". Häufigere Wutanfälle in der sog. "Trotzphase" werden durch die Gedächtnisentwicklung begünstigt. Die Kinder erinnern sich an frühere Ärgersituationen und steigern sich dadurch in die aktuelle hinein. Ab etwa dem 3. Lebensjahr entwickeln die Kinder auch zunehmend ein Regelverständnis. Die Kinder empfinden das dadurch häufig hervorgerufene Schamgefühl eher schmerzhaft und überspielen es mit Wut. Zur gleichen Zeit setzt auch die Fähigkeit ein, über Gefühle zu sprechen. Sowohl die Häufigkeit als auch die Art gefühlsbezogener Gespräche in Familien haben Einfluss darauf, wie die Kinder Ärger erleben und regulieren.

Ab dem Vorschulalter gewinnen die Beziehungen zu älteren Geschwistern und etwa gleichaltrigen Kindern eine größere Bedeutung. Die Kinder lernen sich gegenseitig abzustimmen, vor allem Regeln und Lösungen für Spiele und andere soziale Situationen auszuhandeln. Die zunehmenden verbalen Fähigkeiten und das Wissen über verschiedene Aspekte des Ärgers, wie frustrierende Erlebnisse, Absichten des Verursachers oder Folgen aggressiven Verhaltens, lassen die Kinder ihren Ärger differenzierter bewerten, erleben und regulieren.

Wie Kinder im Schulalter Ärger er- und ausleben, haben Maria von Salisch und ihre Mitarbeiterinnen in ihrem Projekt selbst untersucht. Sie ließen die Kinder Ärgertagebücher führen, setzten ein teilstandardisiertes Ärger-Folgen-Interview sowie einen eigens entwickelten Fragebogen KÄRST (kindliche Ärgerregulierungsstrategien) ein, der das Ärgerverhalten gegenüber Freunden erfasst. Dabei fanden sie als wesentliche Ergebnisse heraus, dass konfrontierendes oder schädigendes Verhalten eher die Ausnahme ist. Ebenso deutlich ergab sich , dass ältere Kinder häufiger die Strategie wählen, sich äußerlich oder innerlich von Ärger verursachenden Freunden abzuwenden oder "cool" zu bleiben, sich also den Ärger nicht anmerken zu lassen. Überhaupt lernen Kinder mit zunehmendem Alter mehr Strategien, unerwünschte Formen des Ärgerausdrucks zu "maskieren". Dabei spielen allerdings die Art der Beziehung und das Vertrauen zum Verursacher eine wichtige Rolle.

Natürlich interessiert auch die Frage, inwieweit sich Mädchen und Jungen darin unterscheiden, Ärger zu erleben und zu regulieren. Tatsächlich bedienen die Ergebnisse z.T. die gängigen Klischees. Zwar berichten Jungen und Mädchen etwa gleich häufig sozial bedingten Ärger, doch neigen Mädchen eher dazu, das Ausmaß ihres Ärgers vor dem Verursacher zu verbergen. Dies ließe sich u.a. damit begründen, dass Mädchen eher negative Folgen erwarten, wenn sie ihren Ärger offen ausdrücken, und dass sie diesen häufiger negativ oder als unberechtigt bewerten. Diese Ergebnisse könnten auch erklären, warum Jungen häufiger konfrontierendes oder schädigendes Verhalten bzw. Rachegedanken äußern. Eher unerwartet ergab sich, dass Jungen eher dazu neigen, den Verursacher ihres Ärgers bei anderen anzuschwärzen bzw. ihn aus dem Gruppengeschehen auszuschließen.

Die Autorin widmet sich auch dem aus pädagogischer, psychologisch-therapeutischer und gesellschaftlicher Sicht spannenden Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und Ärger. Dabei stellt sie fest, dass Kinder mit schwachem oder labilem Selbstwert sich sowohl häufiger als auch stärker ärgern, was sich z.T. auch in verstärkter Aggressivität - besonders bei Jungen - niederschlägt. Selbstwertschwache Kinder greifen bei Ärger auch eher zu Chips und Cola oder ähnlichen Tröstern. Dagegen verbergen Kinder mit starkem Selbstwertgefühl überraschenderweise eher ihren Ärger und distanzieren sich.

In ihrem Ausblick präsentiert Maria von Salisch ein integratives Modell. Darin fasst sie die bisherigen Erkenntnisse darüber zusammen, wie zwischenmenschliche Prozesse die intrapsychischen Emotionskomponenten beeinflussen, und stellt das Ganze in einen konzeptuellen Rahmen und in Bezug zur Altersentwicklung. Am Ende kommt Maria von Salisch zu dem Schluss, dass ihre und andere Untersuchungen doch mehr neue Fragen aufwerfen als sie beantworten. So sollten individuelle Faktoren, wie z.B. Temperament, körperliche Befindlichkeiten oder Selbstkonzept, näher beleuchtet werden, ebenso zwischenmenschliche Einflussgrößen, wie z.B. elterliches Gesprächs- und Erziehungsverhalten oder die vielfältigen Beziehungen zu Gleichaltrigen. Also nicht nur 1001 Ärgeranlässe, sondern auch ebenso viele Forschungsanlässe und Fragen, die nicht nur von rein wissenschaftlichem Interesse sind.

von Nicola Kampa

Literatur:
Maria von Salisch: Wenn Kinder sich ärgern. Emotionsregulierung in der Entwicklung, Göttingen/Bern/Toronto/Seattle: Hogrefe-Verlag, 2000, ISBN: 3-8017-1088-2

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
PD Dr. Maria von Salisch, Institut für Psychologie der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-55845, E-Mail: msalisch@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | ots

Weitere Berichte zu: Dampf Psychologie Verursacher Ärgerregulierung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Speiseröhrenkrebs einfacher erkennen
06.03.2017 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

nachricht Neues Labor für die Aufbautechnik von ultradünnen Mikrosystemen
21.02.2017 | Hahn-Schickard

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise