Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geschlechterforschung: Die Quote gab es bereits 1952

07.08.2001


Die Gewerkschaft ver.di hat fast drei Millionen Mitglieder, die Hälfte davon sind Frauen. Die ÖTV hat in den letzten Jahren einiges dazu beigetragen, gewerkschaftliche Geschlechterpolitik, die mehr sein will als reine Frauenpolitik, salonfähig zu machen. Doch der Weg war nicht ohne Hürden. Am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) der TU Berlin wurde die emanzipatorische Geschlechterpolitik von 1949 bis 1989 untersucht.

Die Rolle von Frauen in Gewerkschaften ist in der historischen Forschung immer noch unterbelichtet. Noch können Zeitzeugen befragt werden, die die ersten Jahre mitgestaltet haben. Genau das tat die Historikerin Dr. Brigitte Kassel von der TU Berlin. Darüber hinaus durchforstete sie das unerschöpfliche ÖTV-Archiv in Stuttgart auf Frauenpolitik und deren Akteurinnen. Grundannahme der Untersuchung ist, dass Organisationen Interaktionszusammenhänge konkreter Menschen sind, die in der Organisation ihre Interessen und Konflikte aushandeln. Auch die Geschlechterbeziehungen sind Teil dieses Prozesses. Die Chancen von Frauen, dort gestaltend einzugreifen, sind u.a. abhängig von ihrem quantitativen Gewicht; sie erhöhen sich, wenn Frauen Netzwerke bilden. Geschlechter- und Machtverhältnisse können aber auch von außen durch gesellschaftliche und soziale Bewegungen beeinflusst werden. Vor allem aber gilt es, in der Phase des Aufbaus, wenn Strukturen noch nicht festgezurrt sind, Einfluss zu nehmen und Positionen zu besetzen.
Vor diesem Hintergrund wurde der Frage nachgegangen, wie sich die geschlechtsspezifische Aufspaltung von Interessen in der Politik der ÖTV seit ihrer Gründung im Januar 1949 bis 1989 niederschlug. Analysiert wurden u. a. die Organisationsstrukturen. Bereits bei ihrer Gründung sah die ÖTV besondere Strukturen für die gewerkschaftliche Frauenarbeit mit Frauenausschüssen und Frauenkonferenzen vor. Viele dürfte es überraschen, dass bereits 1952 eine Quotenregelung eingeführt wurde. Diese war zwar unverbindlich, trotzdem war die ÖTV damit Vorreiterin. "So viel Anfang war nie", charakterisierte denn auch eine Zeitzeugin die Stimmung der ersten Gewerkschafterinnen-Generation.


In den 60er Jahren wurde diese allmählich abgelöst. Ihr folgten jüngere Frauen, die die Frage der Gleichberechtigung anders sahen. Sie profitierten von der Bildungsexpansion; ihre Ansprüche auf qualifizierte Erwerbstätigkeit wuchsen; sie wollten es den Männern gleichtun. Das gesellschaftliche Klima weckte gerade bei Jüngeren die Erwartung, dass ihnen nun alle Türen, auch in der Gewerkschaft, offen stünden. Besondere Regelungen für die Beteiligung von Frauen schienen verzichtbar. Deshalb gab es auch keinen Aufschrei, als 1968 die Frauenkonferenzen abgeschafft und die Quotenregelung gestrichen wurden. Erst als die Gewerkschafterinnen ihre Hoffnungen auf mehr Beteiligung und Gleichberechtigung nachhaltig enttäuscht sahen, machten sie in den 80er Jahren Frauenpolitik erneut zum Thema. Indirekt wirkte sich dabei sicher auch der Einfluss der in den 70er Jahren entstandenen neuen Frauenbewegung aus. Zentrales Thema der 80er Jahre wurden die Einrichtung von Gleichstellungsstellen und die Entwicklung von Frauenförderplänen. Diese Art der Förderung konzentrierte sich anfangs zwar auf die öffentlichen Verwaltungen. Doch um glaubwürdig zu bleiben, konnte die ÖTV nicht umhin, auch innerhalb Frauenförderung zu betreiben. So kam es, dass Ende der 80er Jahre die Strukturen gewerkschaftlicher Frauenarbeit von 1952 wieder neu erfunden wurden: Frauenkonferenzen und eine Frauen-Soll-Quote und 1992 wurde die
Soll-Quote in der ÖTV in eine Muss-Quote verschärft.
Den Gewerkschafterinnen der Aufbaujahre fiel es nicht schwer, das Recht der erwerbstätigen Frauen auf einen bezahlten freien Hausarbeitstag im Monat zu verteidigen. Erwerbstätige Frauen waren schließlich durch Haushalts- und Familienarbeit erheblich zusätzlich belastet. Die Debatte über Teilzeitarbeit in den 70er Jahren zeigte dann, wie immer stärker die Gleichheit der Geschlechter durchgesetzt wurde. Eine vollständige Emanzipation war nur über Vollzeiterwerbsarbeit möglich, denn nur diese versprach die Chance auf eine eigenständige, vom Mann unabhängige Existenz. Übersehen wurde, dass sich das "Normalarbeitsverhältnis" angesichts steigender Arbeitslosigkeit allmählich zum Auslaufmodell entwickelte. Seit den späten 90er Jahren ist nun das Konzept des Gender Mainstreaming, also die Berücksichtigung der Geschlechterperspektive in allen Politikfeldern, zum leitenden Prinzip der gewerkschaftlichen Frauen- und Geschlechterpolitik avanciert.

Datenbank


Ansprechpartner: Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, TU Berlin, Dr. Brigitte Kassel
Kontakt: Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin, Tel.: 030/314-26974, Fax: 030/314-26988, E-Mail: brigitte.kassel@t-online.de, Internet: http://www.kgw.tu-berlin.de/zifg, Brigitte Kassel: ... letztlich ging es doch voran! Zur Frauenpolitik der Gewerkschaft ÖTV 1949-1989, hg. v. ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft e.V. und Hans-Böckler-Stiftung, Stuttgart 2001. Zu beziehen ist die Arbeit über die Gewerkschaft.
.
Projekt: Die Frauenpolitik der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr von 1945/1949 bis Ende der achtziger Jahre. Leitung: Prof. Dr. Karin Hausen
Fachgebiet: Geschlechterforschung, Geschichtswissenschaft, Gewerkschaftsgeschichte
Förderung: Hans-Böckler-Stiftung (HBS); Gewerkschaft ÖTV, Hauptvorstand, Stuttgart

Ramona Ehret | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-berlin.de/forschung-aktuell
http://www.tu-berlin.de/presse/wissenschaftsdienst/
http://www.tu-berlin.de/presse/wissenschaftsdienst/experten/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Neues BMBF-Forschungsvorhaben zum Tracer-Based Sorting für das Recycling von Verpackungen
23.08.2017 | Hochschule Pforzheim

nachricht Studie für Patienten mit Prostatakrebs: Einteilung in genomische Gruppen soll Therapie präzisieren
21.08.2017 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Zukunft des Leichtbaus: Mehr als nur Material einsparen

23.08.2017 | Veranstaltungen

Logistikmanagement-Konferenz 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Spot auf die Maschinerie des Lebens

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die Sonne: Motor des Erdklimas

23.08.2017 | Physik Astronomie

Entfesselte Magnetkraft

23.08.2017 | Physik Astronomie